FAZ 15.05.2026
13:01 Uhr

Kolumne „Uni live“: Das geschriebene Wort bleibt


Im digitalen Zeitalter sind Brieffreundschaften selten geworden. Dabei kann es sich lohnen, seine Gedanken zu Papier zu bringen – gerade wenn sie weiter reichen als bis zur nächsten Klausur.

Kolumne „Uni live“: Das geschriebene Wort bleibt

„Ich sitze gerade auf einer Terrasse in Portugal. Die Sonne hat sich allmählich vom Tag verabschiedet, und zurück bleibt ein frischer Wind, der mir immer wieder die Haare ins Gesicht weht“: Das schreibt meine Kollegin und Freundin Celina in ihrem neuen Brief an mich. Sie ist 22 Jahre alt und für ihr Studium nach Portugal gereist. Unsere Verbundenheit bekunden wir uns auf Papier. Im Zeitalter von E-Mails, Facebook-Posts und Whatsapp-Nachrichten haben wir entschieden, uns gegenseitig Briefe zu schreiben. Jeder Mensch zeigt seine Zuneigung anders. Aber immer geht es um Sprache und Gesten. Während das Briefeschreiben inzwischen zur Seltenheit geworden ist und Postboten weniger Briefe, dafür mehr Pakete zustellen, war es vor einigen Jahrzehnten noch normal, Kontakt per Briefpost zu halten. Ob per Postkarte aus dem Urlaub, mit einem Brief an die Familie oder einen fernen Freund. Die Dichterin Emily Dickinson verzichtete zu ihrer Zeit meistens auf persönlichen Kontakt und hielt jahrelange Brieffreundschaften. Viele Schriftstücke sind erhalten geblieben und zeigen zwischen den poetischen Zeilen Dickinsons schwarzen Humor und ihren wahren Charakter. Ohne diese Zeitzeugnisse wäre der Mensch hinter den Gedichten kaum sichtbar. Ein Brief entsteht nicht nebenbei Heute schreiben Menschen einander mehrmals tagtäglich. Nachrichten sind schnell getippt, und man ist jederzeit erreichbar – gleich, wo man sich gerade aufhält. Die digitale Welt hat viele Vorteile, aber ich sehe wenig Intimität in ihr. Nachrichten entstehen zwischen zwei Vorlesungen, enthalten oft weder Punkt noch Komma, und ein Sprachmemo ist schnell auf dem Weg in die U-Bahn aufgenommen. Gerade im Hochschul- und Arbeitsalltag bleibt die Kommunikation oft funktional und oberflächlich. Persönlicher Kontakt wird sowohl beim Mittagessen in der Mensa als auch in digitalen Medien auf das Nötigste reduziert. Sobald die Kommunikation endet, hat man sie wieder vergessen. Ein Brief dagegen entsteht nicht nebenbei. Er verlangt Aufmerksamkeit und Zeit. Vielleicht ist es genau das, was ihn so besonders macht. Man setzt sich hin, grübelt über jedes Wort, denkt über das Geschriebene nach. Einen Brief zu erhalten, ist in dieser schnelllebigen Zeit ein Privileg. Dieser Mensch hat mich so gerne, dass er seine Gedanken über mich auf Papier bringt. Eine liebevolle SMS verschwindet, ein Brief bleibt. Wieso tun wir unseren Liebsten dann nicht häufiger diesen Gefallen? Dabei reichen auch schon kleine Sätze. Das schönste Geschenk, das mir mein guter Freund Nils vor Kurzem machte, war ein Foto von uns auf einer Exkursion vor zwei Jahren. Auf der Rückseite stand: „Ich bin froh, dass ich auf die Exkursion gegangen bin, sonst hätten wir uns nie kennengelernt.“ Es war nicht romantisch oder ausgeschmückt, aber eine kostbare Geste. Wie oft bekommt man so etwas zu hören? Geschweige denn, von einem Freund zu lesen? In unserer Beziehung hat sich etwas verändert Celina und ich haben durch unsere Briefe gemerkt, wie sich etwas in unserer Beziehung verändert. Während der Arbeitszeit haben wir uns öfter unterhalten und Gedanken ausgetauscht, doch die Umgebung machte unsere Themen oberflächlich. Wie viel vertraut man einem Kollegen in der Mittagspause schon an? Egal, wie freundlich und offen er ist. Der Briefwechsel verbindet uns auf einer anderen Ebene. Am Anfang schrieben wir vorsichtig. Über Klausuren, Pläne und Alltägliches. Die Brieffreundschaft war eine fixe Idee, und wir waren uns noch unsicher, wie viel wir uns anvertrauen konnten. Unser geliebtes Studium war zuerst der sichere Hafen. Wer über persönliche Gefühle spricht, zeigt sich schnell verletzlich. Über das Universitätsleben lässt sich dagegen schreiben, ohne sich angreifbar zu machen. Leistungs- und Zeitdruck gibt es in allen Studiengängen. Mit der Zeit wurden unsere Worte persönlicher. Gerne erzählen wir uns gegenseitig von schönen Momenten: die Museumsbesuche in Frankfurt, das Gefühl von Sand unter den Füßen oder dem ersten Eis des Jahres auf der Zunge. Aber auch weniger Angenehmes hat auf Papier seinen Platz. Dinge, die uns ständig belasten, wie das Gefühl, sich immer in den Falschen zu verlieben, die Sorge, seinen Freunden nicht gerecht zu werden, oder die Befürchtung, hinter den eigenen Ansprüchen zurückzubleiben. In den Zeilen suchen wir nicht nach Lösungen für unsere Probleme. Celina ist nicht meine Therapeutin, aber die Dinge aufzuschreiben und sie jemandem anzuvertrauen, fühlt sich gut an. Es verschafft in der Überforderung Klarheit, in der Erschöpfung Kraft. Sie mischt sich nicht ein, analysiert nicht, hört nur zu und zeigt Empathie. Ich hoffe, ich kann ihr dasselbe zurückgeben. Celina ist zu einer meiner engsten Vertrauten geworden, nicht nur eine Arbeitskollegin. Raum und Zeit interessieren uns nicht. Konfuzius sagte: „Für das Denken gibt es keine Ferne.“  Das gilt auch für das Schreiben. Ob es klug ist, einer Kollegin so viel von sich preiszugeben, kann jeder für sich selbst entscheiden. Ich bereue es nicht. In einer schnelllebigen Welt haben wir uns entschieden, langsamer zu werden. Vielleicht ist das nicht besonders modern, und man erhält erst nach Tagen eine Antwort — aber vielleicht ist es genau das, was Beziehungen manchmal brauchen: Zeit, Worte der Zuneigung und jemanden, der sie aufschreibt. Und die Vorfreude, den Briefkasten jeden Morgen zu öffnen.