Hermann Pacholke steht unter Dampf. Direkt nach der Nachtschicht im Schacht springt der Bergmann ins Auto, um mit Frau, Sohn und Gepäck aus dem Ruhrgebiet über den Brenner nach Italien zu düsen. Selbst zum Duschen bleibt keine Zeit mehr: Das Gesicht noch schwarz vom Kohlestaub, will Pacholke keine Minute seines kostbaren Freizeitanspruchs vergeuden. Wer braucht schon Schlaf oder einen ruhigen Moment, um zu prüfen, ob auch wirklich alles im Auto ist? Die Fähre nach Korsika wartet, ausruhen kann sich Pacholke, wenn er angekommen ist. Diese Art des Urlaubsantritts macht den vom Schauspieler Ralf Richter verkörperten Pacholke aus dem legendären Neunzigerjahre-Film „Superstau“ zu einem klassischen Vertreter der Urlaubsmaximierer. Diese Menschen haben noch nie etwas von Packtagen gehört. Sie brechen so schnell wie möglich in die Ferien auf, bleiben so lange wie möglich am Urlaubsort und kommen so knapp wie möglich zurück. Manchmal liegt zwischen Ankunft und Wiederantritt zum Dienst nur eine S-Bahn-Fahrt vom Flughafen. Wer hat mehr vom Urlaub? Ganz anders gehen dagegen die Stressreduzierer freie Tage an. Auf der Arbeit schließen sie in beneidenswert großer Ruhe die letzten Aufgaben ab und stellen dann die automatischen Antworten ein. Zu Hause angekommen, gönnen sie sich ein ganzes Wochenende, um zu packen. Statt Kleidung, Badesachen, Bücher hektisch in die Koffer zu pfeffern, wählen sie aus und stellen sich dabei vielleicht schon einmal vor, wann und wo genau sie Hemd oder Hose tragen werden. Und dann haben sie sogar noch die Muße, einen Blick in den Reiseführer zu werfen. Urlaubsmaximierer schaffen das erst am Zielort. Ein Auspacksonntag nach dem Aufenthalt rundet den perfekten Urlaub ab. Das alles hat seinen Preis: Die Reduzierer bleiben deutlich weniger Tage weg und lassen damit auch den Alltag kürzer hinter sich als die Maximierer. Die spannende Frage ist: Wer hat am Ende mehr von seinem Urlaub? Bei der Antwort kann das Tag-danach-Gefühl helfen: Wer sich am ersten Arbeitstag nach einem weiteren freien Tag sehnt, sollte beim nächsten Mal mehr Reduktion wagen. Alle anderen können weiter in den Urlaub eilen, auch wenn sie dabei womöglich so gehetzt wirken wie Hermann Pacholke. In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten aus dem Arbeitsleben.
