FAZ 09.10.2026
12:45 Uhr

Kolumne „Uni live“: Besucht euch!


An der Uni lernen wir unsere Freunde oft in einem Zustand kennen, in dem sie sich gerade erst selbst erfinden. Ihre Herkunft sehen wir kaum. Wer sie nach Hause begleitet, versteht oft besser, wer sie geworden sind.

Kolumne „Uni live“: Besucht euch!

Als ich aus dem Flugzeug steige, atme ich erst einmal ganz tief ein. Das ist die Luft, die meine Unifreundin ihre ganze Kindheit über eingeatmet hat. Es riecht trocken, ein bisschen nach Zigaretten. Mich erinnert es an Sommerurlaub. Ich möchte jeden Moment festhalten und schaue mir die braun gebrannten Hügelketten um mich herum an, als würden selbst sie mir mehr über den Charakter meiner Kommilitonin verraten. Auf der Hinfahrt sind wir beide aufgeregt, aber aus unterschiedlichen Gründen: Für mich ist es ein Urlaubsland, für sie der Ort, von dem sie weggezogen ist. In der Schulzeit lernte ich selbstverständlich die Familien meiner Freunde kennen, als seien sie ein Gesamtpaket. In dem Haus einer Freundin hingen überall selbst gestaltete Gemälde an der Wand, in der Wohnung einer anderen war ein ganzes Bad im Astrid-Lindgren-Thema dekoriert, samt Fotos aus Småland, und mitten in dieser Familienaufstellung existierten meine Freunde. Wie auf einer Pilgerreise Freunde ich mich an der Uni mit Kommilitonen an, ist ein Besuch zu Hause dagegen eher selten geworden. Wir treffen uns in Cafés oder am Fluss. Wir wohnen in selbst eingerichteten WG-Zimmern. Die Familie lebt in anderen Städten oder vielleicht sogar in einem anderen Land, vielleicht gibt es keinen Kontakt mehr. Daher fühlte sich diese Einladung zu einem Besuch der Familie sehr persönlich an. Als würde jemand einem erlauben, einen Blick unter die Motorhaube zu werfen. Auf einmal kann man einen Ort, über den man davor nur geredet hat, tatsächlich betreten. Manchmal gleicht so ein Ortsbesuch einer Pilgerreise: zur alten Grundschule, zum Spielplatz, zur Bushaltestelle. Während ich alles mit touristischem Staunen bewundere, zeigt die Freundin mir Orte, die für sie einmal selbstverständlich waren. Vorher war ich nervös Was gibt es schon Persönlicheres, als die Spuren eines Kinderzimmers im heutigen Gästezimmer zu entdecken? Den Bratz-Dolls-Spiegel von vor über zehn Jahren, die alten Pokémon-Karten. Im Regal liegen neben einem „Harry Potter“-Band zwei Kinderbücher über Sterne. Aufregend ist auch ein gemeinsames Abendessen mit den Eltern. Mit Freunden rede ich oft über Eltern, aber selten mit ihnen. Vorher war ich nervös, es könnte nicht genügend Gesprächsthemen geben. Dann muss ich fast lachen: Die Eltern reden viel, genauso wie die Freundin. Abends sitzen wir noch auf der Terrasse und streicheln die vielen Katzen, die durch den Garten laufen. Ich stelle mir vor, wie sie hier als Jugendliche saß und am Terrassentisch ihre Hausaufgaben erledigt hat. Bald kommt es zum Gegenbesuch Danach blättern wir gemeinsam durch das Fotobuch: Babyfotos, Bilder aus dem Kindergarten, die Schulzeit, Geschwister, Kleidungsstile. Wenig überraschend sah sie nicht schon immer so aus wie jetzt. Nach dem Besuch kenne ich natürlich noch die gleiche Person. Aber ich habe das Gefühl, auch zu wissen, wer sie vorher gewesen ist. Vielleicht kann ich ihre Entscheidungen in Zukunft besser verstehen. An der Uni lernen wir unsere Freunde oft als die Menschen kennen, die sie gerade werden. Zu Hause begegnen wir auch den Menschen, die sie einmal waren. Bald kommt es zum Gegenbesuch. Ich bin gespannt, was sie Neues über mich entdecken wird. Jetzt muss ich nur noch überlegen, was ich Spannendes in meiner für mich banalen Heimatstadt zeigen könnte.