Ich sitze mit meinem Bruder im Nachtzug nach Hanoi. Die Luft in der chinesischen Stadt unweit der vietnamesischen Grenze ist feucht und warm, meine Schuhe sind von den Pfützen am Bahnhof völlig durchnässt. Aber Abenteuerlust und die Vorfreude auf alles, was hinter den Bergen der Grenzregion auf uns wartet, überwiegen. Am Zugfenster ziehen erst Hochhäuser und dann kilometerweit Reisfelder vorbei, mein Rucksack steht am Fuße des Stockbettes. Drei Hosen, fünf Tops, zwei Paar Schuhe: Das muss für einen Monat Backpacking in Südchina und Vietnam reichen. Wie viele Studierende aus Deutschland nutze ich meine Semesterferien für eine Reise durch Südostasien. Lange Semesterferien, günstige Lebenshaltungskosten vor Ort und das Versprechen auf Abenteuer, kulturellen Austausch und Freiheitsgefühl machen Backpacking unter Studierenden beliebt. Diese Erwartungen an das Reisen sind nichts Neues, sondern Teil einer langen intellektuellen Tradition. Schon in Marco Polos Reiseberichten spiegelt sich die westliche Faszination für ostasiatische Kulturen wider. Auch in neueren Werken wie Elizabeth Gilberts Memoir „Eat, Pray, Love“ wird Reisen zur Selbstfindungserfahrung stilisiert. Fremde Kulturen dienen westlichen Travellern als Projektionsfläche und Sehnsuchtsort. Auch ich komme mit diesen romantischen Vorstellungen im Rucksack hier an. Kultureller Austausch mit den Locals? Ein paar Tage später peitschen mir Wind und Nieselregen ins Gesicht, ich klammere mich an den Gepäckträger des Motorrads, das mich durch die kurvige Bergstraße des Ha Giang Loops im Norden Vietnams fährt. Von Hanoi aus haben wir eine viertägige Tour mit privatem Motorradfahrer gebucht. Seit dem Ende der Corona-Pandemie erleben die Bergtouren in Ha Giang einen Boom, mittlerweile kommen nach Angaben der lokalen Nachrichtenagentur jährlich über drei Millionen Touristen in die Region. Auf Social Media gilt der Ha Giang Loop unter jungen westlichen Travellern als ultimative Abenteuer- und Partyerfahrung. Auf manchen Touren kippen sich die Reisenden schon tagsüber Schnaps rein, und spätestens am Abend fließt das sogenannte „happy water“ (vietnamesischer Reisschnaps) bei ausgelassenen Karaokepartys. Obwohl die Tour, die wir gebucht haben, etwas ruhiger ist, bekommen wir den Partytourismus auch mit. All das passiert in einer der ärmsten Regionen Vietnams. Auf der Durchfahrt sehen wir, wie die Locals entlang des Loops arbeiten: Sie pflügen die Felder mit Ochsen, tragen Körbe voll mit Mais und Buchweizen auf ihrem Rücken und setzen Reissetzlinge in den Schlamm. Mir wird immer klarer, wie sehr das Reise-Ideal, das im Westen so verbreitet ist, und die Alltagsrealität der Menschen vor Ort auseinanderklaffen. Sie arbeiten auf Feldern, während wir Kokosnussmatcha für 30 Cent schlürfen. Für uns sind ein paar Tage Motorradtour in den Bergen aufregend, für sie ist das harte Alltagsrealität. Die Tourenanbieter auf dem Ha Giang Loop werben mit authentischen Einblicken in das Dorfleben und kulturellem Austausch mit den Locals. Ich frage mich allerdings im Laufe der Tour immer mehr, inwieweit bei den offensichtlichen Ungleichheiten überhaupt Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden können. Denn auch wenn es die großen Touranbieter gerne anders verkaufen: Am Ende des Tages sind wir im System des Massentourismus Kunden, und die Locals sind unsere Dienstleister. Diese Widersprüche lösen sich nicht auf Nach der Ha-Giang-Loop-Tour machen mein Bruder und ich einen Zwischenstopp in Hanoi, bevor wir weiter nach Zentralvietnam reisen. Während ich meine Fake-Arc’teryx-Jacke aus dem Tourishop in meinen überfüllten Rucksack stopfe, bekomme ich neben mir ein Gespräch mit. „In wie vielen Ländern warst du schon?“ Zwei französische Reisende tauschen sich über ihre Backpackingerfahrungen aus. Auf die Frage folgt eine Aufzählung aller Staaten Südostasiens: elf Länder in sechs Monaten. Das ist sportlich, unter Backpackern aber nichts Besonderes. Wenn ich solche Gespräche mithöre, frage ich mich: Wird Reisen zum reinen Konsumerlebnis? Ein Check auf der Bucketlist, ein Post im Instagram-Feed? Wie viel lernen wir wirklich über lokale Kulturen, wenn wir sie alle unter dem Begriff „Südostasien“ in einen Topf schmeißen, wenn wir uns mit günstigen Fakeprodukten eindecken und Touren mitmachen, in denen der Hauptfokus darauf liegt, schöne Instagram-Bilder zu produzieren und uns am Abend in nordvietnamesischen Dörfern die Kante zu geben? Wegen dieser Gedanken habe ich mich oft gefragt, ob ich meine Reise überhaupt genießen kann. Gerade wenn ich meine Backpackingtour als Studienreise verstehe, sind diese Fragen unausweichlich. Als Studentin zu reisen, bedeutet, mehr in einem Ort zu sehen als das, was uns auf Instagram verkauft wird. Es ist eine Chance, neue Kulturen jenseits von Stereotypen kennenzulernen. Mit der kritischen Perspektive, die ich aus meinem Studium mit auf diese Reise bringe, verstehe ich die Lebensrealitäten der Locals im Kontext globaler Ungleichheitsverhältnisse. Diese Widersprüche lösen sich nicht auf, ich bin genauso ein Teil davon wie alle anderen Reisenden, die ich auf dem Weg treffe. Backpacking bleibt ein unglaubliches Privileg, und es ist unsere Verantwortung, das immer wieder zu reflektieren.
