Bei der Bahn läuft es schlecht, vor allem im Fernverkehr. Das ist unstrittig. Die ICEs sind oft verspätet, Bordrestaurants geschlossen, Toiletten dreckig, auch das Personal ist nicht immer pünktlich. Am Bahnhof ärgert die Bahn ihre Kunden mit Gleiswechseln und der Ungewissheit, wann der Zug wirklich abfährt. Unterwegs halten die Züge unplanmäßig an, und oft weiß selbst das Zugpersonal nicht, was gerade das Problem ist und wann es weitergeht. Die Passagiere nehmen es hin, denn ihnen fehlt eine Alternative. Das Staatsunternehmen Deutsche Bahn dominiert Deutschlands Schienen, die Konkurrenz ist überschaubar. Eurostar Richtung Brüssel, Railjet und die Westbahn nach Österreich und seit kurzem GoVolta nach Amsterdam beleben allenfalls die Verbindungen ins Ausland. Im Inland müht sich der private Flixtrain, auf wenigen Strecken die Dominanz der Deutschen Bahn zu brechen. Aber der Marktanteil bleibt unter zehn Prozent. Auf vielen Verbindungen fahren gar keine Flixtrains. Da ist es sehr begrüßenswert, dass mit dem italienischen Unternehmen NTV ein weiterer Konkurrent Hochgeschwindigkeitszüge auf deutschen Inlandsverbindungen fahren lassen will, voraussichtlich von April 2028 an. Die Italiener haben es unter der Marke „Italo“ in ihrem Heimatland schon geschafft, der dortigen Staatsbahn Kunden abzujagen – zu einem niedrigeren Fahrpreis zwar, aber nicht als Billiganbieter, sondern mit mehr Komfort. Seit einigen Tagen kocht der Streit hoch, ob für den Angreifer die Regeln geändert werden: ob er seine Schienenslots nicht nur über ein Jahr zugewiesen bekommt, sondern über mehrere, damit er Sicherheit für seine Milliarden-Investition hat. Wenn Italo tatsächlich schon in zwei Jahren mit den geplanten 30 Zügen in Deutschland antritt, kann der Bahnkunde auf Besserung hoffen. Italo ist nicht allein: Auch Flixtrain will sein Angebot bis 2028 deutlich ausbauen und dazu 65 neue Hochgeschwindigkeitszüge für 2,4 Milliarden Euro in Betrieb nehmen – übrigens ohne Sonderrechte zu fordern. Italo fährt nur von München nach Dortmund und Hamburg Dann werden im Wesentlichen drei große Anbieter in Deutschland Fernverkehrsverbindungen anbieten. Die Deutsche Bahn wird weiter die meisten Strecken bedienen, dann wird Flixtrain folgen und erstmals zum Beispiel München anfahren, während Italo bisher nur zwei Strecken von München aus anbieten will, nämlich nach Dortmund und über Berlin nach Hamburg. Die Bahnkunden können durch den Wettbewerb auf niedrigere Preise hoffen. Vor allem Flixtrain will das Niveau der Deutschen Bahn unterbieten. Italo wird auch mit hohem Komfort und besserem Service punkten wollen. Ein bisschen mehr Pünktlichkeit können sich die Passagiere auch erträumen – zumindest soweit für die Verspätungen die Zugbetreiber verantwortlich sind und nicht die Schienen. Auch die Italos werden unpünktlich sein Gerade hier bekommt das schöne Bild allerdings Risse. Ein Großteil der Unpünktlichkeit ist auf veraltete und überlastete Bahninfrastruktur zurückzuführen. Das wird sich bis 2028 nicht geändert haben, die Sanierung der wichtigsten Korridore dauert bis nach 2030, der Ausbau noch länger. Auch die neuen Bahn-Wettbewerber werden das zu spüren bekommen. Zudem entsteht ein neues Problem. Heute schon sind die Kapazitäten auf den Gleisen in den Ballungsräumen und auf manchen Strecken schon mehr als vollständig ausgenutzt. Da ist nicht so einfach Platz für weitere Wettbewerber. Sie werden nur Zugang bekommen, wenn weniger Güter- oder Nahverkehrszüge fahren. Oder die Deutsche Bahn ein paar ihrer ICE streicht. Weniger Flexibilität Das würde dem Kunden der Deutschen Bahn allerdings Flexibilität nehmen. Wenn er einen Zug verpasst, wird er auf den nächsten Zug künftig manchmal länger warten müssen, weil erst noch ein Flixtrain oder Italo kommt, bevor die Deutsche Bahn wieder dran ist. Für den Fall von Verspätungen könnte der Bund Zugbetreiber verpflichten, das Ticket für die Konkurrenz zu bezahlen. Aber dass ein Kunde ein flexibles Ticket kauft und womöglich sogar jede halbe Stunde einen Zug nehmen kann – das wird in so einer Welt seltener vorkommen.
