FAZ 26.03.2026
11:35 Uhr

Lesung im Club Voltaire: Cohn-Bendit liest linken Weggefährten die Leviten


Daniel Cohn-Bendit tritt im Frankfurter Linkentreff Club Voltaire auf. Eigentlich soll er dort seine Memoiren vorstellen – noch viel lieber aber streitet er über die aktuelle Politik.

Lesung im Club Voltaire: Cohn-Bendit liest linken Weggefährten die Leviten

Rappelvoll ist gar kein Ausdruck. Jeder Stuhl ist besetzt, dahinter stehen die Menschen dicht an dicht bis zur Kneipentür. Wer an die Bar will, um ein Bier oder ein Glas Wein zu ordern, muss sich mühselig durchkämpfen. Auf der Bühne im Club Voltaire sitzen der frühere „Frankfurter Rundschau“-Journalist Claus-Jürgen Göpfert und Daniel Cohn-Bendit, Autor, langjähriger Grünen-Parlamentarier und linker Leitwolf. Sie wollen über die Memoiren sprechen, die der kürzlich 80 Jahre alt gewordene Cohn-Bendit verfasst hat und die nun unter dem Titel „Erinnerungen eines Vaterlandslosen“ erscheinen. Mit viel Nabelschau und Nostalgie aber halten sie sich nicht lange auf. Selbstbeweihräucherung ist nicht Cohn-Bendits Sache. Stattdessen steht viel Aktuelles im Mittelpunkt des Gesprächs – und nicht selten liest Cohn-Bendit dabei seinen linken Weggefährten die Leviten. Den Erwartungen wird er so mehr als gerecht: Cohn-Bendit gilt schon lange als die personifizierte Streitkultur. „Ich war immer Antikapitalist, aber auch Antikommunist“ Gebannt hört man also einem Mann zu, der den linken Pazifismus als feige charakterisiert und militärisches Eingreifen in Konflikte verteidigt. Der davor warnt, die Probleme, die durch Einwanderung entstehen, kleinzureden und Migranten als „bessere Menschen“ zu idealisieren. Und der der linken Bewegung, die in den Sechzigerjahren den Vietcong und die Maoisten glorifizierte, zu mehr Selbstkritik rät. „Ich war immer ein Antikapitalist, aber ich war auch ein Antikommunist“, sagt Cohn-Bendit. Zu sprechen kommt der Sohn jüdischer Eltern auch auf den Gazakrieg. Cohn-Bendit hält nichts davon, sich dabei auf eine Seite zu schlagen. Empathie und Menschlichkeit bräuchten beide: Israelis und Palästinenser. Die Netanjahu-Regierung solle man scharf kritisieren, meint er: „Wer heute gegen die AfD ist, muss auch gegen die Regierung in Israel sein – das bedeutet aber nicht, dass deshalb Israel abgeschafft gehört.“ Propalästinensischen Aktivisten wirft er vor, dass sie nicht differenzieren. Einen Boykott von israelischen Waren, die in den besetzten Gebieten produziert werden, hält Cohn-Bendit für vernünftig – einen Boykott gegenüber Künstlern und Wissenschaftlern aus Israel jedoch für völlig falsch. Fürsprecher der Palästinenser würden heute sogar gegen einen israelischen Film wie „Das Meer“, der klar für die palästinensische Sache Partei ergreift, verdammen – nur weil sein Regisseur ein Israeli ist. „Wir sind doch alle meschugge“, sagt Cohn-Bendit. Auch zu der Frankfurter Kommunalwahl hat er etwas zu sagen, das nicht allen im Saal gefällt. Cohn-Bendit warnt davor, sich aus linker Sicht jetzt auf das Zustandekommen einer Koalition aus Grünen, SPD und Linkspartei zu fixieren. Denn dieses Bündnis hätte nur eine hauchdünne Mehrheit und müsste gegen eine erstarkte CDU regieren. Leicht könnte es in solch einer Koalition zum Streit über Grundsatzfragen kommen. „Und dann ist die Mehrheit, schneller, als man glaubt, wieder futsch.“ Cohn-Bendit unterstützt die Kampagne zur Rettung der Kneipe Der Club Voltaire, in dem Cohn-Bendit auftritt, ist seit Kurzem von der Schließung bedroht. Das Haus in der Frankfurter Innenstadt soll verkauft werden, eine kräftige Mietsteigerung würde das Aus für den Treffpunkt der linken Szene bedeuten. Auch Cohn-Bendit hat nun eine Petition zu dessen Erhalt unterschrieben. Für ihn ist die Kneipe eine „linke Paulskirche“. Er war dort vor allem, als man ihn 1968 nach der Pariser Studentenrevolte aus Frankreich ausgewiesen hat, regelmäßig zu Gast. Nicht nur als Diskursplattform, sondern auch als sozialer Ort – „wo am Ende des Abends Frauen Männer und Männer Frauen abgeschleppt haben“ – habe die Bar für ihn immer eine wichtige Rolle gespielt. Orte wie den Club Voltaire gelte es deshalb in einer „durch und durch gentrifizierten Stadt“ zu erhalten. „Da bin ich konservativ“, flaxt Cohn-Bendit. Und sagt, dass er darauf hoffe, dass zwischen Betreibern und Stadtpolitik bald ein Kompromiss gefunden werde, der zur Rettung der Kneipe führe. „Wenn ihr dafür einen Vermittler braucht: Ruft mich an.“