FAZ 28.03.2026
14:41 Uhr

Kunst und Politik: Wenn Trump befiehlt und die Kultur sich widersetzt


Reaktionäre Geschichtspolitik macht auch vor den USA nicht Halt. Der Filmemacher Oliver Hardt zeigt in Frankfurt, wie Donald Trump versucht, die Geschichte Amerikas umzuschreiben.

Kunst und Politik: Wenn Trump befiehlt und die Kultur sich widersetzt

Worte haben Wirkung. Knapp zweieinhalb Seiten umfasst das von US-Präsident Donald Trump am 27. März 2025 erlassene Dekret (Executive Order) mit der Nummer 14253. Das mit „Restoring Truth and Sanity to American History“ (Wiederherstellung von Wahrheit und gesundem Menschenverstand in Bezug auf amerikanische Geschichte) überschriebene Schriftstück bemängelt die Verbreitung eines „ideologischen“, „spalterischen“ und „negativen“ Zugangs zur Geschichte der Vereinigten Staaten, der sich in der Infragestellung amerikanischer Errungenschaften und der Betonung rassistischer Strukturen äußere. Als Beispiele führt das Dekret den Independence National Historical Park in Philadelphia und das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) in Washington D.C. auf. Explizit erwähnt wird auch die überwiegend staatlich finanzierte Smithsonian Institution, der Forschungs- und Bildungseinrichtungen, der National Zoo sowie 21 Museen, darunter mehrere große Häuser auf der National Mall in der US-Hauptstadt, unterstehen. In seinem Dekret weist Trump den Vizepräsidenten und weitere Mitarbeiter an, Maßnahmen zur Entfernung „unangemessener Ideologie“ aus den Smithsonian-Einrichtungen zu entwickeln. Die drei Dekretblätter hängen jetzt akkurat gerahmt im Projektraum Synnika an der Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel. Sie sind Teil der künstlerisch-dokumentarischen Ausstellung „Internal Review“ des Frankfurter Filmemachers Oliver Hardt. Auf einem Bildschirm auf der gegenüberliegenden Wand läuft sein 2018 entstandener Dokumentarfilm „The Black Museum“. Der Film schildert eindrücklich die institutionelle und architektonische Genese des 2016 von Präsident Barack Obama eröffneten NMAAHC. Die Macht eines Schriftstücks Der Eröffnung des markanten Baus auf der National Mall ging ein jahrzehntelanges Ringen um die Einrichtung eines überregionalen, der afroamerikanischen Geschichte und Kultur gewidmeten Museums voraus. „Mir geht es um die Macht des Schriftstückes“, sagt Oliver Hardt. Denn auch die Gründung des NMAAHC geht auf ein 2003 vom US-Kongress verabschiedetes Gesetz zurück. Dessen Wortlaut lässt sich neben weiteren Dokumenten in einem Handapparat nachlesen. Seinen für die Ausstellung im Synnika gewählten Ansatz beschreibt Hardt als „künstlerisches Arbeiten mit dem Archiv“. Der Titel „Internal Review“ ist einem Schriftstück entlehnt, das neben Donald Trumps Dekret präsentiert wird – und auch daraus resultiert: Am 12. August 2025 verschickte das Weiße Haus einen „Brief an das Smithsonian“. Darin fordern mehrere Mitarbeiter der Präsidialverwaltung den Leiter der Smithsonian Institution, Lonnie G. Bunch III, der in Hardts Film noch als NMAAHC-Gründungsdirektor auftritt, zu einer Überprüfung sämtlicher in Ausstellungen sowie in gedruckten und digitalen Museumsmedien veröffentlichter Texte auf. Auch kuratorische Arbeitsprozesse und Ausstellungsplanungen sollen unter die Lupe kommen – neben dem bevorstehenden 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verweisen die Beamten ausdrücklich auf Trumps Executive Order 14253. Der höflich formulierte Brief verlangt die Herausgabe der Materialien von acht großen Smithsonian-Museen in Washington D.C., darunter auch das NMAAHC, innerhalb einer Monatsfrist. Das Dekret und der Brief waren schon in der Welt, als das Synnika-Kollektiv Oliver Hardt anfragte, eine Ausstellung mit dem Film „The Black Museum“ als Herzstück umzusetzen. „Es ist kein abgeschlossener Apparat, der hier ausgestellt ist“, betont Synnika-Mitglied Naomi Rado. Vielmehr beziehe er sich auf einen Prozess, der gerade im Gange sei. Ein weiteres gerahmtes Schriftstück zeugt von dieser offenen Entwicklung: Am 18. Dezember 2025 verschickte das Weiße Haus einen Brief an die Smithsonian Institution, der in einem harschen Ton mahnt, die im August gestellten Forderungen zu befolgen, und implizit mit Budgetkürzungen droht. „Da merkt man, sie haben nicht gehorcht“, sagt Oliver Hardt. In den Vereinigten Staaten beobachtet er reaktionäre Strömungen, die sich auch in Angriffen auf Kulturinstitutionen wie das National Museum of African American History and Culture manifestieren. Dass solche Entwicklungen auch in Deutschland denkbar sind, zeigt sich für Hardt anhand des unlängst von der sachsen-anhaltischen AfD veröffentlichten „Regierungsprogramms“, dessen Passagen zur Architektur von öffentlichen Gebäuden sich explizit auf Donald Trumps Dekret „Promoting Beautiful Federal Civic Architecture“ von 2020 bezieht. Die Auswirkungen präsidialer Worte waren indes kürzlich im Independence National Historical Park in Philadelphia zu besichtigen: Die dortige Ausstellung zur Sklaverei im Haushalt George Washingtons wurde im Januar unter Verweis auf Executive Order 14253 auf Anweisung der Trump-Regierung abgebaut. Aber: Mittlerweile hatte ein Bundesrichter angeordnet, die Ausstellung müsse wiederhergestellt werden, was Ende Februar geschah. Internal Review, Synnika, Frankfurt, Niddastraße 57, bis 10. April, geöffnet freitags 15 bis 19 Uhr und auf Vereinbarung unter hello@synnika.space.