Man sagt, um jemanden verstehen zu können, solle man ein Stück des Weges in seinen Schuhen gehen. Bei mir ist der Schuh der Wahl der Croc, Modell Classic Clog. Auf Reisen, im Büro, in der Uni, im Garten – meine Siebenmeilen-Crocs tragen mich überallhin. Nicht wenige belächeln mich für meine Treue zu dem Schuh, der seit 20 Jahren auf dem Markt ist, aber auf den auch seit zwei Jahrzehnten herabgeschaut wird. Die amerikanische Burlesque-Künstlerin Dita Von Teese sagte einst sogar in einem Interview, sie habe Albträume davon, sich in jemanden in Crocs zu verlieben. Keine Angst, Dita, wir Crocs-Träger sind eigentlich ganz umgänglich. Meine Meinung: Menschen, die Crocs hässlich finden, haben noch nie selbst welche getragen. Schuster, bleib bei deinen Schaumstoffschlappen oder so ähnlich. Mein erstes Paar bekam ich 2007 geschenkt, den Classic Clog in Hellblau. Die Form orientiert sich an Clogs, also schlichten Holzpantoffeln. Zunächst war ich skeptisch. Noch nie vorher hatte ich solche Schuhe gesehen, etwas unförmig, mit Löchern drin. Das erste Hineinschlüpfen in den Schaumstoff-Slipper: eine Offenbarung. Ich tobte über den Spielplatz, durch den Garten, meine Füße gebettet wie auf Wolken. Liebe auf den ersten Schritt. Das Phänomen Crocs begann 2002, als sich drei Freunde aus Boulder, Colorado, auf die Suche nach dem perfekten Bootsschuh machten. Wissenschaftler hatten kurz zuvor ein speziell formbares Harz entwickelt, genannt Croslite. Den Prototyp-Croc stellten sie auf einer Bootsmesse vor, sie verkauften alle 200 Paare. Außerhalb der maritimen Bubble wurden die Treter dank der Satirekomödie „Idiocracy“ von Mike Judge aus dem Jahr 2006 bekannt. Alle Figuren in dem Film tragen Crocs, weil die Schuhe billig waren und vage futuristisch wirkten, aber so „lächerlich hässlich“, dass die Filmemacher nicht glaubten, sie würden jemals populär werden. Was bitte ist rückschrittlich an Komfort und gutem Preis-Leistungs-Verhältnis? Crocs mussten in dem Film als visuelle Metapher für den Niedergang der westlichen Kultur herhalten. Für mich nicht nachvollziehbar, was ist denn rückschrittlich an Komfort und gutem Preis-Leistungs-Verhältnis? Wenige Jahre später waren die Schuhe in großen Einkaufszentren in den USA verfügbar. Für Crocs-Kritiker wohl die Erfüllung der Untergangs-Prophezeiung. Schließlich schwappte der Trend nach Europa herüber. Nimm das, Mike Judge. In einer Welt voller schicker Espadrilles, mit Schmucksteinen verzierter Zehensandalen und Nike Air Force Ones behauptet sich der Formschaumschuh trotzig. Crocs sind vielleicht nicht die schönsten auf dem Markt. Sie wirken klobig, unbeholfen überdimensioniert, sind mit merkwürdig geformten Löchern übersät – und da ist noch dieser Riemen, den man hin und her klappen kann. Crocs entziehen sich dem scheinbar guten Geschmack. Und doch sind sie aus den Schuhregalen und Onlineshops nicht mehr wegzudenken. Meine Füße sehnten sich nach Ruhe Irgendwann warf meine Mutter meine geliebten himmelblauen Crocs in den Müll. Einige Stoffe in den Schuhen seien schädlich, sagte sie. Ich war untröstlich. Die nächsten Jahre schritt ich ohne Crocs durchs Leben. Zwängte und quetschte meine Füße in Stiefeletten, Sneaker oder Sandalen. Häufig bekam ich Blasen an den Füßen. Meine Sohlen und Fersen sehnten sich nach Ruhe. Als Erwachsene verliebte ich mich dann ein zweites Mal in den Schuh mit dem freundlich lächelnden Krokodil auf dem Logo: Nachdem ich mir einen Fuß gebrochen hatte, war ich auf der Suche nach Komfort. Und den fand ich (wieder) in einem Bett aus Pressschaum. Dieses Mal entschied ich mich für die Classic Clogs in Dunkelblau. Schnell folgten Clogs in Feuerrot und Schwarz. Letztere passen zu jedem Outfit. Ich trage mein „kleines Schwarzes“ an den Füßen. Übrigens auch beim Schreiben dieses Textes. Der Classic Clog ist vielseitig. Er kommt in zwei Modi daher: Freizeit- und Sportmodus. Meistens trage ich meine Crocs im sogenannten Freizeitmodus. Der Bügel ist dann über den Oberfuß gestülpt. Stundenlanges Pflasterlatschen im Urlaub? Kein Problem. Blasen an den Fersen? Keine Chance. Und wenn ich doch mal den Bus erwischen und sprinten muss, ist das auch keine große Herausforderung in den Dingern. Bügel über die Ferse gezogen, Sportmodus aktiviert. Mit der Zeit habe ich mein Crocs-Repertoire erweitert. Die Clogs trage ich im Alltag. Meine Ausgeh-Crocs sind hingegen das Modell „Miami“. Schlichte, offene Riemensandalen. Für die bekomme ich regelmäßig Komplimente – und dann schockierte Blicke, wenn ich offenbare, dass auch diese Schühchen von der Krokodilmarke entworfen wurden. Sie sehen wirklich gar nicht nach Crocs aus. Aber sie fühlen sich so an. Sosehr ich Crocs liebe, gibt es ein Gimmick, das ich streng ablehne: sogenannte Jibbitz. Kleine Gummi-Anstecker, die man in den Löchern der Schuhe platzieren kann. Sie erinnern ein bisschen an Kühlschrankmagneten, die in den letzten Touri-Ramschläden verkauft werden. Nein danke, der Crocs-Schuh ist für mich in seiner Reinform bereits vollkommen. Ich bin und bleibe eine Crocs-Puristin. Die Schaum-Pantolette hat es längst in den Mainstream geschafft. Sogar Heidi Klum und Prinz George wurden schon mit Crocs an den Füßen abgelichtet. Alle paar Jahre entdeckt auch die High-Fashion-Szene das Modell wieder, wenn es gerade wieder „out“ ist, sich über seine angebliche Hässlichkeit aufzuregen. Alle paar Jahre jagen Designer ihre Models mit abstrusen Crocs-Konstruktionen über die Laufstege der Fashion Weeks dieser Welt. Man denke etwa an den Crocs-Stöckelschuh von Balenciaga. An meinen geliebten Clog wurde ein Absatz geschraubt! Das ist mir zu bourgeois. Der Croc – das ist doch der Schuh für alle. Die Standardmodelle gibt es bereits für rund 40 Euro zu haben. Vor allem bei den Sommermodellen wurde die Produktpalette erweitert, Plateau, schräge Löcher. Inzwischen muss ich auch im Herbst und Winter nicht mehr auf meine geliebte Schaumstoff-Pantolette verzichten. Der Hersteller hat gefütterte Latschen, solche ohne Löcher und sogar Gummistiefel im Angebot. Meine Füße danken es mir. Wenn Crocs ein Modeverbrechen sein sollen, dann bekenne ich mich schuldig.
