FAZ 08.05.2026
09:35 Uhr

Mietfrei auf Uni-Kosten: Deutschlands ungewöhnlichste Studenten-WG


Die Uni Marburg lässt vier Studierende mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen. Als Gegenleistung muss das Quartett aus seinem Alltag posten. Es soll auf Social Media zeigen, wie sich ein echtes Studentenleben anfühlt.

Mietfrei auf Uni-Kosten: Deutschlands ungewöhnlichste Studenten-WG

Die vielleicht außergewöhnlichste WG in Deutschland findet sich in einem betagten kleinen weißen Haus mit Sandsteinsockel, Fensterläden aus Holz und Satellitenschüssel hoch oben in der Altstadt von Marburg. Das Häuschen steht halb im Grünen in zweiter Reihe hinter einem schmucklosen Zweckbau. Neben der hölzernen Eingangstür prangt ein silbriges Schild mit dem Erkennungszeichen der Philipps-Universität. Darunter steht: Marburg-WG. Der Besuch drückt die Klingel, kurz darauf öffnet Ali die Tür. Der junge Mann mit dem leicht verwuschelten schwarzen Haar und einem T-Shirt von den Red Hot Chili Peppers schluckt noch kurz einen Bissen herunter und bittet dann freundlich herein. Ihr Besuch ist zwar angekündigt, aber ein paar Minuten zu früh dran. Nichts mit dem akademischen Viertel an diesem Mittag. Außer Ali Arslan stillt noch Mitbewohner Hannes Anders seinen Hunger, mit Kartoffeln der eine, mit Rührei der andere. Ebenfalls am Tisch sitzt Leticia „Litti“ Hellmann. Mit dem Jurastudenten Toni bilden sie das Quartett der frisch in das Häuschen eingezogenen Marburg-WG. Dort leben sie mietfrei. Und das in einer Stadt, in der ein WG-Zimmer durchaus 400 oder 500 Euro kosten kann. Marburg-WG als Teil einer Marketingkampagne der Uni Der Weg in die Küche führt über einen schwarz-weiß im Schachbrettmuster gekachelten Boden, vorbei an einer Garderobe und einem Schuhbänkchen aus Metall. Ein Sneaker-Paar neben dem anderen, dazu Fußballschuhe und Birkenstocks. Auf einer kleinen Holzkommode steht eine Grünpflanze, darüber hängen eine rote runde Uhr und ein Erste-Hilfe-Kasten. Falls der Inhalt aus dem Kasten gebraucht werden sollte, wird es die Öffentlichkeit erfahren. Denn die vier bilden nicht bedingungslos diese Wohngemeinschaft. „Vier Zimmer, vier Persönlichkeiten, eine Mission: zeigen, wie sich echtes Studierendenleben anfühlt“ – zeigen sollen sie es mit Beiträgen vor allem auf Instagram (marburg.wg), aber auch auf Tiktok und Youtube. So lautet die Übereinkunft mit der Universität. Worin liegt der Reiz der Marburg-WG? Litti, grünes T-Shirt, Glitzer auf den Zähnen und Tattoos auf den Armen, sagt, sie interessiere sich schon lange für Social Media. Sie schneide gerne Videos und mache das auch für Freunde. Für die Studentin der Medienwissenschaften und der Soziologie im vierten Semester passen die Vorgaben für die vier gut zu ihrem Studium und sicher auch zu ihrem späteren Beruf. Was das genau sein wird, steht dahin. Aber „was mit Medien“, klar. Mietfrei wohnen zu können, sei kein Lockstoff gewesen? Litti schüttelt den Kopf und sagt: „Das war kein ausschlaggebender Punkt für mich.“ „Das Mietfrei-Angebot der Uni ist ein krasses Upgrade“ Im Fall von Ali, der Sport und Biologie auf Lehramt studiert, und dem angehenden Medienwissenschaftler Hannes sieht das anders aus. Sie haben vorher schon zusammen gewohnt und wollten ohnehin umziehen. „Aber das Angebot der Uni ist ein krasses Upgrade. Man muss zwar dafür arbeiten, hat aber als Student mehr in der Tasche als sonst im Monat“, gibt Ali pragmatisch zu bedenken. „Und die gute Lage ist ein Privileg“, fügt sein Kommilitone hinzu. Online lästerte jemand über die WG, da habe die Uni vier Opfer gefunden, die sich für sie knechten ließen. „Wir sind keine Opfer“, hebt Hannes hervor. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden.“ Und von Knechten könne keine Rede sein. Die Universität hat die WG in einer Zeit eingerichtet, in der sie sparen muss, so wie jede andere Hochschule in Hessen als Folge des Hochschulpakts. Bis 2031 muss sie ihre Ausgaben alles in allem um 141 Millionen Euro kürzen. Vor diesem Hintergrund meldeten sich kritische Stimmen nach dem Motto: „Die Uni muss sparen, aber für so etwas hat sie Geld.“ Die Vermietung des Häuschens bedeutet aber keinen direkten Einnahmeverlust. Wie eine Sprecherin sagt, diente das Anwesen lange Zeit als Hausmeisterwohnung und beherbergte Büros der Universität. Die Hochschule versteht das Projekt zudem als Investition in die Zukunft. Das Quartett und die WG sind Teile ihrer neuen Marketingkampagne. „Mit diesem neuen Ansatz im Studierendenmarketing erhoffen wir uns Impulse, die von unseren Studierenden ausgehen und junge Menschen für Marburg und die Universität begeistern“, sagt die für Bildungsfragen zuständige Uni-Vizepräsidentin Yvonne Zimmermann. „Statt Hochglanz und Drehbuch stehen Persönlichkeit, Perspektivenvielfalt und Authentizität im Mittelpunkt“, verspricht sie in schönstem Marketingsprech. Dies kommt nicht von ungefähr. Den Hochschulen geht es landauf, landab nicht anders als Unternehmen jeder Größe und vielen Behörden: Sie müssen um Nachwuchs kämpfen. „Der demographische Wandel trifft uns alle“, sagt die Sprecherin. Jeder Neuzugang ist für die Hochschule bares Geld wert Realistische Bilder aus dem Studentenalltag könnten zur Wahl von Marburg als Studienort beitragen, so lautet das Kalkül. Und jeder Neuzugang dient nicht nur dem Image der Hochschule, er ist auch bares Geld wert. Denn viele Neuzugänge und eine idealerweise steigende Studentenzahl sind gute Argumente im Wettbewerb mit anderen Standorten und für Budgetverhandlungen. Die Idee zur Einrichtung der Marburg-WG kam im Verlauf eines Workshops von Beschäftigten der Hochschule und einer PR-Agentur auf, wie die Sprecherin erläutert. „Das war eine Gemeinschaftsleistung“, hebt sie hervor. Etwa Neues auszuprobieren, mache Spaß. Gerade mit Blick auf das anstehende Jubiläum der Hochschule. Im nächsten Jahr wird die von Landgraf Philipp dem Großmütigen als protestantische Universität gegründete Institution 500 Jahre alt. Sie ist damit die älteste Einrichtung ihrer Art in Hessen. Casting und Aufgaben vor dem Einzug in die Marburg-WG Bevor „Litti“ und ihre drei Kommilitonen am Renthof einziehen konnten, mussten sie einige Hürden nehmen. Denn sie waren nicht die einzigen Interessenten. Sie mussten sich förmlich bewerben. Und zwar mit einem Video. Es folgten Onlinegespräche und dann im Frühjahr ein Treffen in einem Nachbargebäude des WG-Häuschens mit acht Kandidatinnen und Kandidaten. Die Uni teilte die acht Bewerber in zwei Vierergruppen ein. In einer Gruppe fanden sich Ali, Hannes, Litti und Toni wieder. Im Quartett mussten sie gemeinsam binnen kurzer Zeit ein Event planen und per Video vorstellen. Sie dachten sich ein Sommerfest für angehende Studenten auf den Lahnwiesen aus und stachen mit dieser Idee und der Präsentation das andere Quartett aus. Für einen ausgereiften Entwurf reichte zwar die Zeit nicht aus, wie Ali sagt. Aber letztlich ging es nach seinen Worten auch um etwas anderes: „Wir mussten zeigen, mit Stresssituationen gut umgehen zu können.“ Zwei bis drei Videos sollen die WG-Bewohner je Woche liefern Wie stressig das Dasein als Social-Media-Botschafter der Hochschule sein wird, muss sich weisen. Zwei bis drei Videos sollen die WG-Bewohner in der Woche liefern. Sie haben längst damit angefangen. In einem Clip nimmt Litti die Follower mit auf einen kleinen Rundgang zu Plätzen der Stadt. Sie zeigt auch Eltern einer Freundin im Bild und lässt sie zu Wort kommen. Ein anderes Video zeigt die vier bei Ikea in Wetzlar, ein weiteres einen Einkauf für den WG-Alltag, Grapefruit, Quark und Hähnchenbrust inklusive. Auch Selbstporträts finden sich auf den Kanälen der WG-Bewohner auf Instagram. In seinem Clip lässt es der aus Warstein („Random Ort“) stammende Ali auf der E-Gitarre krachen. Wie viel Zeit nimmt solch ein Video in Anspruch? „Das dauert unterschiedlich lang“, sagt Litti, ohne genauer zu werden. Sie kennt sich aber schon mit Schnitttechniken aus. Das kommt ihr zupass. Ali hatte nach eigenem Bekunden anfangs damit keine Erfahrung. Allerdings habe die Hochschule ihnen eigens ein Programm zur Verfügung gestellt. Damit sei ein Video recht leicht zu schneiden, sagt er. Eine eingebaute KI liefere automatisch Untertitel. Auch das erleichtere die Arbeit. Grundsätzlich hänge der Aufwand auch vom Drehort ab, gibt Hannes zu bedenken. Die WG verfügt im Häuschen über ein sogenanntes Ringlight. Es leuchtet ihre Gesichter für die Bewegtbilder aus und ist Standard für solche Aufgaben. Müssen sie die WG-Zimmer verlassen, brauchen sie naturgemäß mehr Zeit. So wie für das Video mit dem Elternausflug etwa oder einen Beitrag über Studieren in Marburg. Dergleichen lässt sich nicht von der Küche aus produzieren. „Hatespeech zeigt: Man macht etwas richtig“ Wie andere Leute auf Instagram müssen auch sie mit unfreundlichen oder gar gehässigen Kommentaren rechnen. Zu diesem Zweck haben sie von der Hochschule einen Workshop zum Umgang mit „Hatespeech“ bekommen. Bisher mussten sie sich noch nicht mit Hasskommentaren auseinandersetzen, wie Hannes sagt. Generell gelte: Nicht alles müsse toleriert werden. Hasskommentare können auch direkt auf Social-Media-Plattformen oder unter Hate-Aid im Internet gemeldet werden, wie Litti ergänzt. Dessen ungeachtet gibt Hannes sich selbstbewusst: „Wenn Leute sich nur darauf stürzen, was angeblich scheiße ist, dann zeigt das: Man macht was richtig.“ Und wie wollen sie die Grenzen zwischen privatem und studentischem Leben wahren in einer überschaubaren Stadt wie Marburg? Diese Grenze kann durchaus verwischen, wie Ali zugibt. So zeigt er in einem Video zu seinem Umzug seine Eltern. Er habe sie aber vorher gefragt, ob sie auftreten sollten. „Sie haben damit kein Problem, und ich habe damit auch kein Problem.“ Die WG-Bewohner können nach eigenem Bekunden selbst entscheiden, was sie zeigen. „Sachen, die wir nicht preisgeben wollen, die behalten wir halt für uns“, meint Ali trocken.