Donald Trump hat gleichsam in letzter Minute dafür gesorgt, dass Wladimir Putin auch in diesem Jahr beruhigt seinen „Tag des Sieges“ feiern kann. Mit seiner Initiative zu einer dreitägigen Waffenruhe von Samstag bis einschließlich Montag, der neben Moskau auch Kiew zugestimmt hat, erlöst der amerikanische Präsident den russischen Herrscher aus einem Dilemma. Denn zuvor entstand der Eindruck, dass der 9. Mai für den russischen Herrscher Wladimir Putin in diesem Jahr nur noch Verliererszenarien bereithielt. Aufgrund der Gefahren durch ukrainische Drohnen und Raketen wurde zunächst angekündigt, dass das Defilee auf dem Roten Platz verkleinert werde. Am Samstagmorgen sollen Soldaten marschieren und Kampfflugzeuge fliegen, aber keine Panzer und Raketenwerfer rollen. Ein ukrainischer Angriff hätte bedeutet, dass Moskaus Drohungen mit einem Raketenvergeltungsangriff auf Kiew nicht gefruchtet hätten. Wäre es der russischen Flugabwehr nicht gelungen, einen Angriff auf die Parade rechtzeitig und vollständig abzuwehren, wäre es noch schlimmer gekommen. Selbst wenn die Ukrainer trotz der immer deutlicheren Ankündigungen ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj doch nicht versucht hätten, Putins Parade zu stören, wäre das für den Kreml nicht gut gewesen. Dann hätten sich wohl viele gefragt, warum die beispiellosen Einschränkungen des mobilen Internets und die drastischen Drohungen sein mussten. Letztere zeugen von Sorgen und damit vom Menetekel aller Machthaber: Schwäche. Trumps eigene Waffenruhe Der Amerikaner rettet Putins Feier. Die „Forderung“, die Waffen schweigen zu lassen, stamme „direkt von mir“, schrieb Trump am Freitagabend um 20 Uhr deutscher Zeit auf seiner Plattform Truth Social und hieß gut, dass Putin ebenso wie Selenskyj zugestimmt hätten. Der ukrainische Präsident bestätigte dies kurz darauf, dankte Trump und machte klar, dass man dessen Initiative zugestimmt habe, weil sie einen Austausch von jeweils 1000 Gefangenen vorsieht. „Der Rote Platz ist für uns weniger wichtig als das Leben der ukrainischen Gefangenen, die nach Hause zurückkehren können“, schrieb Selenskyj auf Telegram. Für Moskau bezeichnete Putins außenpolitischer Berater, Jurij Uschakow, Trumps Initiative als „annehmbar“. Die Vereinbarung sei im Rahmen telefonischer Kontakte mit Trumps Regierung entstanden, amerikanische Vertreter seien mit Kiew in Verbindung gewesen. In einem Ausschnitt zu einer Sitzung Putins mit dessen Nationalem Sicherheitsrat, die der Kreml knapp eine Stunde vor Trumps Post veröffentlichte, war von Trumps Feuerpause noch keine Rede gewesen. Dafür ging es um die Folgen der jüngsten ukrainischen Angriffe auf russische Ziele. Einer davon schaltete ein Luftraumkontrollzentrum im südwestrussischen Rostow am Don aus, was die Flughäfen der Region lahmlegte. Putin sprach von einer „weiteren Handlung, die zweifellos terroristischen Charakter hat“, dann ging es um die Feiern zum „Tag des Sieges“. Als wäre alles wie immer. Zur Normalität verpflichtet Putins Apparat steht vor dem Problem, einen möglichst normalen Gang der Dinge sicherzustellen – ohne am Grundproblem, dem Krieg, etwas ändern zu können. An dem hält der Herrscher fest. Am Mantra, Ziele der „speziellen Militäroperation“ würden unweigerlich erreicht, wird nicht gerüttelt. Folgeprobleme werden verschwiegen. So fehlen Schätzungen, wie viel die Internetblockaden, die unter anderem mit den ukrainischen Drohnenangriffen begründet werden, die russische Wirtschaft kosten. Allen ist klar, dass sehr hohe Verluste zusammenkommen, wenn Lieferdienste, Taxis, Bestellungen oder Bezahldienste nicht funktionieren. Doch Putins Sprecher wies Unterstützungsmaßnahmen des Staats für die Unternehmen zurück. Das werde nicht erwogen, sagte Dmitrij Peskow am Donnerstag auf eine Pressefrage hin. Die Internetbeschränkungen erfolgten „im Rahmen des Gesetzes“ und dienten „der Sicherheit der Bürger, die absolute Priorität hat“. Am Freitag wies Peskow dann einen „Spiegel“-Bericht zurück, demzufolge ausländischen Journalisten die Akkreditierung für die Parade entzogen wurde. Doch folgte aus seiner Antwort, dass nur kremltreue Medien kommen dürfen. Die Zeremonie sei in diesem Jahr eben „etwas eingeschränkt“, sagte Peskow. Nur nicht auf Kiew eingehen Zum üblichen Gang der Dinge gehört, nicht auf die Ukrainer einzugehen. Putins Leute dürfen nicht anerkennen, dass die Verteidiger mit neuen, eigenen Waffen Ziele tief im russischen Hinterland treffen und so eine neue Lage geschaffen haben könnten. So forderte Moskau Kiew am Montag einseitig dazu auf, eine Waffenruhe am Freitag und Samstag einzuhalten und Putins Parade in Ruhe zu lassen. Als Selenskyj mit einer eigenen Waffenruhe schon von Mittwoch an konterte, ignorierte man das. Entsprechend hielt sich Putins Militär dann nicht an Selenskyjs Feuerpause – nicht allein nach ukrainischen Angaben, sondern auch den eigenen Erfolgsmeldungen des Verteidigungsministeriums zufolge. Darauf reagierte Kiew mit neuen Angriffen: Nach angeblich 347 am Donnerstagmorgen meldete Putins Militär am Freitagmorgen insgesamt 264 abgefangene ukrainische Drohnen. Auch Flughäfen in Moskau waren durch die Angriffe lahmgelegt. In Jaroslawl an der Wolga geriet laut Berichten in Telegram-Kanälen nun eine Raffinerie in Brand. In Perm im Ural, mehr als 1500 Kilometer von der Front entfernt, wurde am Freitagmorgen wieder dieselbe Raffinerie getroffen wie schon am Donnerstag und Ende April. In der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj schlugen Drohnen an einem Bahnhof im Zentrum sowie nahe einer Militärbasis ein. Russlands Militär kündigte am Donnerstagabend an, Putins Befehl gemäß am Freitag und Samstag das Feuer einzustellen. Auf ukrainische Angriffe werde man „angemessen“ antworten, teilte das Verteidigungsministerium mit und bekräftigte seine Drohung: Man werde Kiew mit Raketen angreifen, sollte die Ukraine versuchen, „die Feier zum 81. Jahrestag des Sieges“ von 1945 „in Moskau zu vereiteln“. Selenskyj berichtete auf Telegram am Freitagmorgen über Hunderte russische Angriffe und warf Moskau vor, „nicht einmal zu versuchen, eine Feuerpause an der Front zu imitieren“. Man werde „spiegelbildlich handeln“. Am Donnerstagabend hatte der ukrainische Präsident in einer Videobotschaft gesagt, man habe „Anfragen einiger Staaten, die Russland nahestehen, erhalten, dass ihre Vertreter nach Moskau kommen wollen“. Das sei „ein seltsamer Wunsch“, sagte Selenskyj. „Wir raten davon ab.“ Weniger Gäste als früher „Einige Staatschefs aus mit Russland befreundeten Ländern sind persönlich zu den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges angereist und werden morgen an den Feierlichkeiten teilnehmen“, sagte Putin dann am Freitag in der Sicherheitsratssitzung. Dank Trumps Waffenruhe können er und seine Gäste beruhigt auf der Tribüne Platz nehmen, die über das Lenin-Mausoleum gebaut worden ist. Als Uschakow die Liste dazu am Donnerstag bekanntgab, standen darauf weniger Staatschefs als in den Jahren 2024 und 2023, als Moskau ebenfalls keinen „runden“ Jahrestag des Sieges feierte. 2024 waren neun Staatschefs Putins Gäste, 2023 sieben. Für dieses Jahr kam man zunächst auch auf sieben – aber nur dank der Spitzen der von Georgien abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien, die außer Russland nur eine Handvoll Staaten als solche anerkannt haben, und der Führung der zu Bosnien-Hercegovina gehörenden bosnischen Serbenrepublik. Im vergangenen Jahr, als der Kreml das achtzigste Siegesjubiläum feierte, hatte Putin einschließlich der Spitzen solcher Gebilde 27 ausländische Gäste empfangen, allen voran Chinas Präsidenten Xi Jinping. Wie schon im Jahr des Überfalls auf die Ukraine 2022, als kein ausländischer Staatschef zu Putins Parade gereist war, gab der Kreml jetzt an, niemanden „speziell“ eingeladen zu haben. Uschakow sagte, man habe nur Politiker eingeladen, die den Wunsch geäußert hätten, den 9. Mai in Moskau zu feiern. Auch er versprach Normalität. „Es wird einen Auftritt des Präsidenten geben“, sagte er. „Insgesamt wird alles wie sonst auch sein, außer der Demonstration von Militärtechnik.“ „Niemand möchte zu nahe an Akela stehen“ Zunächst zeichnete sich ab, dass von den fünf zentralasiatischen Staatschefs, die in den vergangenen drei Jahren stets vollständig angereist waren, kein einziger nach Moskau kommen würde. Das zeige, „dass alle Präsidenten des postsowjetischen Zentralasiens schon die Schwäche des Putin-Regimes spüren“, sagte Daniil Kislow vom Zentralasien-Newsportal „Fergana“ der F.A.Z. „Sie wissen zwar noch nicht so recht, was sie tun sollen. Aber niemand möchte zu nahe an Akela stehen, von dem längst klar ist, dass er das Ziel verfehlt hat“, verglich Kislow Putin mit dem schwächer werdenden Wolf aus dem „Dschungelbuch“. Erst am Freitagnachmittag wurde bekannt, dass die Präsidenten Kasachstans und Usbekistans nun doch Putins Gäste sein würden, offenbar nach intensivem Werben Moskaus. Am Freitagabend empfing Putin die beiden im Kreml, desgleichen den belarussischen Machthaber Alexandr Lukaschenko. Es fehlt auch der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan. Moskau nimmt ihm die am Montag mit dem Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Eriwan zelebrierte Annäherung an den Westen und die Ukraine übel. Jedenfalls vor Kameras hatten Paschinjan und Selenskyj dabei Englisch gesprochen, nicht Russisch. Uschakow klagte, in Eriwan wolle man „auf zwei Stühlen sitzen“. Das sei bedauerlich. „Wie lange man in einer solchen Stellung verharren kann, weiß ich nicht.“ Wie schon 2025 kam der slowakische Ministerpräsident Robert Fico nach Moskau, wiewohl er abermals nicht der Parade selbst beiwohnen wollte, sondern am Vorabend einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer niederlegte. Doch auch die Kreml-Freude an diesem Renegaten aus einem EU- und NATO-Land ist nicht ungetrübt. Fico hat jüngst angekündigt, den EU-Beitritt der Ukraine zu unterstützen und will Kiew besuchen. Und sogar zwischen der Ukraine und Georgien – das formal keine Beziehungen mit Russland unterhält, aber für den autoritären, antiwestlichen Kurs seines Regimes viel Lob aus Moskau erhalten hat – deutet sich gerade eine Entspannung an.
