FAZ 27.03.2026
16:33 Uhr

Kraftklub in Frankfurt: Wie im Wohnzimmer, nur viel größer


Zwei Tage Show in der ausverkauften Frankfurter Festhalle: Kraftklub zeigt wieder einmal, wie anders sie als Band sind. Sie begeistern mit Glücksrad und dem „Kippenautomaten“.

Kraftklub in Frankfurt: Wie im Wohnzimmer, nur viel größer

Bei einem Gastspiel in der Frankfurter Festhalle kann viel passieren. Wie im ersten von gleich zwei ausverkauften Abenden: Fast noch zu Beginn büchst Felix Brummer aus dem Rampenlicht aus. Der 36 Jahre alte blonde Frontmann von Kraftklub wandert mit seinem Mikrofon und einem Kameramann. Teils außerhalb des Innenraums, teils mitten durchs Publikum. Minutenlang. Einige Fans bieten ihm High Five. Andere wollen ein Autogramm. Felix Brummer, dessen bürgerlicher Nachname Kummer lautet, redet wie ein Wasserfall. Nicht alles, was er sagt, ergibt auch wirklich einen Sinn. Manches wirkt amüsant, manches nur wie spontan dahingeplappert, ganz ohne Kontext. Ohnehin dürfte die eigentliche Botschaft dieser Aktion nicht der Inhalt des Gesagten sein. Auf was es ankommt? Es glänzt die ungewohnte Zäsur. Hier wird ein dominanter Kontrapunkt gesetzt zu den sonst so üblichen rigiden Abläufen eines Konzertabends. Kraftklub aus dem ostdeutschen Chemnitz waren schon immer anders. Nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit den Aktionen drum herum. Was der 2010 mit Felix Brummer, seinem Halbbruder Till Brummer (Till Kummer) am Bass, Max Marschk am Schlagzeug, Karl Schumann an der Sologitarre sowie Steffen Israel (Steffen Thiede) an Rhythmusgitarre und Keyboard gegründeten Formation maßgeblich zu Erfolg im In- und Ausland verhalf. Fünf Nummer-eins-Alben gelangen. Im vergangenen November erschien die LP „Sterben in Karl-Marx-Stadt“. Karl-Marx-Stadt, so hieß Chemnitz in der DDR. Im Bühnenhintergrund steht in gigantischen Lettern exakt der Albumtitel samt Kraftklub, mit dem Kreuz anstelle eines t. Von Whitney Houston zu „Marlboro Mann“ Es ist schon kurios, wie die Band vom Intro „I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me)“ von Whitney Houston aus der Tonkonserve zum ersten eigenen Song „Marlboro Mann“ findet. Schon da singt die Besucherschar des zusätzlich anberaumten Konzerts mit, umflort von Konfetti. Ein Umstand, der bis zum mit Luftschlangen garnierten Finale bleibt. Extrem unterhaltsam verbinden sich da Privates mit Politik, Intensität, Triviales mit Banalem und Eskalation mit Ruhe. Ein Wohnzimmerkonzert in riesiger Fläche, mal extrovertierte Party, mal introvertierter Seelenhof, verbindet all die unterschiedlichen Charaktere diverser Generationen zu einem großen Ganzen. Kraftklub besitzt dazu die Songs und die Magie. Zum Teil regelrechte Hymnen. Ob nun „Ich will nicht nach Berlin“ oder „Fahr mit mir“ oder „Blaues Licht“: Es ergießt sich immer wieder eine Art inniges Wonnebad aus optimalen Indiepop-, Rock- und Punk-Strömungen über die Zuhörer. Zumal Kraftklub zur Verteilung ihres Segens immer wieder die Orte wechseln. Felix Brummer taucht als Interpret im Publikum ebenso auf wie das gesamte Quintett in seinen identischen weißen Anzügen für die Songs „Zeit aus dem Fenster“, „Kein Liebeslied“ und „Schief in jedem Chor“. Support Act Mia Morgan singt mit Felix im Duett „Kein Gott, kein Staat, nur Du“ – eine unmissverständliche Botschaft. Aus dem Publikum wird mit dem Glücksrad der Titel gewählt, es kommt „500 K“. Zum Finale hin schlingert diese Emotionsmaschine vielseitig durch „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“, „Am Ende“, „Ein Song reicht“ und „Songs für Liam“. Und der immens populäre „Kippenautomat“ aus der jüngsten LP taucht im letzten Song auch noch einmal auf. Ein Konzertabend, wie er nur höchst selten vorkommt.