FAZ 30.09.2026
07:43 Uhr

Kunst in Russland: Die Grimassen des grauen Menschen


Zerstören heißt erneuern: Russlands Kunstwelt wendet sich nach Osten, huldigt dem Kriegertum und wird immer stärker zensiert – was jedoch den Marktwert der Werke steigert.

Kunst in Russland: Die Grimassen des grauen Menschen

Russlands Museumsleben und Kunstausstellungen sind im fünften Jahr seiner Großinvasion in die Ukraine gekennzeichnet von einer institutionellen Hinwendung nach Osten, offiziösem Kriegspathos bei zugleich starker Nachfrage nach aktueller Kunst und parallel dazu weiter wachsendem Zensurdruck. Die wichtigste Kunstschatzkammer im Land, die Petersburger Eremitage mit ihren fast ausschließlich westeuropäischen Beständen präsentiert als Hauptereignis der Saison noch bis zum 4. Oktober im Generalstabsgebäude eine opulente Schau indischer Gegenwartskunst namens „Von der Süßigkeit der Welt“ („O sladosti mira“). Versammelt sind neue Werke von elf Künstlern, die diese bei Residenzaufenthalten in Russland schufen, welche das Moskauer Sammlerpaar Andrej und Ekaterina Terebinin ermöglichte, dem viele Werke auch gehören. Terebinin, der für das Investitionsunternehmen „Sistema“ viele Jahre in Indien verbracht hat, erklärt im Katalog die indische Auffassung von Zeit als Kontinuum von Wandlungen, bei dem Bestehendes nach dem Palimpsest-Prinzip ständig von Neuem überschrieben und durchdrungen werde. Wie untrennbar Zerstörung und Erneuerung sich verbinden, vergegenwärtigt der riesige, von Ravinder Reddy aus grell bemaltem Kunststoff geschaffene Porträtkopf der Göttin Kali. Die Multimedia-Künstlerin Anindita Bhattacharya lässt dazu filigran florale, in Schichten wuchernde, moosartige Blüten raumgreifend wuchern, um in deren Zentren mit farbenprächtiger Miniaturmalerei verkrüppelter Wesen die Einheit von Leben und Sterben zu vergegenwärtigen. Ihre auf ganz andere Weise virtuose Kollegin Sumakshi Singh beschwört mit einer ebenso monumentalen wie luftigen Wendeltreppe, die sie als Spitzenkunstwerk aus Seide und Nylon geklöppelt hat, Fragilität, aber auch Stärke des menschlichen Strebens nach Vervollkommnung und Sinn. Rettung der Bronze-Buddhas des Puschkin vor dem Einschmelzen Das Moskauer Puschkin-Museum zeigt unterdes noch bis zum 1. November die erste große Retrospektive buddhistischer Kunst aus Russland, wo der „Lama-Glaube“ 1741 von Zarin Jelisaweta, der Tochter Peters des Großen, formell anerkannt, von der Sowjetmacht jedoch brutal verfolgt wurde. Auch dieses Haus besitzt vor allem westeuropäische Kunst, zudem aber noch eine etwa 230 Objekte starke Sammlung buddhistischer Bronzestatuen, die im Kriegsjahr 1944 sein damaliger Direktor, der Bildhauer Sergej Merkurow, vor der geplanten Einschmelzung bewahren konnte. Die prächtige Schau namens „Diamantenes Fahrzeug“ („Almasnaja kolesniza“) – nach dem in Russland verbreiteten Vajrayana-Buddhismus – versammelt zudem edle Seidenthangkas, Ritualmasken, deren Grimassen böse Geister abschrecken, aber auch Kostüme sowie Musikinstrumente aus den Museen von Russlands buddhistisch geprägten Regionen Burjatien, Tuwa, Astrachan sowie Kalmykien, das zu Sowjetzeiten allerdings einen Großteil seiner Denkmäler verlor. Der Kult des russischen Soldaten, der insbesondere die militärische Aggression gegen die Ukraine glorifizieren soll, bleibt zugleich obligatorisch. Im Sommer ging die Schau russischer Kriegsgemälde diverser Epochen zuende, die unter dem Titel „Russischer Imperativ“ den bewaffneten Kampf gegen die Mongolen, gegen Napoleon, gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, aber auch gegen die Ukraine schilderte. Wie der für Kultur zuständige Vize-Gouverneur von Petersburg, Boris Piotrowski, der Sohn des Eremitage-Direktors, bei der Eröffnung explizit hervorhob, veranschaulichte das die historische Abfolge russischer Vaterlandsverteidiger. Zur Ausstellung gehörte die schon mehrfach gezeigte „Der russische Stil: Stahl“ genannte Sammlung von Metallplatten für schusssichere Westen, die kriegsbegeisterte Kunstamateure mit Ikonenmotiven dekoriert haben, und die ständig wächst. Als dräuendes Sinnbild russischen Waffenruhms prangte überm Eingangsportal allerdings ein riesiger faschistischer Stahlhelmkopf, aus dessen Augenhöhlen Scheinwerferlicht glühte. Unterdes präsentierten in der Petersburger Kunstakademie, wo zahlende chinesische Studenten die Mehrheit bilden, diese im Juli als Abschlussarbeiten großformatige, grell plakative und zugleich schablonenhafte Gemälde von Schlachten, Militärparaden und Madonnenfiguren, die gefallene Krieger betrauern. Sie erhielten alle die Bestnote. Gegen den russischen „Stahl-Stil“ setzen einige Künstler die Schönheit Zugleich ist die Nachfrage nach Schönheit als Fluchtraum groß. Vor der Ausstellung von Blumen in der russischen Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, die noch bis zum 18. Oktober in der Moskauer Tretjakow-Galerie zu sehen ist, stehen lange Besucherschlangen. Aktuelle Kunst kann sich am ehesten in den Regionen entfalten. In der Wolgastadt Samara fand im Juni zum vierten Mal die von der dortigen Galerie Viktoria unterstützte „Wohnungstriennale“ statt, bei der zwei Wochen lang Künstler experimentelle Arbeiten in Wohnungen, Garagen oder Privatgärten zeigten. Die vom Ölmagnaten Leonid Michelson finanzierte Galerie eröffnete im Juni zudem ihre luxuriös erweiterten Räumlichkeiten am Wolgaufer mit der viel beachteten Ausstellung „Total surreal“ („Polnyj sjur“), deren Besucher vom „grauen Menschen“ des Moskauer Künstlers Alexej Korsi begrüßt wurden, einer lebensgroßen Trenchcoat-Figur mit Aktentasche in der einen und einem Ticket in der anderen Hand, der sein grau angestrichenes Glasfasergesicht grimassierend verzerrt. Der in Nischni Nowgorod tätige Bildhauer Wsewolod Abasow hatte hölzerne menschliche Köpfe, Hände und Füße mit Stangen oder Gartengerät verschraubt und so in absurde Prothesenwerkzeuge verwandelt. Der Petersburger Erik Scheleskow platzierte ein Skelett, dessen Füße auf einem Nagelbrett ruhten, auf einen Stuhl unter einem schwarzen Raben. Die vor allem aus Privatsammlungen bestückte Schau wurde dann aber ohne Begründung vorzeitig geschlossen, und der brillante Kurator der Galerie Viktoria, Sergej Balandin, verlor seinen Posten. In Nischni Nowgorod verzeichnet die jährlich stattfindende Graphik- und Fotografie-Messe „Kontur“ synchron steigende Umsätze und verstärkten Zensurdruck. Die Verkaufsausstellung war dieses Jahr aus der Tiefgarage eines Hotels, wo sie bisher stattfand, in die stolzen Hallen einer historischen Kaserne am Wolgaufer umgezogen. Doch vor der Eröffnung kamen aus Moskau entsandte, kunstferne Jacketträger, offenbar vom Inlandsgeheimdienst FSB, und verboten die Schau des Moskauer Fotografen Alexander Gronsky, dessen Werke auf der Vorjahresmesse hier noch gezeigt wurden. Nach Berichten aus Galeriekreisen wurden bei „Kontur“ insgesamt sechzig Künstler verboten, überwiegend solche, die sich gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen hatten. Von Galeristen erfährt man freilich auch, dass die staatliche Zensur wertsteigernd und verkaufsfördernd wirke. Tatsächlich wurden alle Arbeiten von Gronsky sogleich von einer Moskauer Sammlerin erworben. Auch auf der in der Hauptstadt soeben zuende gegangenen, einst internationalen Kunstmesse Cosmoscow, die mit Ausnahme einer indischen und einer iranischen Galerie nur von russischen Anbietern bestückt wurde, entfernten Zensoren zahlreiche Arbeiten, beispielsweise in der Galerie Fine Art das Pop-Gemälde einer sowjetischen „Kiewer Torte“ von Jelena Kowylina. Viele Werke namhafter Künstler wurden aus nicht inhaltlichen Gründen verboten, melden Kunsthändler. Moskau hat sich immerhin einen originellen neuen Kunstraum für ästhetische Dissidenz zugelegt. Der imposante Backsteinkuppelbau eines ehemaligen Depots für Lokomotiven, den der historistische Architekt Konstantin Thon 1851 neben den Gleisen des Leningrader Bahnhofs errichtet hatte, wurde im August als innovativer, von der Künstlerin und Kuratorin Jekaterina Botschawar geleiteter Konzert- und Ausstellungssaal eröffnet. Den Auftakt machte der Kostüm- und Medienkünstler Andrey Bartenev mit seiner karussellartigen Installation avantgardistischer Stofffigurinen namens „Hochzeitsfreude“ („Radost‘-swad’ba“). Wie Bartenev sie kreisen lässt, abwechselnd verdunkelt oder in Scheinwerferlicht taucht und durch Experimentalklänge von Wladimir Rannjew heidnisch-slawische Hochzeitsriten beschwört, das versetzt in eine artistische Zauberwelt, die zugleich im sicheren Fahrwasser von Russlands staatlich verordneten traditionellen Werte schippert.