FAZ 08.05.2026
21:49 Uhr

Kritische Theorie Debatte: War Habermas „staatstragend“?


War Jürgen Habermas ein Kritischer Theoretiker oder verhielt er sich zu affirmativ gegenüber Staat und Wirtschaftssystem? Anmerkungen zu einer missverstandenen Nachfolgeschaft.

Kritische Theorie Debatte: War Habermas „staatstragend“?

Gerhard Schweppenhäuser hat, polemisch zwar, aber nicht unsachlich, seine Ansicht dargelegt, dass Habermas’ Theorie mit der Kritischen historisch zusammenhängt, aber deshalb noch lange keine sein muss und auch keine ist. Sein Argument lautet, Habermas habe zumal in der „Theorie der kommunikativen Vernunft“ ein „Theoriekonstrukt“ präsentiert, „das ausdrücklich und weit ausgreifend begründet mit Marx und der Kritischen Theorie brach. Das neue Paradigma, das Habermas mit aller Macht durchsetzen wollte, bestand im Wesentlichen darin, Max Webers Theorem vom Fortschritt der okzidentalen Rationalisierung zu einer universalistischen Kommunikationstheorie und -ethik auszubauen. Unter deren Anleitung sollte die Menschheit auf der ganzen Welt endlich zur Vernunft kommen.“ Diese Diagnose hat wenig Erregungspotenzial, und ihr ist argumentativ auch kaum zu widersprechen. Denn natürlich lässt sich zum Beispiel sagen, das Eishockey habe sich geschichtlich aus dem Feldhockey entwickelt, aber wer meint, beide Sportarten seien dennoch grundverschieden und schwerlich miteinander kompatibel, liegt ja auch nicht falsch. Stefan Müller-Doohm allerdings sah sich zu einer Replik befleißigt, die sich nicht damit aufhält, mit dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments in den Diskurs einzugreifen, sondern will ebendiesen als vorderhand unredlich darstellen, wenn er fragt: „Ist es eine Form der Überidentifikation des Sohnes mit der väterlichen Autorität“ – Hermann Schweppenhäuser, Jahrgang 1928 und verstorben 2015, war Schüler und Promovend Adornos und hatte seit 1961 eine Professur für Philosophie in Lüneburg inne – „im Hinblick auf alles, was ,Frankfurter Schule’ angeht?“ Gerüchteküchenpsychologisch hingeschludert Der Autoritätsbegriff, der zu wichtig ist, als dass man ihn gerüchteküchenpsychologisch hinschludern dürfte, wird seinerseits mit einer autoritären Geste gegen einen unliebsamen Einwand gewendet; und beleidigt „selber!“ zu rufen, gehört noch in jeden Baukasten autoritärer Rhetorik. „Schweppenhäuser behauptet“, behauptet Müller-Doohm, „dass Habermas das Epochenbuch von Horkheimer und Adorno, die ,Dialektik der Aufklärung’, zum ’Sündenfall’ erklärt habe, und möchte offenbar seinerseits Habermas’ kritische Aneignung der Kritischen Theorie zwecks ihres Weiterdenkens als Sündenfall beklagen“. Und das ist halt unwahr. Schweppenhäuser hat seinerseits gerade keinen Sündenfall bei Habermas angemahnt, sondern behauptet, der habe die „Dialektik der Aufklärung“ nicht recht verstanden beziehungsweise verstehen wollen: „Wer sich die (lohnende) Mühe machte, die ,Dialektik der Aufklärung’ im Wortlaut zu lesen, und sich nicht auf Habermas’ tendenziöse Darstellungen verließ, konnte unschwer feststellen, dass diese stark in Richtung übler Nachrede gehen. Denn Horkheimer und Adorno wollten die Intentionen der europäischen Aufklärung vor ihrer Selbstzerstörung schützen. Diese drohe, wenn die inneren Widersprüche aufgeklärten Denkens übersehen oder verleugnet werden.“ Die harsche Reaktion auf Schweppenhäusers Auslegung überrascht schon, denn nicht wenige derer, die zunächst das Buch von Horkheimer und Adorno und anschließend dessen – man darf das durchaus so nennen – Erledigung von Habermas lasen, haben sich gefragt, ob überhaupt vom selben Werk die Rede sei. Was Müller-Doohm „immanent kritische Aneignung jenes ,Epochenbuchs’ durch Habermas“ nennt, bezeichneten andere (unter ihnen auch Gerhard Schweppenhäuser) als philologische und philosophische Unredlichkeit, ohne mit ihrer Ansicht übrigens zu Habermas’ Lebzeiten hinterm Berg zu halten. „Bei einem der letzten Gespräche im Starnberger Haus prophezeite Habermas“ seinem Biographen Müller-Doohm, „dass man nach seinem Tod mit ihm ,abrechnen’ werde. Sollte er gegen meinen Widerspruch recht behalten?“ Staatstragend war er nicht? Jedenfalls sollte, wer öffentlich auftritt, mit öffentlichen Gegenstimmen rechnen, und dies nicht erst nach seinem Heimgang, andernfalls wird die kühne Behauptung, die Müller-Doohm in Bezug auf Habermas aufstellt: „Staatstragend war er nicht“, bereits unglaubwürdig, bevor ein Blick in die umfassende Habermas-Biographie von 2014 davon unterrichtet, welche Bezeichnungen, mit denen Habermas ab einem gewissen Punkt seiner Karriere von berufenen Zeitzeugen bedacht worden ist, Müller-Doohm selbst zitiert: „Öffentliches Gewissen der politischen Kultur“, „Hegel der Bundesrepublik“ bis hin zum „Praeceptor Germaniae“. Wenn der Begriff des Staatstragenden noch irgend Sinn haben soll, dann wären diese Stellen gewiss einschlägig. Alles andere ist Hagiographie, die sich um die Stichhaltigkeit der eigenen Argumentation wenig schert: „Wenn Habermas jener Repräsentant ,staatstragender Kommunikationsphilosophie’ gewesen wäre, zu dem ihn Schweppenhäuser glaubt stilisieren zu müssen, dann hätte die Münchner Universität keinen Anlass gehabt, dem Direktor des Max-Planck-Instituts zweimal eine Honorarprofessur zu verweigern.“ Aber weshalb nicht? Der Bundeskanzler ist gewiss staatstragend, kann aber bei Bedarf abgewählt werden. Konfligierende Interessen sind kein Argument gegen Schweppenhäusers Befund, und die Münchener Universität ist so wenig verpflichtet wie jede andere, staatstragende Philosophen zu berufen. Wem zum Skandal taugt, wenn Habermas eine Professur verweigert wird, sollte, dies nebenbei, womöglich gelegentlich nach unten schauen und sehen, wie dort der wissenschaftliche Nachwuchs verheizt und sein Fortkommen verhindert wird. Es ist philosophisch unergiebig, darüber nachzusinnen, ob Habermas eine „affirmative Gesinnung“ dem Staat gegenüber zu eigen war (wogegen Müller-Doohm sich verwahrt), und weshalb Fachgesellschaften, Universitäten, Kommunen, Länder und schließlich die Bundesrepublik ihn jedenfalls nach Kräften affirmierten. Austreibung von Utopie und Radikalität Offen bleibt, ob Habermas’ Theorie, der es weniger als der von Adorno um die von Zwang und Herrschaft befreite Menschheit ging als vielmehr darum, normative Verbindlichkeiten mittels herrschaftsfreier Diskurse zu generieren, bei aller Austreibung von Utopie und Radikalität zugunsten anschlussfähiger Theoriebildung, dennoch eine Kritische ist. Denn so evident verschieden die Beweggründe und Ziele jener Theoriegebilde sind, so unübersehbar ist auch, dass Habermas’ Werk faktisch zum Kanon der Kritischen Theorie gezählt und seine Theorie weltweit deren Tradition zugerechnet wird. Eine Theoriegeschichte, die auf Wahrheit aus ist, wird jene Gewohnheit, Habermas als Philosophen und Soziologen der Kritischen Theorie zuzurechnen, so ernst nehmen müssen wie die Kritik an ihr. Womöglich käme eine Diskussion zur Sache sowohl der Theorie Adornos und Horkheimers sowie der Habermas’ nur zugute. Wo die Differenzen liegen und wo Gemeinsamkeiten, was als Kritische Theorie zu gelten hätte und was womöglich nicht, was diese Fragen selbst zur Aufklärung beitragen – und was sie gegebenenfalls verdecken, sofern es sich um Theoriespielereien oder gar Idiosynkrasien handelt –, wäre mit Mitteln zu analysieren, die selbst der Kritischen Theorie zugehören. Und damit näherte man sich dem immer noch drohenden Problem, dessentwegen die „Dialektik der Aufklärung“ überhaupt geschrieben wurde: dass „die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“. Sowie der Frage, wie sich das endlich ändern ließe. Dirk Braunstein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung.