FAZ 24.03.2026
07:33 Uhr

Lebensgrundlage in Gefahr: Der globale Wasserkreislauf läuft nicht mehr rund


Grundwasserspiegel sinken, Dürren nehmen zu, Feuchtgebiete werden zerstört – auch in Deutschland. Das hat Folgen für unsere Wasserversorgung.  Wie wir die kostbare Ressource retten können.

Lebensgrundlage in Gefahr: Der globale Wasserkreislauf läuft nicht mehr rund

Schaubilder, mit denen Kinder in Grundschulen den Wasserkreislauf der Erde erklärt bekommen, sind schön anzuschauen: Wolken ziehen vom Meer übers Land, regnen jede Menge Wasser ab, das dann seinen Weg durch unberührte Gebirge mit Wäldern findet. Flüsse schlängeln sich durch grüne Landschaften zurück in Richtung Meer, wo die Reise erneut beginnt. Doch fehlt in diesem idealisierten Wasserkreislauf meist ein entscheidender Faktor: der Mensch. In Wirklichkeit wird ein erheblicher Teil des Wassers, das aus Wolken abregnet, später auf die eine oder andere Weise vom Menschen genutzt und verarbeitet – zum Beregnen von Feldern, als Kühlwasser in Kraftwerken und KI-Zentren, als Nutzwasser für die Industrie, als Trinkwasser. Es wird zu Abwasser. Auf dem Weg zum Meer fließt es in menschengemachten Kanälen und Gräben, sammelt sich in Stauseen, wird durch Fabriken und Häuser gepumpt. Und das ist ein Problem: Weltweit mehren sich die Alarmzeichen, dass der Wasserkreislauf nicht mehr rund läuft. Grundwasserspiegel sinken, Dürren werden häufiger, Feuchtgebiete, die Wasser aufsaugen und reinigen, werden zerstört. Anfang des Jahres warnte die Universität der Vereinten Nationen (UNU) vor einer „Ära der globalen Wasserinsolvenz“, in der bisher sicher geglaubte Vorräte verloren sind und Milliarden Menschen in ständiger Angst vor Mangel leben müssen. Deutschland zählt noch immer zu den Ländern mit der sichersten Wasserversorgung weltweit. Wirtschaft und Privathaushalte nutzen jährlich nur rund zehn Prozent des Wassers, das im Untergrund, in Seen und Flüssen zur Verfügung stehen würde. Die Wasserentnahme aus der Natur ist gesunken, weil immer weniger Großkraftwerke Flusswasser über Kühltürme in die Atmosphäre schicken. Es verschwindet aus dem Untergrund, aus Flüssen und Seen Doch auch in Deutschland ist der Wasserkreislauf gestört. Wissenschaftler warnen: Das Land trocknet aus. Neue, mithilfe von Satelliten gewonnene Daten des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) und der NASA zeigen einen beunruhigenden Trend: Selbst regenreiche Phasen können den Wasserschwund nicht mehr ausgleichen. Bereits im Frühjahr 2024 hatte das GFZ gemeldet, dass im Vergleich zum langjährigen Mittel aus dem Untergrund, Flüssen und Seen eine Wassermenge verschwunden ist, die mehr als der Hälfte des jährlichen Verbrauchs entsprach. Das sorgte für Schlagzeilen. Nach einer kurzen Erholungsphase sieht es heute noch düsterer aus: „Zum Jahresende 2025 hatten wir in Deutschland ein Defizit von rund 25 Milliarden Tonnen Wasser gegenüber dem langjährigen Mittel, also deutlich mehr als Ende 2023“, sagen die GFZ-Forscher Andreas Güntner und Eva Börgens. Deutschland hat gegenüber dem langjährigen Mittel fast eineinhalbmal so viel Wasser verloren, wie der Natur jährlich für Wirtschaft und Haushalte entnommen werden. Höhere Verdunstung durch gestiegene Temperaturen spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Land trocknet aus. Weil die Sorge grassiert, dass extreme Dürren, Sabotage und Starkregen Wasserwerke lahmlegen könnten, erneuern Bund, Länder und Kommunen gerade hektisch ihre verstaubten Notfallpläne. Diese sollen die Versorgung auch dann sicherstellen, wenn in einer ganzen Stadt oder Region nichts mehr aus der Leitung kommt. 50 Liter pro Bürger und Tag haben Staat und Versorger bei Stör- und Notfällen in Friedenszeiten zu garantieren. Im Verteidigungsfall müssen 15 Liter sogenanntes „Notwasser“ pro Tag und Person reichen. Was passiert, wenn Mangel herrscht Michael Lülf, Branddirektor bei der Berufsfeuerwehr in Mülheim an der Ruhr, warnt, dass der Bevölkerungsschutz bei der Wasserversorgung bei Weitem nicht so funktioniert, wie es nötig wäre. „Wir leben in einer Wohlfühlblase, bei uns kommt Strom aus der Steckdose und Trinkwasser aus dem Hahn“, sagt er. Lülf sieht Kommunen, Bund und Länder in der Pflicht, deutlich mehr zu tun. Er hat ein modulares System aus transportablen Wasserbehältern, Tankwagen und Desinfektionseinheiten entwickelt, um Tausende Menschen unabhängig vom Leitungsnetz mit Wasser zu versorgen. Im Notfall würde das Wasser aus Regionen mit funktionierender Versorgung in Gegenden gebracht, in denen Mangel herrscht. Andernorts wird reaktiviert, was man lange Zeit für überflüssig hielt: lokale Trinkwasserbrunnen. In Berlin und anderen Städten sollen sich Menschen hier im Notfall selbst Wasser schöpfen können. Die Probleme im deutschen Wasserkreislauf reichen aber tiefer. Immer mehr Förderbrunnen, die über lange Zeit gesprudelt haben, versiegen. Wenn neue Brunnen angelegt werden, müssen Wasserbetriebe immer tiefer bohren. Und Niederschlag fließt zu rasch in Flüsse und ins Meer ab, statt zu versickern. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Grundwasserstände in Deutschland tendenziell sinken, und sagen voraus, dass der Klimawandel diese Entwicklung beschleunigen wird. Das Umweltbundesamt registriert seit dem Jahr 2015 eine starke Zunahme von Wassernutzungskonflikten, bei denen es zum Beispiel darum geht, dass Gärten nicht mehr bewässert werden dürfen, Rettungsaktionen für trockengefallene Moore gefordert werden, der Schiffsverkehr auf Flüssen eingeschränkt wird oder ein Wasserversorger um überregionale Hilfe bitten muss. Besonders betroffen waren Oberlausitz, Spreewald und Uckermark, Mitteldeutschland, der Niederrhein, das Rhein-Main-Gebiet und der Schwarzwald. Strategien gegen den Wassermangel Es gibt grundverschiedene Strategien, mit Wassermangel umzugehen: Eine besteht darin, in der Tiefe jene uralten, fossilen Wasserschichten anzuzapfen, die bisher unangetastet sind. Das birgt große Risiken: Bis sich diese Wasservorkommen wieder gefüllt haben, vergehen Jahrtausende, oder sie erneuern sich gar nicht. Ein zweiter Ansatz besteht darin, Fernleitungen von wasserreichen in wasserarme Regionen zu bauen. In Bayern soll dazu das Donau-Main-Überleitungssystem zwischen dem Voralpenland und dem austrocknenden Norden des Bundeslands massiv ausgebaut werden. Im Osten Deutschlands ist eine Fernleitung von der Elbe nach Berlin im Gespräch. Die Wasserwirtschaft fordert von der Politik, den Bau solcher Wasserpipelines zu erleichtern. Doch in manchen Regionen, etwa im hessischen Vogelsberg oder im Hessischen Ried, regt sich Widerstand dagegen, für den Wasserbedarf von Großstädtern leergepumpt zu werden. Eine dritte Strategie könnte sein, die Landschaften in Deutschland wieder stärker in die Lage zu versetzen, große Mengen Niederschläge aufzunehmen und sukzessive in Grundwasser zu verwandeln. Diese Rolle kommt besonders Feuchtgebieten zu. „Über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte drehte sich alles darum, jeden Tropfen, der vom Himmel fällt, so schnell wie möglich aus den landwirtschaftlichen Flächen abzuleiten, in einen Graben, Bach oder Fluss zu bekommen und Richtung Nord- oder Ostsee zu schicken“, sagt Christian Albert, Professor für Landschaftsplanung und Ökosystemleistungen an der Universität Hannover. Millionen Kilometer Drainage-Rohre wurden dazu unter Wiesen und Äckern verlegt, Bäche und Flüsse begradigt, Tümpel zugeschüttet. Das rächt sich nun. Seit Beginn des Jahrhunderts waren viele Sommer extrem trocken, die Ernte litt merklich. Wie viele andere Experten fordert Albert: „Damit sich etwas am Wasserhaushalt verändert, muss sich etwas in der ganzen Fläche, der ganzen Landschaft verändern.“ Schwammlandschaften mit Auenflächen und Mooren Neue Ackerrandstreifen und Hecken könnten dabei helfen, dass Wasser nicht einfach hangabwärts abfließt, sondern vor Ort versickert. In Bach- und Flusstälern geht es darum, den Flüssen wieder mehr Raum zum Mäandern zu geben und große Auenflächen auszuweisen, in denen sich Hochwasser ausbreiten und von dort durch reinigende Bodenschichten in Richtung Grundwasser versickern kann. Zudem müssten frühere und bestehende Moore wiedervernässt und neue Feuchtgebiete geschaffen werden. Das EU-Renaturierungsgesetz aus dem Jahr 2024 verpflichtet die 27 Mitgliedstaaten, bis 2030 mindestens 20 Prozent der geschädigten Land- und Meeresflächen ökologisch zu sanieren. Bis zum Herbst muss die Bundesregierung einen umfassenden Aktionsplan dafür ausarbeiten. Doch Pläne, Feuchtgebiete in großem Stil wiederherzustellen und dadurch Landschaften zu schaffen, die Wasser wie ein Schwamm aufnehmen, stoßen vor allem bei Landwirten auf Gegenwehr. Der Deutsche Bauernverband und einzelne Bundesländer fordern, das EU-Gesetz gar nicht erst anzuwenden. Die Bundesregierung will sich, statt ökologisch verarmte Landschaften wiederzubeleben, auf bestehende Schutzgebiete konzentrieren. Dort sind die wenigsten Konflikte mit der Landwirtschaft zu erwarten. Schwammstädte werden hingegen immer beliebter. In der Fritschestraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg etwa haben Anwohner selbst eine grüne Oase geschaffen. Die Straßenbäume sind nicht in Steinplatten eingezwängt, sondern von großen Beeten umgeben, in denen Farne, Immergrün und Veilchen wachsen. Neben einer dunkelgrünen Wasserpumpe steht eine bis zum Rand gefüllte Badewanne, in deren Wasseroberfläche sich die Fassaden der Gründerzeithäuser spiegeln. Ein Hochbeet ersetzt einen Autoparkplatz. „Noch vor ein paar Jahren war das eine Straße wie jede andere“, sagt Jörg Winners von der „Initiative Fritschestraße“, die dazu beitragen will, dass Berlin zur Schwammstadt wird. Jeder Regentropfen fließt in den Gulli Die Sorge geht um, dass die Hauptstadt eher früher als später auf dem Trockenen sitzen könnte. Das macht das Regenwasser zu einer kostbaren Ressource. Die Berliner Kanalisation ist jedoch wie die deutsche Agrarlandschaft darauf ausgelegt, dieses Wasser schnell wieder loszuwerden. „Früher war man stolz, wenn jeder Regentropfen über versiegelte Flächen abgeleitet wurde und in den Gulli floss“, sagt Stephan Natz von den stadteigenen Berliner Wasserbetrieben. „Erst Spree oder Havel, dann Elbe und Nordsee und weg“, sagt Natz. Doch: „Das abgeleitete Wasser fehlt.“ Bei Starkregen kommt es oft zu Überschwemmungen, weil die Rohre die Flut nicht mehr aufnehmen können und ein Rückstau entsteht. Ein weiterer Stressfaktor hat paradoxerweise mit dem Kampf gegen den Klimawandel zu tun: Bisher gelangt ein erheblicher Teil des Berliner Trinkwassers aus Südosten über die Spree zum Müggelsee, wo es in den Untergrund versickert, durch den Boden gefiltert und dann sauber gefördert wird. Doch die Spree führt nur deshalb so viel Wasser, weil sie in der Lausitz mit Grundwasser gefüllt wird. Das geschieht seit Jahrzehnten, um die riesigen Gruben des Braunkohletagebaus der Region trockenzuhalten. Mit dem Kohleausstieg wird das aber spätestens 2038 aufhören. Die Gruben sollen volllaufen, die Pumpen werden stoppen – und dann wird deutlich weniger Wasser in Richtung Berlin fließen. Die „Initiative Fritschestraße“ gehört zu den Pionieren von lokalen Lösungen. Den engagierten Anwohnern gelang es im Jahr 2023, entlang des Gehwegs vier große, graue Tonnen mit zusammen 3000 Liter Fassungsvermögen zu installieren. Sie fangen bei Starkregen das Wasser aus den Fallrohren ab, das sonst in die Kanalisation schießt. Zudem haben die Anwohner versiegelte Flächen freigelegt und mit Grün bepflanzt. Das gesammelte Regenwasser dient zum Gießen – und landet so im Berliner Untergrund statt in den Kanälen. Ende des Jahres 2025 haben Senat und Abgeordnetenhaus in Berlin das „Klimaanpassungsgesetz“ verabschiedet. Es sieht unter anderem vor, insgesamt 300.000 Straßenbäume zu pflanzen und Flächen in großem Stil von Asphalt zu befreien. Regenwasser soll viel stärker als bisher vor Ort im Boden versickern und ins Grundwasser gelangen, statt in die Nordsee abzufließen. Das Vorbild Fritschestraße macht Schule: Mehrere Bezirke installieren nun Gehweg-Regentonnen. Die konkrete Umsetzung der meisten Maßnahmen beginnt aber erst noch – und wenn Parkplätze Blumenbeeten und Regenspeichern weichen sollen, droht Streit. „Der Wegfall von Parkplätzen betrifft relativ wenige Menschen, ist aber ein Riesenthema“, sagt Winners. Dabei Konfrontation zu vermeiden und Kooperation zu praktizieren, sei auf dem Weg zur Schwammstadt die größte Herausforderung. Teurer Dreck im Abwasser Ein Teil des Wasserkreislaufs, das Abwasser, ist mit zunehmend unterschiedlichen Chemikalien belastet. Denn aus Millionen Badezimmern gelangen Reinigungsmittel, Kosmetika und ausgeschiedene Medikamentenreste in die Abflüsse. „Wir haben Blutdrucksenker, Antidepressiva, Schmerzmittel und andere Substanzen im Abwasser, zwar in kleinen Mengen, aber als großer Cocktail“, sagt Gerhard Mauer, der Leiter der Berliner Abwasserbeseitigung. Die Mikroorganismen in den Kläranlagen tun sich schwer damit, diese organischen Spurenschadstoffe zu verstoffwechseln und sie in schadlose oder zumindest weniger schädliche Abbauprodukte umzuwandeln. Der chemische Mix, der trotz Kläranlagen in Flüsse und Seen gelangt, verursacht in den Gewässern Schäden: Viele der Substanzen beeinträchtigen bei Wasserorganismen – von kleinen Schnecken bis hin zu großen Fischen – die Fruchtbarkeit, lösen Geschlechtsumwandlungen aus, stören die Orientierung und Bewegung oder erhöhen die Sterblichkeit. Ein Beispiel ist das Schmerzmittel Diclofenac. Es kann sich in Tieren anreichern und die Leber von Flussottern sowie die Nieren von Fischen schädigen. Laut Umweltbundesamt wurden in etwa drei Vierteln der in Deutschland entnommenen Oberflächenwasserproben erhöhte Konzentrationen des Wirkstoffs festgestellt. Wissenschaftliche Studien belegen auch für andere Stoffe negative Auswirkungen auf Fische, Krebstiere und Algen. Dass kaum ein deutsches Gewässer in jenem „guten chemischen Zustand“ ist, der laut EU-Wasserrahmenrichtlinie bereits im Jahr 2020 hätte erreicht sein sollen, spricht eine deutliche Sprache. Dabei gibt es längst eine Lösung: die sogenannte vierte Reinigungsstufe in den Kläranlagen. Mit Ozon, Aktivkohle oder feinporigen Filtern ließe sich mindestens die Hälfte der Giftfracht beseitigen. Doch der Einbau scheitert oft an den Kosten. Die neue „Kommunale Abwasserrichtlinie“ der EU schreibt seit Januar 2025 vor, dass größere Kläranlagen in ganz Europa zwischen 2027 und 2045 nachrüsten müssen. Die EU verdonnerte die Kosmetik- und die Pharmaindustrie, gemäß dem Verursacherprinzip 80 Prozent der Bau- und Betriebskosten zu übernehmen, inklusive höherer Energiekosten. Dabei geht es um viele Milliarden Euro. Die Pharma- und Kosmetikbranche wehrt sich gegen die Geldforderung, stellt die Studien infrage, auf denen die neuen Abwasservorschriften beruhen, und droht, Medikamente vom Markt zu nehmen, wenn die Regelung bleibt. Ende Februar scheiterte die Branche allerdings vor dem Europäischen Gerichtshof. Sie versucht nun weiter, Druck auf politische Entscheider auszuüben. Oliver Loebel, Generalsekretär von Eureau, einem Zusammenschluss europäischer Wasserversorger, hält dagegen: „Auch wenn es heutzutage immer weniger Politiker gibt, die sich für den Umweltschutz einsetzen, sollten sie zumindest für den Schutz des Wassers eintreten.“ Sondermüll statt Dünger: Klärschlamm Die Abwasserbetriebe haben allerdings noch ein Entsorgungsproblem: Wohin mit Millionen Tonnen Klärschlamm? Bei dem Schlamm handelt es sich um die Feststoffe aus den Fäkalien und der Biomasse, die in den Kläranlagen bei der Reinigung übrig bleiben. Es geht um riesige Mengen. Laut Statistischem Bundesamt waren das 2024 rund 20 Kilogramm Trockenmasse pro Einwohner. Früher wurde ein großer Teil davon als Dünger auf Feldern und Wiesen ausgebracht. Doch Klärschlamm ist mit Schadstoffen belastet, und wegen schärferer Regeln landen inzwischen nur noch etwa zwölf Prozent auf den Feldern, Tendenz sinkend. Stattdessen wird der Klärschlamm zur Energieerzeugung teils in speziellen Anlagen, größtenteils aber als Beimischung in Kohlekraftwerken verbrannt. Letztere werden nun sukzessive abgeschaltet. Zugleich wird es 2029 in der EU für größere Kläranlagen verpflichtend, den Phosphor, einen kritischen Rohstoff, aus dem Klärschlamm zu extrahieren. Im oberbayerischen Altenstadt wird das erstmals großtechnisch erprobt: Aus 50.000 Tonnen Klärschlammasche sollen rund 15.000 Tonnen Phosphordünger gewonnen werden. Vorher muss ermittelt werden, wie viele Spuren- und Schadstoffe die Asche enthält. „Solche Anlagen müssten nun in Windeseile im ganzen Land installiert werden. Technologien zur Phosphorrückgewinnung stehen in ihrer Entwicklung noch am Anfang“, urteilt das Umweltbundesamt. Bis zur EU-Frist sind es nur noch drei Jahre. Dieser Seitenzweig des neuen Wasserkreislaufs bereitet Experten Kopfschmerzen. Während die Kläranlagenbetreiber das Wasser möglichst sauber aus ihren Anlagen zurück in Flüsse und Seen leiten wollen, gelangen aus der Landwirtschaft problematische Stoffe einfach so ins Wasser. Fast 200.000 Tonnen Stickstoff- und 7000 Tonnen Phosphorverbindungen, ein Großteil aus Dünger und Gülle, kommen so jährlich in die deutschen Flüsse und von dort aus dann in Nord- und Ostsee. Die Folge: Regelmäßig kommt es zu Algenblüten, die den Meeresbewohnern lebenswichtigen Sauerstoff rauben. Ein Fünftel der Ostsee gilt bereits als Totzone. Statt diese Fracht und damit die Überdüngung des Meeres forciert zu verringern, macht Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer das Gegenteil: Die Pflicht für landwirtschaftliche Betriebe, zu bilanzieren, welche Mengen an Stickstoff und Phosphor sie freisetzen, hat er 2025 abgeschafft. Er wolle damit „überbordende Bürokratie abbauen“, sagte Rainer. Wissenschaftler warnen davor, die Risiken des modernen Wasserkreislaufs zu unterschätzen. Letztlich leihen wir uns das Wasser nur von der Natur, sagte Thomas Riedel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung anlässlich der UN-Warnungen vor einer chronischen Wasserkrise: „Wenn wir es in einem schlechten Zustand zurückgeben, ruinieren wir unsere wichtigste Lebensgrundlage.“