FAZ 21.09.2026
16:28 Uhr

Landtagswahl in MV: Schwesig hat SPD und Grüne verärgert – und braucht sie jetzt als Partner


Die CDU im Nordosten muss ihre Landtagsfraktion abwickeln, die AfD strotzt vor Selbstbewusstsein – und SPD, Linken und Grünen bleibt nur eine schwierige Option.

Landtagswahl in MV: Schwesig hat SPD und Grüne verärgert – und braucht sie jetzt als Partner

Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern hat nach der Wende zweimal den Ministerpräsidenten gestellt, bis auf wenige Unterbrechungen war sie Teil der Landesregierungen, holte einst im Land mehr als 38 Prozent. Jetzt aber liegt sie am Boden. Erstmals überhaupt flog sie aus einem Landtag, landete den vorläufigen Ergebnissen zufolge nur noch bei 4,9 Prozent. Das ist das mit Abstand schlechteste Ergebnis eines CDU-Landesverbands in der Geschichte der Bundesrepublik. Von den Erstwählern stimmten nur zwei Prozent für sie. Zudem holte die Partei kein einziges Direktmandat. Die Partei steht nun vor massiven personellen und finanziellen Einschnitten. Eine Landtagsfraktion mit zwölf Mitgliedern löst sich auf, manche Mitarbeiter stehen vor dem Aus. Die Stimmung im Landesverband ist entsprechend verheerend. Egal, wer aus der Partei sich am Wahlabend äußerte, meist war von Katastrophe oder Desaster die Rede. Am Montag dann herrschte weitgehend Schweigen, führende Parteivertreter schienen abgetaucht. Generalsekretärin Katy Hoffmeister erschien als einzige Parteivertreterin nicht zu einem angekündigten Pressetermin. Noch ist das Wahlergebnis vorläufig, daran ändern aber dürfte sich für die CDU nichts. Ihr fehlen nach Angaben des Landeswahlleiters mindestens 700 Stimmen für einen Wiedereinzug. Die Partei war zerrieben worden im Zweikampf zwischen Manuela Schwesig (SPD) und der AfD, zudem kam Gegenwind aus Berlin. Daniel Peters, der in seinem Wahlkreis im Osten Rostocks auf gerade einmal sieben Prozent der Erststimmen kam, vermied es am Wahlabend, die Schuld „irgendwo hinzuschieben“. Erwartet wird in seiner Partei nun, dass er den Weg für einen Neuanfang frei machen wird. Unklar ist aber, wohin dieser führen wird. Es gibt Stimmen im Landesverband, die eine Öffnung hin zur AfD fordern. Die AfD will das Amt des Landtagspräsidenten Wahlsieger am Sonntag wurde mit 38,2 Prozent die AfD. Am Tag danach strotzte die Partei nur so vor Selbstbewusstsein. Ihr Spitzenkandidat und Fraktionsvorsitzender Enrico Schult beanspruchte das Amt des Landtagspräsidenten für seine Partei. Er kündigte ein selbstbewusstes Vorgehen im Landtag als „einzige bürgerliche Partei“ darin an. Die AfD bezeichnete er angesichts der hohen Wahlbeteiligung von über 78 Prozent als „Segen für die Demokratie“. In fünf Jahren werde sie die absolute Mehrheit holen. Vorerst aber bleibt der AfD nur die Rolle als mutmaßlich einzige Opposition im Landtag. Dabei ist sie ist alles andere als machtlos. Mit mehr als einem Drittel der Sitze verfügt sie über eine Sperrminorität, kann die Wahl von Verfassungsrichtern blockieren und Untersuchungsausschüsse einsetzen. Letzteres soll zum Thema Corona erfolgen. Blickt man auf die Landkarte, ist MV nun blau – mit roten Einsprengseln zwischendrin. 22 Wahlkreise holte die AfD, 14 die SPD. Deutlich zu sehen ist ein Stadt-Land-Gefälle: Die SPD gewann in den größeren Städten, die AfD auf dem Land. AfD-„Ministerpräsidentenkandidat“ Leif-Erik Holm unterlag in seinem Schweriner Wahlkreis deutlich gegen Schwesig, die fast doppelt so viele Erststimmen erhielt. Holm zieht nicht in den Landtag ein, bleibt aber Ko-Parteivorsitzender. Doch Schults Einfluss dürfte nun zunehmen. Er holte mit mehr als 54 Prozent nach Schwesig das zweitbeste Direktwahlergebnis. Am Wahlabend hatte er Parteifreunden zugerufen, die Abgeordneten der anderen Parteien würden „zittern“ vor ihnen, „wenn wir hier einmarschieren mit unserer Truppe“ – „und sie zittern zu Recht“. Der SPD-Erfolg ging auf Kosten der kleinen Parteien Die SPD-Leute jubelten am Wahlabend zunächst über die 35,5 Prozent. Doch je später der Abend wurde, desto vernehmbarer waren nachdenkliche Stimmen. Einmal, weil klar war, dass die Partei ohne Schwesig ins Bodenlose gesunken wäre: 49 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten ohne Schwesig nicht für die SPD gestimmt. Aber auch, weil der eigene Erfolg auf Kosten der künftigen Partner ging. Schwesig kündigte am Montag an, eine rot-rot-grüne Landesregierung bilden zu wollen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Julian Barlen, sagte dazu, selbstverständlich würden die „demokratischen Fraktionen“ nun miteinander ins Gespräch kommen. Allerdings gibt es dazu auch keine realistische Alternative. Erwartet wird, dass die Regierungsarbeit deutlich schwieriger werden könnte als zuletzt. Die AfD wird als einzige Opposition im Landtag versuchen, eine Blockadepolitik zu betreiben. Schwierig dürfte die Regierungsarbeit aber auch deswegen werden, weil Schwesigs potentielle Partner beide verärgert sind, schließlich hat der Polarisierungswahlkampf gegen die AfD sie Stimmen gekostet. SPD-Mann Barlen widersprach dem. Die Zuspitzung im Wahlkampf sei von der AfD ausgegangen, zudem stehe es jeder Partei frei, ihre eigene Haltung zu zeigen. Zu Vorwürfen aus der CDU, auch durch den SPD-Wahlkampf untergegangen zu sein, sagte er: Jede Partei müsse sich selbst fragen, ob der eigene Wahlkampf funktioniert habe. Auch die Linke verlor massiv, landete am Ende nur bei 6,5 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis bisher bei einer Landtagswahl im Nordosten. Die Zahl der Linken-Abgeordneten fällt deswegen im neuen Landtag von neun auf nur noch fünf. Der zugespitzte Wahlkampf zwischen SPD und AfD habe allen „demokratischen Parteien das Fell über die Ohren gezogen“, sagte am Montag die Spitzenkandidatin der Linken, Bildungsministerin Simone Oldenburg. Hennis Herbst, Landesvorsitzender der Linken, sagte, das Wahlergebnis gebe der Linken ein starkes Verhandlungsmandat, letztlich sei die SPD auf die Linke angewiesen. Sozialkürzungen und „Militarisierung“ werde es mit der Linken nicht geben. Die Grünen nannte er an „an vielen Stellen beliebig“. Kritische Stimmen kamen auch von den Grünen. Die Zuspitzung zwischen SPD und AfD sei zulasten der kleineren Parteien gegangen, sagte Ole Krüger, einer der Ko-Landesvorsitzenden der Grünen. „Aber jetzt ist der Wahlkampf halt auch vorbei“, nun gelte es nach vorn zu schauen. Seine Partei sei bereit, Verantwortung zu übernehmen. Zwischen Schwesig und den Grünen gibt es bekanntermaßen wenig Schnittmengen; die Ministerpräsidentin hat bisher erst mit der CDU, dann mit der Linken regiert. Sie steht für eine soziale, wirtschaftsnahe SPD, schaut etwa auf Rentner, Arbeiter und Industrie. Umweltpolitik gehört eher nicht zu Schwesigs Leidenschaften.