FAZ 19.05.2026
11:57 Uhr

Kunst fürs Handgepäck: Vom großen Sammlerglück im Kleinen


Diese Sammlung hat Format: Sie besteht aus Kunstwerken mit kleinen Maßen, aber von großen Namen. Bald wird die erstaunliche Kollektion des Bankiers Jochen Neynaber versteigert und könnte die nächsten Sammler inspirieren.

Kunst fürs Handgepäck: Vom großen Sammlerglück im Kleinen

Der 2025 verstorbene Frankfurter Bankier Jochen Neynaber war der Überzeugung: „Kleine Kunst ist nicht klein. Sie ist groß.“ So wird er im Katalog zitiert. Sein Vergnügen daran belegen Fotos, die hohe weiße Wände seines Hauses mit lauter kleinformatigen Werken in Petersburger Hängung zeigen, ob teuer erworben oder aus Gefallen daran. Nun haben seine Erben unter dem hübschen Titel „Gullivers Reisen“ Neynabers Sammlung bei Van Ham in Köln zur Auktion gegeben. Die untere Gesamttaxe liege bei einer Million Euro, sagt der Frankfurter Kunstberater Michael Neff, der die Kollektion begleitete und mit Van Ham zusammenarbeitet. Dafür wurden die (Vor-)Provenienzen, soweit möglich, eruiert. Und weil es ja lauter Kleinformate sind, stehen hier keine Maßangaben. Mit vorsichtigen Schätzpreisen Die 31 Highlights-Lose werden am 10. Juni live in Köln zum Aufruf kommen. Preislich an der Spitze steht On Kawara mit einem seiner Datumsbilder auf Leinwand, „Sept.19,1988“, inklusive des dazugehörigen Kartons; die Schätzung lautet auf 150.000 bis 200.000 Euro. Oben firmiert auch, irgendwie unvermeidlich, ein von der Farbe Gelb dominiertes Gemälde Gerhard Richters mit der Werknummer 432/7 (Taxe 100.000 bis 150.000 Euro). Wunderschön ist Bridget Rileys charakteristisches Streifenbild „Rose Rose 15“ von 2011, dessen vorsichtige Schätzung bei 40.000 bis 60.000 Euro liegt. Zu den prominenten Künstlerinnen zählt die surrealistisch-feministische Meret Oppenheim mit der „Hand, aus der ein Pilz wächst“ in Öl auf Holz von 1941 (10.000/15.000). Dann ist da (Elaine) Sturtevant, Pionierin der Appropriation Art. Bei ihrer Arbeit „Duchamp Eau & Gaz“ von 1970 handelt es sich um das Replikat von dessen Ready-made aus dem Jahr 1959, einem Emailleschild mit der Aufschrift „Eau & Gaz à tous les étages“. Für Fans: Kleine Veränderungen sind das Monogramm „E.S.“ unten auf dem Schild und dass Duchamp dieses auf einer Schachtel befestigte, Sturtevant aber auf einer Holzplatte (18.000/24.000). Miriam Cahn hat ihren geisterhaft durchscheinenden menschlichen Kopf „Ohne Titel“ 1995 gemalt (8000/12.000). Der zeitliche Rahmen ist weit gespannt, beginnend mit Alexej von Jawlenskys typischer „Meditation“ in Öl auf Papier von 1935 (25.000/35.000), bis in Gegenwart und Zeitgenossenschaft. Gotthard Graubner ist mit einem zartfarbigen Kissenbild von 1963 vertreten (6000/8000) und einem „Farbraumkörper“ in Perlon über Schaumstoff auf Leinwand von 1969 (18.000/24.000). Vom Pop-Artisten Tom Wesselmann gibt es eine bunte „Study for Helen Nude“ von 1981 (7000/10.000) und die Cut-Out-Papiercollage einer „Smoking Cigarette“ von 1998 (12.000/18.000). Aus der bekannten Werkreihe des Italieners Alighiero Boetti, die er zunächst gemeinsam mit Frauen in Afghanistan begann, stammen Stickereien auf Stoff; die Produktion ging weiter bis zu seinem frühen Tod 1994. Jochen Neynaber besaß drei Exemplare, das größte taxiert auf 50.000 bis 70.000, die kleineren auf je 30.000 bis 50.000 Euro. Symbol der menschlichen Verletzlichkeit Von Günther Förg gibt es eines der gesuchten Bleibilder von 1994 (12.000/18.000) und ein Acrylbild aus dem Jahr 2003 (10.000/15.000). Der algerisch-französische Künstler Kader Attia hat die Echtheit eines „Repaired Broken Mirror“, Symbol menschlicher Verletzlichkeit, von 2013 zertifiziert (3000/5000). Für weitere rund 150 Werke wird vom 3. bis zum 15. Juni eine Onlineauktion stattfinden, die vielleicht Wünsche im günstigeren Preissegment erfüllen kann. Um nur einige Lose zu erwähnen: Bei den Künstlerinnen finden sich Leiko Ikemura mit dem sanften Pastell „Girls in Yellow“ (2000/3000) und Rosemarie Trockel mit einer witzigen, unbetitelten Tuschezeichnung (4000/6000). Karin Kneffel malte 1990 vier Wildschweine frontal in Öl auf Leinwand (6000/8000), und Asta Gröting hat 1998 zwei Bienen aus Chenille mit einer Bakelitsteckdose verkabelt als „Paarverhalten“ (Auflage 50; 500/700). Bei den Künstlern gibt es die „ML“ monogrammierte Gouache eines Adlers von Markus Lüpertz (1000/1500); Thomas Bayrles frühen Lichtdruck von 1976 „Ohne Titel (Verkehrsbild)“ 2000/3000) oder eine pinkfarbene Aluminiumkonstruktion von Imi Knoebel (Exemplar 14/24; 3000/5000). Den Schluss bilden sechs „Mystery Selection“-Kartons, die jeweils acht bis zehn Werke der Sammlung enthalten, von (noch) nicht bekannten Künstlerinnen und Künstlern oder nicht eindeutig zuschreibbare Arbeiten (je 353/588). Für alle, die Überraschungen mögen, ist das eine lustige Idee. Manches bei dieser Auktion mag vor dem Rückgang nicht gefeit sein, dafür könnten einige der freundlichen Schätzungen zu unerwarteten Preisentwicklungen führen.