Politische Radikalität und Kompromisslosigkeit im Interessenkampf scheinen sich in diesem Herbst der Landtagswahlen Bahn zu brechen. Während sich fiskalische und ökonomische Sachzwänge verschärfen, droht eine weitere Schwächung der schon in Zweifel stehenden Entscheidungsfähigkeit der Regierungskoalition. Wo gibt es überhaupt noch moderate Kräfte, die ent- und geschlossen genug sind, um auf Basis einer nüchternen Bewertung von Fakten politisch wirksam zu handeln? Es ist die IG Metall, Deutschlands größte und als kämpferisch bekannte Gewerkschaft, die nun eine im Ansatz ermutigende Antwort liefert: Fast die Hälfte der Beschäftigten in den wichtigsten (und weithin krisengeplagten) Industriezweigen plädiert für eine „moderate“ Lohnforderung in der kommenden Tarifrunde. Das zeigt eine Umfrage, mit der die Gewerkschaft die Stimmung unter den 3,7 Millionen Beschäftigten ergründet hat. Weitere 17 Prozent fänden es sogar richtig, wenn die IG Metall eine „kleine“ oder gar keine konkrete Lohnforderung stellt. Wie deren Gremien damit umgehen, zeigt sich erst, wenn sie in zwei Wochen über die genaue Forderung entscheiden. Und dort treten auch Metaller aus den Bereichen Rüstung und Raumfahrt auf, die keinerlei Anlass zu Lohnzurückhaltung sehen. Eines aber ist doch festzuhalten: Die Anspruchshaltung der von (tarif-)politischen Akteuren vertretenen Menschen hat sich noch nicht überall so weit von wirtschaftlichen Realitäten entkoppelt, wie es zuweilen scheint. Die Tarifparteien haben die Chance, in diesem Herbst ein Zeichen der Kompromiss- und Gestaltungsfähigkeit zu setzen, vielleicht sogar mit Strahlkraft. Für Verklärung wäre es aber zu früh. Zum einen ringen auch die Arbeitgeberverbände mit Spannungen in ihren Reihen, mit Betrieben, die gar keine Zugeständnisse akzeptieren wollen. Und es kommt dies hinzu: Beide Tarifparteien haben sich über die Jahre an eine interventionistische Industriepolitik gewöhnt; geht die Kostenrechnung nicht mehr auf, helfen Subventionen. Ein ums andere Mal war dieser staatliche Geldfluss auch Schmierstoff in Tarifkonflikten. Umso härter ist die Entwöhnung, falls er aus fiskalischen oder politischen Gründen schwächer wird.
