Die Monnaie de Paris ist ein 1775 errichtetes hochherrschaftliches Palais direkt an der Seine, wo diese vom Pont Neuf überquert wird – zentraler geht es kaum in der französischen Hauptstadt. Und von zentraler Bedeutung war denn auch der Ort selbst: als Münzstätte der französischen Könige, Kaiser und Republiken. Seit einigen Jahren aber wird das französische Münzgeld woanders geprägt, und das prominente Gebäude beherbergt seitdem ein numismatisches Museum und eine Sonderausstellungsfläche. Letztere widmet sich in jeweils halbjährlich wechselnden Präsentationen den vielfältigen Aspekten der Geldgeschichte. Die aktuelle Schau kommt so populär daher, wie man es sich als Museumskurator nur wünschen kann – und just das wird die beiden Verantwortlichen, Lucas Hurerau und Damien McDonald, am Thema auch gereizt haben. „Cling!“ ist ihre Ausstellung mit einer Lautmalerei überschrieben, die einen Münzeinwurf anklingen lässt, und erst der Untertitel verrät, worum es konkret geht: „La bande dessinée parle cash“ – der Comic erzählt von barem Geld. Dazu ist als Plakatmotiv eine der berühmten wiederkehrenden Szenen aus André Franquins langlebiger Gag-Comicserie „Gaston“ zu sehen, in der sich der Titelheld als Autofahrer in den Kampf mit Parkuhren begibt – und mit einem übereifrigen Polizisten, der in der deutschen Übersetzung Knüsel heißt, im französischen Original aber Longtarin, also Langnase. Es ist jedoch Gaston, der dem Gesetzeshüter stets um eine Nasenlänge voraus ist. Das französische Publikum liebt ihn dafür. Und so strömt es in die Monnaie, doch dort erwartet die zahlreichen Besucher etwas anderes als erwartet. Und dann doch genau das, was hierher passt. Wie das? Zeichnerruhm soll die thematisch schwachbrüstige Schau stärken Der Schau fehlt ein Konzept. Das merkt man schon im Entrée, wo zunächst eine echte Entdeckung zu machen ist: der Comic „Reise in ein Geldstück“, gezeichnet 1937 von Clarence Gray im Rahmen der heute längst vergessenen amerikanischen Science-Fiction-Serie „Brick Bradford“. Doch daneben werden mit Franquin, Yves Chaland und François Schuiten drei Großmeister des franko- belgischen Comics mit Arbeiten gezeigt, die gar nichts mit Geld zu tun haben, sondern nur mit dem Clou der amerikanischen Geschichte, der darin besteht, dass Brick Bradford sich derart verkleinern lässt, dass er ins atomare Gefüge einer Münze eindringen kann. Franquin, Chaland und Schuiten beschäftigen sich in ihren ausgestellten Zeichnungen und Objekten zwar jeweils auch mit Atommodellen, aber keinen monetären. Was sollen diese Werke also hier? Sie sind dazu bestimmt, möglichst viel Zeichnerruhm abzuwerfen, auf dass die thematisch schwachbrüstige Ausstellung mächtig prominent wirke. Und da dann im Laufe des Parcours noch Namen wie Hergé, Tillieux, Moebius, Druillet, Gotlib, Peyo, Morris oder Uderzo dazukommen, hat man ein veritables Who’s who französischsprachiger Starzeichner. Mit Will Eisner, Carl Barks, Charles Schulz, Alex Raymond oder Milton Caniff kommen amerikanische Legenden dazu. Sie alle haben sich tatsächlich dem Thema Geld gewidmet, aber in solchen Ausprägungen wie Schatzsuche, Bankraub oder Falschmünzerei, also den abenteuerlichen Aspekten der Geldwirtschaft. Vom ökonomischen Alltagsgeschehen ist kaum die Rede. Kurz: Es ist an Comicautoren alles versammelt, was Rang und Namen hat. Und nicht nur aus der Vergangenheit, sondern auch Zeitgenössisches. Gleich acht aktuelle europäische Comic-Größen hat die Monnaie eigens engagiert, um jeweils emblematische Porträts von als Archetypen identifizierten Figuren zu schaffen, die in den einzelnen Ausstellungsteilen für die Vielfalt des Umgangs mit Geld stehen: Abenteurer (illustriert von Ugo Bienvenu), Diebe (Blutch), Sparer (Coco), Außenseiter (Florence Cestac), Milliardäre (Nicolas de Crécy), Spieler (Anouk Ricard), Fälscher (Thomas Ott) und Alchemisten (Catherine Meurisse). Man sieht: Anders als bei der männlich dominierten Klassikerriege geht es bei den Gegenwartsautoren ganz egalitär zu; die Hälfte sind Frauen. Ein gestalterischer Geniestreich ist Cocos Brettspiel-Parodie „Fricopoly“ Diese acht Bilder zieren mehrere Meter lange Banner, die in der prunkvollen Festhalle der Monnaie von der Decke herabhängen und eine Schau vermuten lassen, in der mit plakativer Wucht gesellschaftsrelevanten Fragen nachgegangen wird. Man sehe sich etwa nur De Crécys famoses Milliardärsmotiv an, für das er Elon Musk die typischen Attribute eines Superschurken verliehen hat. Oder Cestacs punkige Skateboarderin, die über das Raster eines Kassenbuchs hinwegrollt. Doch was dann in der eigentlichen Ausstellung folgt, sind kleinteilig dicht gehängte Kabinette, die auf Fülle statt Finesse setzen. Nur einmal, bei den „Spielern“, ist den Ausstellungsmachern ein gestalterischer Geniestreich geglückt: durch das auf Saalgröße aufgeblasene Spielfeld von „Fricopoly“, einer bitterbösen, auf französische Verhältnisse gemünzten Parodie des bekannten „Monopoly“-Brettspiels, die Coco eigens für „Cling!“ gezeichnet hat. Doch davor und danach ist alles bloße Comic-Historiographie. Und kaum etwas davon ist erkenntnisfördernd – zum Geld schon gar nichts, aber auch nicht zur Erweiterung des Comic-Kanons. Warum passt das Ganze dann doch so gut in die Pariser Münzstätte? Weil sich der Marktwert der hier ausgestellten Originalzeichnungen auf immense Summen addiert. Erst am vergangenen Wochenende wurde in Paris eine „Asterix“-Seite von Albert Uderzo für mehr als 350.000 Euro versteigert, wenige Wochen zuvor hatte eine Titelzeichnung für dieselbe Serie in Brüssel fast eine halbe Million gebracht. Solche Kostbarkeiten hängen in der Monnaie in dichter Folge an den Wänden, und mit der Ausstellung wird ihr Wert zweifellos noch einmal gesteigert – deshalb ließen sich wohl so viele Privatsammler zur zeitweisen Trennung von ihren Schätzen bewegen, so etwa besonders großzügig-eigennützig die Erben von Morris, die vor zwei Jahren damit begonnen haben, dessen lebenslang gehütete „Lucky Luke“-Zeichnungen zu versilbern. Hier in der Monnaie wird also immer noch Geld gemacht: Papiergeld in Comicform, von dem sich jene Zeichner wohl nichts hätten träumen lassen, die sich 1986 für den Band „Banque de France“ imaginäre Geldscheine einfallen ließen, von denen auch einige zu sehen sind. Cling! La bande dessinée parle cash. In der Monnaie de Paris; bis zum 6. September. Der opulent bebilderte französischsprachige Katalog (erschienen bei Skira) kostet 30 Euro.
