Zwölf Jahre sind vergangen, seit der Bestseller „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark eine lebhafte Debatte über den Beginn des Ersten Weltkrieges auslöste. Die Auseinandersetzungen um Clarks These, wonach nicht ein einzelnes Land die Kriegsschuld trifft, sondern alle Großmächte gleichermaßen Verantwortung trugen, prägten das Zentenarium 2014. Nach dem Jubiläumsjahr war es in Forschung und Öffentlichkeit wieder recht still geworden um Julikrise und Kriegsverantwortung. Clarks These hat sich durchgesetzt, und das Schlagwort von den politischen und militärischen Entscheidungsträgern des Jahres 1914 als „Schlafwandlern“ wird seither auch in anderen Zusammenhängen viel genutzt. Der Rechtsphilosoph Joachim Dolezik, ein Habilitand der Universität Wien, hat nun in einem Aufsatz in der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ („Historiografische Debatten zur Julikrise und die Frage nach der Verantwortung am Kriegsausbruch 1914“, Jg. 2025, Heft 11) das seit mehr als hundert Jahren andauernde „blame game“ (Annika Mombauer) noch einmal bilanziert, Clarks These wieder aufgenommen und sie „mit einem Akzent auf den völkerrechtlichen Implikationen“ der militärischen Eskalation im Sommer 1914 weiter zugespitzt. Nach Dolezik, Autor zweier völkerrechtlicher Dissertationen, tragen Deutschland und Österreich-Ungarn zwar „eine beträchtliche Mitverantwortung“ für den Kriegsausbruch, die „Hauptverantwortung“ könne aber Russland und Frankreich zugeschrieben werden. Auch Serbien erhielt einen Blankoscheck Denn im Juli 1914 seien mehrere Blankoschecks in Umlauf gegeben worden, nicht nur die bekannte Vollmacht des Deutschen Reiches für seinen Zweibundpartner Österreich-Ungarn. Auch Russland habe Serbien vorbehaltlose Unterstützung zugesagt, obwohl zwischen beiden Ländern nicht einmal ein formelles Bündnis bestand. Vielmehr machte das Zarenreich für sein Eingreifen eine Art „panslawistisches ‚Exklusivrecht‘“ geltend. Frankreich wiederum habe Russland volle Rückendeckung für eine militärische Aktion gegen Österreich-Ungarn gegeben und die „Delokalisierung eines rein regionalen Balkankonflikts“ damit forciert. Die verhängnisvolle Balkanisierung der europäischen Politik, die dazu führte, dass der „dritte Balkankrieg“ zu einem Kontinentalkrieg wurde, war bereits ein Hauptargument Clarks. Im Sommer 1914 hat nach Auffassung Doleziks nur ein einziger vom Völkerrecht gedeckter Bündnisfall vorgelegen, nämlich der zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich. Auch die Kriegserklärung des Kaiserreichs an Russland sei als Reaktion auf die Mobilmachungen des Zarenreichs und den Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zu Ostpreußen völkerrechtlich rechtmäßig gewesen. Denn das Reich habe damit einer „unmittelbaren Bedrohungslage“ gegenübergestanden. Dolezik bestreitet, dass es 1914 ein Mächtegleichgewicht in Europa gegeben habe, und spricht stattdessen von einem „Mächteübergewicht“. Interesse an einem Angriffskrieg mit Annexionsabsichten hätten damals nur zwei Großmächte gehabt: Frankreich, zur Rückgewinnung Elsass-Lothringens, und das Zarenreich, zur Kontrolle des Bosporus. Der Autor zitiert ausgerechnet Fritz Fischer, den prominentesten Verfechter einer Hauptverantwortung des Deutschen Reiches und Protagonisten einer nach ihm benannten Forschungskontroverse, zum Beleg seiner eigenen Schlussfolgerungen. Fischer hatte 1969 in seinem Buch „Krieg der Illusionen“ festgehalten, dass „die Hauptstoßrichtung der russischen Expansionsbestrebungen […] auf die Meerengen von Konstantinopel“ zielte und dass „in diesem Grundsatz der russischen Politik […] der Anteil Russlands am Kriegsausbruch im Sommer 1914“ gelegen habe. Schon Clark attestierte Russland eine „aggressive Politik auf dem Balkan“ und Russlands Entente-Partnern Frankreich und Großbritannien eine „aggressive Auslegung des casus foederis“. In den „Schlafwandlern“ war Doleziks Zuspitzung also bereits angelegt, aber nicht explizit ausgesprochen worden, wahrscheinlich um die Gesamtthese von der gemeinsamen Verantwortung aller Großmächte nicht zu gefährden. Dolezik kritisiert Clark deshalb vorsichtig als „wenig konsequent“ und argumentiert mit Herfried Münkler umso rigoroser, dass 1914 „der Schlüssel zum Krieg […] in der russischen Hauptstadt“ lag. Zuletzt hat der Historiker Odd Arne Westad in seinem Buch „Der kommende Sturm“ die gegenwärtig angespannte geopolitische Situation multipler Krisen mit der Lage unmittelbar vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges verglichen. Tatsächlich verengen sich die Problemlösungen zunehmend von diplomatischen auf militärische Perspektiven, und wie in der Zeit vor 1914 zeigen sich die erratisch agierenden Entscheidungsträger aufgrund von sich ständig und schnell verändernden Lagen sichtlich überfordert. „So gesehen sind die Akteure von 1914 unsere Zeitgenossen“, lautete das durchaus beunruhigende Resümee seinerzeit bei Christopher Clark.
