Ein Abend vergangene Woche im alten Wartesaal am Kölner Hauptbahnhof. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) hat zur „Awards Show“ geladen, dem jährlichen Klassentreffen der Szene zwischen Hauptrunde und Play-offs, bei dem die Besten geehrt werden. Auch Kai Sauer ist da, der finnische Botschafter in Deutschland. Sauer hat früher selbst Eishockey gespielt. Zum Profi habe es für ihn nicht gereicht, scherzt er, aber einen Titel hat er gewonnen: Als Botschafter in Indonesien hatte er noch mal die Schlittschuhe geschnürt – und wurde Meister. Sauer ist allerdings nicht gekommen, um Anekdoten zu erzählen. Er ist hier, um Landsleute zu ehren. Erst Kari Jalonen, den Trainer des Jahres. Dann Janne Juvonen, den Torwart des Jahres und besten DEL-Spieler. Beide sind bei den Kölner Haien angestellt, wo derzeit alle kaum glücklicher sein könnten. Im Klub wird gebremst Die DEL-Hauptrunde schlossen die Kölner mit 116 Punkten als Tabellenführer ab – das gab es noch nie in der DEL. Was auch für die zwischenzeitlichen 16 Siege in Folge gilt. Das alles vor 18.112 Fans im Schnitt, auch das ist ein Rekord, sogar für ganz Europa. Natürlich sind die ersten Heimspiele längst ausverkauft. Die Kölner starten diesen Mittwoch (19.30 Uhr, live bei Magentasport) in Schwenningen in die Play-offs. Und die Begeisterung ist groß wie lange nicht, es soll endlich klappen mit der ersten Meisterschaft seit 2002. Im Klub wird gebremst: „Wir tun ganz gut daran, dass wir sehr bei uns bleiben, sehr im Moment sind, sehr Schritt für Schritt denken“, sagt Geschäftsführer Philipp Walter. Auch hinter dem Zuschauerrekord stecke jahrelange Arbeit, gerade in Sachen digitales Marketing. „Immer hungrig bleiben und nichts als selbstverständlich nehmen“, sagt Walter. Trainer Jalonen klingt ähnlich, wenn er über den sportlichen Erfolg spricht. Der ist alles andere als selbstverständlich. Zwar erreichten die Haie im Vorjahr das Finale, aber als Fünfter der Hauptrunde und klarer Außenseiter. Im Finale gegen die Eisbären Berlin war die Luft raus, die letzten drei Spiele endeten jeweils 0:7. „Berlin war einfach besser, wir hatten unsere Probleme, wir hatten nicht die Tiefe“, sagt Jalonen. Nun haben die Kölner sie. Dass sie in der Hauptrunde das Spitzenteam sind, hatte kaum jemand erwartet. Seit Oktober ist bekannt, dass Jalonen am Saisonende in seine Heimat geht. Da bestand die Gefahr, dass ihm keiner mehr zuhört. Das Gegenteil passierte. „Wir waren sowohl intern als auch extern sehr klar in der Kommunikation“, sagte Walter. Jalonen spürte keinen Vertrauensverlust: „Als ich die Entscheidung getroffen hatte, bin ich sofort in die Kabine gegangen. Die Jungs haben respektiert, dass ich zu der Zeit des Jahres so ehrlich war.“ „Eishockey ist kein Einzelsport“ Fortan gewannen sie Spiel um Spiel. Was nicht zuletzt an den Finnen liegt, die Jalonen und Sportdirektor Matthias Baldys verpflichtet hatten: Einen Assistenz- und den Torwarttrainer, einen Betreuer, sechs Spieler: Torwart Juvonen, die Verteidiger Oliwer Kaski, Valtteri Kemiläinen, Markus Nutivaara und Veli-Matti Vittasmäki sowie Stürmer Juhani Tyrväinen. „Eishockey ist kein Einzelsport, das Team muss immer an erster Stelle stehen. Die Finnen sind darauf trainiert“, sagt Jalonen, dem es „aber egal ist, wo die Spieler herkommen. Wir haben Deutsche, wir haben Kanadier und Amerikaner, wir haben Spieler aus Dänemark – alle akzeptieren, dass wir Eishockey als Team spielen.“ Auch Offensivkünstler wie der Däne Patrick Russell und der Kanadier Gregor MacLeod. Der größte Star aber ist Juvonen. Vergangene Saison stand der extrovertierte Slowake Július Hudáček im Tor, der nach Siegen tanzte. Juvonen würde nach Spielen am liebsten gleich verschwinden. „Er ist ein typischer Finne, sehr bescheiden, kein Showman“, sagt sein Trainer. Auf dem Eis wehrt Juvonen herausragende 93,1 Prozent der Schüsse ab. Danach sah es im Herbst noch nicht aus. Nach Jahren in der Schweiz bekam der 31-Jährige keinen Vertrag mehr, war arbeitslos, hielt sich in der Heimat fit. „Ich bin viele Runden allein auf dem Eis oder durch den Wald gelaufen“, sagt Juvonen. Bis Jalonen anrief. Haie-Torwart Felix Brückmann hatte sich verletzt, Juvonen sprang ein. Er hob das Team auf ein neues Level. In den Play-offs soll es ähnlich laufen. Was dabei herauskommt? „Wenn du im Sport bist, musst du einen Traum haben“, sagt Trainer Jalonen, „ich habe einen Traum, aber ich werde ihn nicht verraten.“ Man kann ihn sich denken.
