FAZ 05.06.2026
16:00 Uhr

Mietspiegel Frankfurt: Ein Zerrspiegel hilft nicht weiter


Der neue Frankfurter Mietspiegel bildet die Realität auf dem Wohnungsmarkt ab. Wer bezahlbares Wohnen ermöglichen will, muss woanders ansetzen.

Mietspiegel Frankfurt: Ein Zerrspiegel hilft nicht weiter

Wer in den Spiegel schaut, bekommt oft unangenehme Wahrheiten zu sehen. Jede Falte und jedes überflüssige Pfund werden schonungslos offengelegt. In manchen Restaurant-Toiletten gibt es aber auch Spiegel, die schmeicheln wollen. In ihnen erscheint der Betrachter schlanker, größer, schöner – und wird dazu verleitet, unliebsame Tatsachen zu ignorieren. Solche Verzerrungen erwarten manche Politiker und Interessenvertreter auch vom Frankfurter Mietspiegel. Er soll nicht die Realität auf dem Wohnungsmarkt abbilden, sondern bestimmten Zielen dienen – also je nach Perspektive entweder die Mieten möglichst günstig halten oder stärkere Erhöhungen ermöglichen. Das aber ist gerade nicht die Aufgabe eines Mietspiegels. Mit ihm wird nicht politisch vorgegeben, was eine Wohnung kosten darf. Das wäre ein Vorgehen, das nicht zu einer Marktwirtschaft passt. Der Mietspiegel ist vielmehr ein Instrument, die ortsübliche Vergleichsmiete zu ermitteln, und soll einem fairen Interessenausgleich zwischen Mietern und Vermietern dienen. Dem Zahlenwerk fehlt die Akzeptanz In der Vergangenheit ist das meist auch gelungen. Doch der jüngsten Version, die dem Stadtparlament jetzt zur Abstimmung vorgelegt wurde, fehlt es an Akzeptanz. Es ist kein gutes Zeichen, wenn das Zahlenwerk sowohl von Vermietern als auch von Mietern kritisiert wird. Das Ziel, Streit über die Miethöhe zu vermeiden, wird damit nicht erreicht. Dabei hat die Stadt nach einer Ausschreibung zwei erfahrene Institute, deren Kompetenz nicht infrage steht, mit der wissenschaftlichen Ausarbeitung des Mietspiegels beauftragt. Sie mussten sich erstmals an der neuen Mietspiegelverordnung des Bundes orientieren und vor allem bei der Einordnung der Wohnung in zehn verschiedene Lagekategorien eine Vielzahl von Einflussfaktoren berücksichtigen, vom Verkehrslärm über die Nähe zu Parks bis hin zu Einkaufsmöglichkeiten. In vielen Fällen wird der tatsächliche Wohnwert besser abgebildet als bisher. Wie dieser ermittelt wird, ist aber kaum noch durchschaubar. Die Ergebnisse sind zum Teil wenig plausibel. Ein Beispiel: In einem Wohnquartier mit acht weitgehend identischen Häusern werden zwei davon einer schlechteren Lage zugeordnet als die übrigen. In der Praxis ist das nur schwer zu vermitteln. Ein Blick in den Mietspiegel zeigt aber auf jeden Fall schonungslos: Trotz aller Regulierungen wie Kappungsgrenzen und Mietpreisbremse ist das Wohnen in den vergangenen Jahren teurer geworden als andere Dienstleistungen. Ändern lässt sich das nicht mit einem illusorischen Zerrspiegel, sondern nur mit mehr Wohnungsbau zu niedrigeren Kosten.