Auf den ersten Blick könnten es einfach Wollfäden sein. Aber wer nähertritt, erkennt, dass „Headwaters“, die langen, zarten Schnüre, die an einem gebogenen Holz hängen, aus winzigen Perlen bestehen, hellblau, mittelblau, zartgrün. „Die kommen aus Tschechien“, erklärt Tanya Lukin Linklater. Indigene Frauen, die damit arbeiten, hatten ihr tschechische Perlen als die besten empfohlen. Aufgefädelt hat die Schnüre, die so lang sind wie Linklater groß, ihre Tochter Nina. Sie wird auch unter den Performerinnen sein, die am 30. und 31. Mai das aktivieren, was Lukin Linklater nach Frankfurt gebracht hat. Denn Stimme und Bewegung der Körper im Raum gehören untrennbar zu Lukin Linklaters Arbeitsweise dazu. Das ist nun zum ersten Mal in einer Einzelausstellung der amerikanisch-kanadischen Künstlerin zu entdecken. Schlicht sind alle Arbeiten, die jetzt unter dem sprechenden Titel „Crested“, „Verziert“, im Frankfurter Portikus zu sehen sind. Zart auch, sie nehmen zwar den ganzen Raum ein, das ja, aber äußerst luftig. Eine riesige gelbe Stoffbahn durchteilt die zentrale Halle mittig, „Fin“, Flosse, heißt die aus 21 Einzelbahnen Wachstuch genähte Installation. Monumental, aber doch schmal. Ebenso monumental und doch zierlich fließen die blauen Stoffbahnen von „dew tear rain vapor“ von der Decke zum Boden. Doch überall herrschen Luft und Abstand, scheint die Sonne durch die Glasflächen des Portikus. „Ich liebe das Morgenlicht, und es ist herrlich im Portikus“, sagt Lukin Linklater. Unsichtbare Fäden der Verwandtschaft Im lichtdurchfluteten Raum ist Platz für all die unsichtbaren Fäden, die Lukin Linklater, 1976 in eine Familie der Sugpiaq auf der Kodiak-Insel geboren und seit vielen Jahren auf dem Territorium der Nbisiing Anishnaabeg im Norden Ontarios lebend, in ihren Arbeiten spinnt. So ästhetisch sie wirken – dass mehr, viel mehr in ihnen steckt, ist sofort zu spüren. Deutlich machen diese unsichtbaren Verbindungen Lukin Linklaters Texte, auch in dem Heft zur Ausstellung und während der Performances, aber auch in den Zeichnungen, die sie im Untergeschoss der Ausstellungshalle zeigt. „gwi suk“ steht da und darunter die Übersetzung, „my relatives“. Die Verwandtschaft bezieht sich nicht nur auf die Sugpiaq, denen die Künstlerin angehört, sondern auch auf andere indigene Gemeinschaften, mit denen sie immer wieder arbeitet. Und sie bezieht sich auf Objekte, die weit entfernt in den Kunst- und Kultursammlungen jener kolonialen Gesellschaften lagern, die den ursprünglichen Bewohnern Nordamerika den Lebensraum beschnitten und Traditionen zerbrachen. Die dreieckigen und gebogenen Formen, die Perlenverzierungen, die Naturmaterialien ihrer Arbeiten für Frankfurt, die von September an noch in Prag ausgestellt werden, entnahm Lukin Linklater einem für „Crested“ zentralen, aber abwesenden Objekt: einer kleinen Tasche aus Grasstoff mit zarter Stickerei. Sie stammt aus Alaska und kam im 19. Jahrhundert in die Kunstkammer von Sankt Petersburg, bis heute nur dokumentiert, aber unzugänglich für die Nachfahren derer, die sie hergestellt haben. Das kleine Artefakt ist die unsichtbare zentrale Stelle der vielen Fäden, die Lukin Linklater spannt. Und das sei, sagt sie, „ein Versuch, über die Distanz hinweg eine Rückgabe zu erschaffen“. „Crested“ als nachhaltige Praxis im Fluss Ihre Arbeiten hat sie dem Portikus angepasst oder wie „Fin“ extra gefertigt. Der Stoff und die Verarbeitung spielen auf die in ihrer Herkunftsgemeinschaft üblichen Materialien an, auf Regenjacken aus Bärendarm etwa, die runden Holzbögen einer weiteren Arbeit auf Bärenohren – eine traditionell im indigenen Kunsthandwerk genutzte Form abgerundeter Ecken, die auch das Täschchen in Sankt Petersburg aufweist. Die Farben wiederum entstammen der Natur, auch dem Wasser, mit dem die Künstlerin arbeitet. Doppelsinnig hat sie in Wassernähe, im Untergeschoss, Aquarelle platziert, die wiederum die Farben der Perlschnüre aufnehmen. Dass Perlen, auch Schals und vieles mehr aus Osteuropa nach Alaska zu den indigenen Gemeinschaften dort gelangt sind, hat eine lange Geschichte. Archäologische Funde belegten, so Lukin Linklater, dass schon weit vor den ersten Russen, die im späten 18. Jahrhundert nach Alaska kamen, Artefakte dorthin kamen. Perlenstickerei, Fädeln, das Herstellen bunter Baumwolltücher gehört heute zu indigenen Kleinunternehmen, und Lukin Linklater arbeitet in jeder Hinsicht nachhaltig: mit Produkten indigener Herstellung. „Und ich versuche, mit meiner Arbeit der Umwelt nicht zu schaden.“ Im Gegenteil: Lukin Linklater, die selbst schon etliche Jahre auch lehrt und mit Städelschülern während ihres Aufenthalts gearbeitet hat, geht ganz bewusst auf die Umwelt, die Umgebung ein. Der Körper als Instrument, des Klangs, der Übermittlung ist ihr dabei enorm wichtig. Eine Woche lang haben sie und ihre allesamt indigenen Tänzer-Performer nun im Frankfurter Mousonturm geprobt, doch die Künstlerin nennt weiter grundsätzlich „Rehearsals“, was sie im Zusammenspiel mit ihren Installationen aufführt. Fertig ist nie etwas, alles ist im Fluss, alles kann sich ändern und ausweiten. Eine Haltung, die sich erstaunlich leichtfüßig und unsichtbar auf die Besucher von „Crested“ überträgt. Crested, Portikus Frankfurt, bis 30. August.
