FAZ 01.10.2026
13:13 Uhr

Konzert in der Jahrhunderthalle: Spiritbox sprechen mit musikalischen Geistern


Sie spielen nicht nur Tracks, sondern inszenieren eine ganze Rockoper: Die kanadischen Metaller von Spiritbox in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Konzert in der Jahrhunderthalle: Spiritbox sprechen mit musikalischen Geistern

Da braut sich etwas Gewaltiges zusammen. Bewegte Bilder von archaischen Urgewalten sind auf dem noch geschlossenen Vorhang zu sehen: Auf offenem Meer tost ein fürchterlicher Sturm. Grelle Blitze zucken, Donner grollt. Eine wahre Sintflut an Wassermassen ergießt sich vom Himmel hernieder. Das passt ideal zum ersten Song, der ertönt: In „Fata Morgana“ trifft kontrastreich widerborstig Hartkantiges auf harmonische Melodie. Mehr Intensität geht nicht. Als die Sichtblende in der Frankfurter Jahrhunderthalle fällt, kommen permanent auf- und abblendende weiße Lichtkaskaden und eine geradezu mystische Atmosphäre hinzu. Meterlange durchsichtig weiße Stoffbahnen wehen dramatisch im Sog der Windmaschine. Sechs hohe längliche Säulen pulsieren in weißem Licht, sie wirken wie Teslaspulen. Es fühlt sich an, als blicke man in die Glut einer gigantischen weißen Sonne. Die Band Spiritbox, angeblich benannt nach einer Gerätschaft, mit der man angeblich mit den Toten sprechen kann, spult nicht einfach das Material ihrer Alben „Eternal Blue“ (2021) und vor allem „Tsunami Sea“ (2025) ab. Knapp 100 Minuten lang präsentieren die vier Musiker, dreimal hintereinander Grammy-nominiert, ein audiovisuelles Spektakel mit inszeniertem Konzept. Dazu gehören auch Videoclips und ein instrumentales Zwischenspiel. Als Hohepriesterin der Zeremonie erweist sich die in einen schwarzen Fetisch-Look gehüllte stimmgewaltige Vokalistin Courtney LaPlante. Nahtlos zwischen cleanem Gesang und aggressiven Screams wechselt sie hin und her. Mit kürzeren Monologen unterfüttert LaPlante die Geschichte über die Naturgewalten von „Tsunami Sea“. Knapp 100 Minuten lang peitscht die wie eine Rockoper angelegte Show auf die Besucherschar ein. Aufgewühlt durch die hohen Wattzahlen entsteht im Publikum eruptiv ein Moshpit. Individualisten lassen sich beim nicht minder wüsten Crowdsurfing tragen. Spiritbox, 2016 von Gitarrist Mike Stringer und Vokalistin Courtney LaPlante im kanadischen Victoria gegründet und komplettiert mit Schlagzeuger Zev Rosenberg und Bassist Josh Gilbert, lassen keine Monotonie aufkommen. Stilistisch überblenden sie gleich mehrere Metal-Genres: Metalcore trifft auf Alternative Metal, Progressive Metal auf Post-Metal. Phantasievoll garniert wird zeitweilig mit Electronic Dance Music, Drum And Bass, Post Punk, Dark Wave und Electronic Body Music. Aus all diesen Zutaten generieren Spiritbox einen ureigenen Sound. Und man erkennt vieles aus dem Jahrzehnt ihrer Zusammenarbeit wieder. Im grellen Lichterschein, in den Nebelschwaden, erwacht eine esoterische Parallelwelt. Und zwischen Märchen und surrealer Bildwelt, wenn auch ohne Geister aus der Box, schweben sogar Seifenblasen.