Verehrte Paulskirchengemeinde, Bürgerinnen und Bürger unserer schönen alten freien Stadt, unseres Landes und Vaterlandes, aller Vaterländer – seien Sie ebenso herzlich willkommen wie jene, denen Sie, der Souverän, Mandate und Ämter auf Zeit gegeben haben. Und verehrter Preisträger – nicht auf Zeit. Wir müssen uns ranhalten, denn sonst kann es sein, dass unser Preisträger vom BKA verhaftet und nach Den Haag gebracht wird. Denn Christopher Clark ist unlängst mittelbar vorgeworfen worden, für eine Appeasement-Politik gegenüber Russland verantwortlich zu sein. Er habe mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ die deutsche Politik gleichsam eingelullt. Also im Grunde die russische Aggression gefördert. Jetzt hat er auch noch ein öffentliches Amt – Börne-Preis –, und fertig ist die Völkerstraftat. Diese Reaktion auf Christopher Clark ist gar nicht untypisch. Denn er hat den anderen Blick. Ich weiß, der „andere Blick“ liegt aus mancher Journalistensicht schon vor, wenn man in Berlin-Charlottenburg wohnend nur den Arbeitgeber wechselt. Christopher Clark hat ihn wirklich. Und deshalb hat etwa sein Werk „Die Schlafwandler“ vor allem hierzulande so irritiert. So warf man ihm eine unangemessene Entlastung der Deutschen vor – eine Entlastung von deutscher Schuld. Und gerade deshalb, so heißt es, sei das Buch so erfolgreich gewesen. Vielleicht war es aber einfach nur gut geschrieben. Oder es kam schlicht zur rechten Zeit, genau wie Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ 1961 auch zur rechten Zeit erschien, um erfolgreich zu sein. Es war jedenfalls lange en vogue, vor allem düstere Kontinuitäten in der deutschen Geschichte auszumachen: von Luther zu Hitler, von Bismarck zu Hitler. Von Wilhelm II. zu Hitler. Und ja, es gibt Verbindungslinien; man kann Spurenelemente finden und zusammenführen, die dann in Totalitarismus, Weltkrieg und Völkermord münden. Wider den Rückblick von hoher Warte Das ist aber ein Rückblick von hoher Warte. Mit dem Wissen um ein schlimmes Ende. Verloren geht dabei, dass auch bestimmte Anlagen nicht zwangsläufig zu einem Ausbruch von Üblem führen. Wenn man die Kategorie der Schuld benutzt – dann muss man auch sagen, schuldig woran. Schuld gleichermaßen an zwei Weltkriegen? Was genau ist mit dem Wissen von damals vorwerfbar? In der Geschichte wird doch, wie auch heute noch, jeden Tag eine neue Tür aufgemacht. Und es ist Christopher Clark, der die Dinge stets in einen größeren Zusammenhang stellt. Er nimmt, wie schon im Blick auf die Revolution von 1848, für die auch dieses Hohe Haus steht, die europäische Dimension in den Blick. Er weitet die Perspektive und hebt Schätze, die lange verborgen waren. So kann man heute in London in einer großen Buchhandlungskette in der Abteilung „Europäische Geschichte“ Clarks neues schmales Bändchen zu Königsberg entdecken. Nicht Kaliningrad, Königsberg mit ö, samt einer alten Karte der ostpreußischen Hauptstadt am Pregel. Eine durchaus aktuelle Skandalgeschichte wird dort beschrieben, in der es auch um eine Verurteilung ohne Schuld geht. Und Clark lenkt auch hier seinen anderen Blick wieder auf ein scheinbar untergegangenes Land, das aber doch genauere Betrachtung verdient: Preußen. Das allein ist eine Nachricht. Preußen, dieser durch alliiertes Gesetz aufgelöste Staat, der schon lange in Deutschland aufgegangen und faktisch schon in der NS-Diktatur tot war. Dieses Gebilde, das für „Militarismus“ steht – das war der Verbotsgrund –, für Drill und Obrigkeit und auch für Verfolgung, die etwa Ludwig Börne am eigenen Leib gespürt hat. Preußen, das aber auch mit Freiheit, Toleranz und guter Ordnung in Verbindung gebracht werden kann. Dafür steht etwa der langjährige sozialdemokratische Ministerpräsident Otto Braun, der sogenannte „rote Zar“, der aus Preußen ein republikanisches Bollwerk machen wollte. Christopher Clark nennt seine preußischen Attribute: „unstillbarer Arbeitseifer, sein Blick fürs Detail, seine Abneigung gegen jede Form der Selbstdarstellung und seine hohe Wertschätzung des Staatsdienstes“. Preußische und heutige Sekundärtugenden Nun kann man in der Tat sagen, so auch Clark, dass sich der preußische Geist im Führerstaat genauso entfalten konnte wie in absolutistischer Zeit. Preußen hat ohne Zweifel funktioniert – das Funktionieren als solches sollte man aber auch nicht in Bausch und Bogen verdammen. Die sogenannten Sekundärtugenden sind schon früher gern geschmäht worden. Mit ihnen könne man, so ein frühes Wort eines einstigen SPD-Vorsitzenden mit Blick auf Helmut Schmidts Rede von „Pflichtgefühl“ „auch ein KZ betreiben“. Mag sein. Wenn man sich aber von Sekundärtugenden gänzlich verabschiedet, wenn die Bahn nicht mehr fährt, die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht mehr aufrechterhalten werden kann, die Wehrfähigkeit nicht mehr gegeben ist, die meisten nur noch empfangen, aber nicht mehr dienen wollen und sich kaum jemand mehr für das Gemeinwohl einsetzt – dann kommen die an die Macht, die keine Primärtugenden haben. Und auch für diese Tugenden steht Preußen. Henning von Tresckow sagte 1943, nicht lange vor seinem Freitod an der Ostfront, anlässlich der Konfirmation seiner Söhne in der Garnisonkirche: „Vom wahren Preußentum ist der Begriff der Freiheit niemals zu trennen.“ Ohne die Gebote der Freiheit, des Verständnisses und des Mitleids liefen die preußischen Ideale wie Selbstdisziplin und Pflichtgefühl Gefahr, zu seelenlosem Kommiss herabzusinken. Knapp 60 Jahre später, im Jahr 2002, machte der eher vergessene Sozialminister von Brandenburg Alwin Ziel (SPD) einen ebenso vergessenen Vorschlag, auch daran erinnert Clark: nämlich das geplante gemeinsame Bundesland Berlin-Brandenburg schlicht „Preußen“ zu nennen. Begründung: Preußen stehe für Toleranz und Gemeinwohl. Schon Friedrich der Große habe sich schließlich als Erster Diener seines Staates gesehen. Das hat für etwas Aufsehen gesorgt – bis hin zu einer offenen Debatte in unserer Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Während der sozialdemokratische Kulturstaatsminister damals meinte, der Name „Preußen“ könne gerade im Ausland falsche Assoziationen wecken, fand Berlins Regierender Bürgermeister von der CDU, für ein gemeinsames Bundesland Berlin-Brandenburg sei der Name Preußen eine „Schuhnummer zu groß“. In der CSU wiederum hieß es: Preußen sei ein aufgeklärter, fortschrittlicher Rechtsstaat gewesen. Und man erinnerte an den Satz von Franz Josef Strauß: „Im Zweifel müssen wir Bayern die letzten Preußen sein.“ Wie wir alle wissen, kam es noch nicht einmal zu einem gemeinsamen Bundesland, da war das Volk davor, somit erst recht nicht zu einem neuen Namen. Rechtliche Gründe konnte das freilich nicht haben, auch wenn die Alliierten mit ihrem Kontrollratsgesetz, das Preußen „seit jeher“ als „Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“ für aufgelöst erklärte, sicherlich einen ewigen Anspruch hatten. Doch Besatzungsrecht gilt nur unter Besatzungsherrschaft. Aber dieses zuletzt ohnehin nur noch imaginäre Land wollte und konnte ohnehin niemand wieder errichten. Eine Pflicht, die bitter nötig ist Jedoch: preußischen Geist im guten Sinn – den brauchen wir auch heute. Und Ideale kann man ohnehin nicht verbieten. So manches Preußische hat auch durchaus Eingang in unsere Grundordnung gefunden – bis hin zur Wehrpflicht. Und nicht zu vergessen eine andere Pflicht, die bitter nötig ist: ein Gespür dafür, wann man nicht mehr zu gehorchen hat, ja nicht mehr mitmachen darf, weil Gehorsam keine Ehre bringt. Preußen steht eben auch für ein „Bis hierhin und nicht weiter“ – und wenn weiter, dann nur auf zivilisierte Art, das ist auch heute nach innen wichtig und das ist nach außen wichtig. Haltung ist nicht abhängig von geographischer oder numerischer Größe – das zeigt die Ukraine täglich; das zeigt aber auch Dänemark. Preußen steht ihm nicht nur für Gehorsam, sondern auch für den Satz: „Dafür hat Sie Seine Majestät zum Stabsoffizier gemacht, damit Sie wissen, wann Sie nicht mehr zu gehorchen haben.“ So viel Legendenbildung man bei solchen Bonmots auch abziehen muss: Dieser Geist hat auch Eingang in die deutsche Militärstrafgerichtsbarkeit gefunden – schon lange bevor Deutschland eine Demokratie wurde. Wenn ein Befehl eine Straftat bedeutet, darf er nicht befolgt werden. Heute haben wir hoffentlich – anders als in Weimar – genug Demokraten, die hinter der Republik, hinter unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen. Und grundsätzlich jede Anweisung befolgen. Es ist aber gerade heute wichtig, zu betonen: Eine freie Wahl ist kein Freibrief. Kein Freibrief für Willkür. Nicht gegenüber Einzelnen, nicht gegenüber Gruppen. Gegen den Ausschluss aus der Rechtsgemeinschaft muss jeder aufstehen. Kein Beamter, kein Polizist, kein Soldat und kein Staatsanwalt darf seine Hand zu einer Unrechtsherrschaft reichen. Und das Land als Ganzes muss Verbündeten, die diese Grenze überschreiten, Nein sagen. Wir sehen, dass man damit Erfolg haben kann. Das ist preußisch im besten Sinne. Es wäre gut gewesen, wenn schon Ludwig Börne, geboren als Juda Löb Baruch, auf solche Staatsdiener getroffen wäre – der Freiheit verpflichtet. Börne schrieb: Ich liebe nicht den Juden, nicht den Christen, weil Jude oder Christ, ich liebe sie nur, weil sie Menschen sind und zur Freiheit geboren. Freiheit sei die Seele meiner Feder, bis sie stumpf geworden ist oder meine Hand gelähmt. Und: Man kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der Freiheit nicht. Raus aus der Gegenwart, hinein in die Vergangenheit Börnes Werk und Wirken bleiben der Beweis dafür, dass Gedankenfreiheit und auch die Freiheit der Äußerung von Meinungen sich letztlich nicht unterkriegen lassen. Wenn man das Wort von unseren angeborenen Menschenrechten ernst nimmt, dann setzt sich hier die Natur durch. Börne war ein Kämpfer für die freie Presse; an seinem Schicksal wird aber auch klar, dass die Presse, dass Medien nicht als Apparate, als Institutionen für sich selbst und die eigene Wichtigkeit da sind. Entscheidend ist, dass sie Freiheit geben, die Möglichkeit, sich kritisch und pointiert zu äußern. Christopher Clark ist zum Glück kein Verfolgter. Aber doch auf angenehme Weise unakademisch und entrückt, wenn auch nicht so wie Börne, dem lange die Studierfähigkeit abgesprochen wurde. Auch das ein Ritterschlag. Vielleicht schafft es Christopher Clark gerade deshalb, einem sehr großen internationalen Publikum multimedial mit Witz und Verstand die Welt näherzubringen, wie sie wurde, was sie ist. Wobei er betont: Es gibt keine Wiederholungen, keine Handlungsanweisung durch Geschichte, aber wenn man über Geschichte nachdenkt, wird man klüger, smarter. Unlängst erzählte Christopher Clark in einer Talkshow, wie er als Kind in einem wohlhabenden australischen Vorort das dauernde Geräusch des Rasensprengers vernahm, zackzackzack – schschsche. Und ich hatte das Gefühl, so sagte er, hier sei Geschichte nicht passiert, es würde auch keine Zukunft kommen. Es sei eine ewige Gegenwart. Und seine Schlussfolgerung: Ich wollte aus dieser Gegenwart raus. Und Clark wandte sich der Vergangenheit und Europa zu. Das hätte Börne gefallen. Deshalb ist Christopher Clark als Preisträger goldrichtig. Herzlichen Glückwunsch!
