Gesetzt den Fall, Sie hätten Sehnsucht nach der Loreley. Nach einer, die allerdings bessere Tage gesehen hat und mehr als 300 Kilometer vom Rheintal entfernt steht, auf Gleis 5 des Hauptbahnhofs einer deutschen Großstadt im Flachland. Gesetzt den Fall, Sie stünden dort am Gleis 6 und erfreuten sich an der lang vermissten Farbkombination der Loreley: beige-rot, so wie früher die Züge des Trans-Europ-Expresses lackiert waren, in einer Zeit, als Pünktlichkeit noch Prinzip war bei der Bahn – ein Märchen aus alten Zeiten. Gesetzt den Fall, Sie trauerten diesen Zeiten nach, weil der Zug, mit dem Sie gerade hätten unterwegs sein wollen, kurz vor der geplanten Einfahrt als um zehn Minuten verspätet gemeldet wurde, ehe in immer kürzeren Abständen immer längere Verzögerungen eintraten, bis er nach 35 Minuten doch ankam, um nach Ihrem Einstieg wegen eines technischen Defekts erst einmal länger stehen zu bleiben, und dann noch sehr viel länger, weil nach Behebung dieses Defekts dem Zugpersonal ein neuer Fahrplan übermittelt werden müsste, dessen Ankunftszeit aber die prognostischen Fähigkeiten des Schaffners überstiege, weshalb Sie den Zug wieder verließen, denn es hätte ja eh keinen Zweck mehr. Die frohe Botschaft vom Nebengleis Gesetzt den Fall, Sie suchten deshalb nach einer Alternativoption zu Ihrer gescheiterten Verbindung und fänden keine im Angebot der Deutschen Bahn. Dies alles gesetzt, würden Sie dann nicht auch kaum Ihren Augen trauen wollen, wenn Sie auf der Seitenwand des heruntergekommenen Triebwagens vom Nachbargleis die frohe Botschaft lesen könnten: „Miete oder kaufe mich“? Und hätten Sie nicht sofort die angegebene Website db-gebrauchtzug.de konsultiert, um sich Ihre eigene Lokomotive anzuschaffen? Etwa diese auf Gleis 5, ein Exemplar der Baureihe 111 mit schwungvoll aufgemaltem Namen „Loreley“ und in den warmen TEE-Farben? Das vor sechs Jahren von der Bahn derart nostalgisch aufgehübscht worden wäre, um es eben besser veräußern zu können? Da stünde er also, der Traum jedes Bahnreisenden: ein eigener Zug. Angekoppelt bereits einige Waggons, laut Beschilderung unterwegs zu einem Ziel, das ausweislich der DB-App gar nicht per Direktverbindung erreichbar wäre. Sogar einige Fahrgäste darin, die herüberschauten zu Gleis 6, mitleidig, wie es Ihnen vorkommen müsste. Aber gesetzt den Fall, Sie hätten jetzt die Loreley gekauft oder gemietet. Woher dann den Zugführer nehmen? Und irgendwann wäre Ihnen aufgefallen, dass ja auch die Loreley den Bahnhof nicht verließe. Als Ihr Ersatzzug abführe, stünde sie immer noch auf Gleis 5. Und das ergriffe Sie mit wildem Weh, denn wenn sie nicht veräußert wurde, dann wartet sie dort noch heute.
