FAZ 25.03.2026
09:54 Uhr

Ki und Kunst: Der Sommer der KI


Künstliche Intelligenz und die Künste sind das Thema der Saison: Gleich mehrere Ausstellungen und Festivals widmen sich den Voraussetzungen,  Chancen und Gefahren der KI.

Ki und Kunst: Der Sommer der KI

Wird Ina Neddermeyer im Laufe der nächsten Monate Durst leiden?  Das haben die Künstliche Intelligenz und die Besucherinnen und Besucher des Museums Giersch der Frankfurter Goethe-Universität in der Hand. Mutmaßlich ist es eine Weltpremiere, die sich da vollziehen wird: Menschen und Maschinen bestimmen über den Wasserhaushalt einer Museumsdirektorin. Denn in Andreas Greiners partizipativem System „Garden Protocol“ ist die Museumsdirektorin eine Akteurin, Subjekt in der Versuchsanordnung, gleichberechtigt mit einigen Pflanzen im Raum und auf dem Balkon sowie einem Computer, dessen Datenverarbeitung wiederum in das System eingespeist wird. Zur Kühlung benötigt er, wie Mensch und Pflanzen (und womöglich auch einige winzige Tiere, die auf und um die Pflanzen leben), eine gemeinsame Ressource: Wasser. Wie also soll sie aufgeteilt werden? Das Entscheidungsverhalten der Besucher wird zurückgespeist in das vom Computer bearbeitete Versorgungsprogramm. „Garden Protocol“ ist eigens für die Ausstellung „Multispezies Members Club“ geschaffen worden, die Greiner, in einer Doppelrolle als Künstler und Kurator, mit Neddermeyer und Susanne Wartenberg konzipiert hat. Im Gegensatz zu den anderen hat die menschliche Protagonistin seiner Installation aber klare Vorteile: Neddermeyer hat die Freiheit, jederzeit auszusteigen. Ein Glas Wasser zu trinken oder es bleiben zu lassen. Das spannungsvolle Verhältnis von KI und menschlicher Freiheit, die Formung unserer Welt und unserer Weltbilder durch KI und die Frage, wer  verantwortlich sei, schildern in diesem Frühjahr und Sommer gleich mehrere große Ausstellungen. Am Thema der Stunde kommt die Kunst nicht vorbei. Wer schreibt der KI schöpferische Kraft zu? Die Frage aber ist, wie sie sich mit KI befasst: Schließlich vertreibt sich heute jeder Laie die Zeit damit, aus Spaß von diversen Tools Lyrik und Gemälde, Filme und andere vermeintlich kreative Objekte herstellen zu lassen. Dieser eher banale Gebrauch generativer Modelle fasziniert auch Künstler, denn auch die wollen bisweilen nur spielen. So kommt es, dass das Hessische Staatsballett nun zusammen mit der Hochschule Darmstadt mit Clips das Projekt „Motion Creation Design“ illustriert. Eine Tänzerin tanzt, daraus wird eine abstrakte Form, unter dem Titel „Wie fühle ich mich als Skulptur?“. Die KI, heißt es, „fungiert als Schnittstelle, die Wissen in Echtzeit aufbereitet und durch kreative Bild- und Informationsassoziationen neu interpretiert“. Diese Zuschreibung einer genuin schöpferischen Kraft der Technologie drückt sich auch in der Ankündigung eines KI-Festivals am Staatstheater Darmstadt aus, wo im Mai unter anderem ein Theaterstück namens „Dinos in Dodge City“ entstehen soll: „Was, wenn wir gemeinsam mit der KI Geschichten schmieden könnten, die mutiger und wilder sind als alles, was wir aus den Weiten des Wilden Westens kennen?“ Einige Beispiele dieser affirmativen Haltung, dank eines ellenlangen Prompts hergestellte „Gemälde“ zum Beispiel, aber auch Videos, finden sich in der Doppelausstellung „AI-Worlding“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst und im Saas Fee Pavillon. Wobei in dem freien Kunstraum Allapopp, die schon früh mit einem digitalen Avatar gearbeitet hat und zunehmend skeptischer damit umgeht, jetzt auch angesichts der Unwägbarkeiten der KI eine tatarische Beerdigung dieses Alter Egos inszeniert. Die Schirn schaut in Theorie und Praxis genau hin Allapopp wiederum ist eine der vielen Künstlerinnen, die nun auch an „Multispezies Member Club“ beteiligt sind. Im Museum Giersch nämlich wird die Frage nach der Verantwortung gestellt und die eines neuen Verständnisses von Demokratie, wenn die Bedürfnisse aller Lebewesen in einer Welt der Technologien in Balance gebracht werden sollen. Das Konzept von Kunst, sagt Andreas Greiner, sei ein menschliches. Aber im „Club“ interagieren nun viele Lebewesen mit Technologien, vor allem mit KI.  Greiners moosbewachsene und zum Teil mit kleinen Figuren zu Miniaturlandschaften gestaltete Grafikkarten wie „Joint Venture“ (2023) schlagen eine Brücke in die Frankfurter Kunsthalle Schirn, wo Julian Charrière mit „Metamorphism“ aus den Hardware-Teilen von Computern mit Erde und anderen Stoffen neue geologische Formen zusammenbäckt. Die Ressourcen, die verwendet werden, um Daten zu generieren, kehren gewissermaßen wieder in die Erde zurück. Denn wie der „Club“, den das Museum Giersch inszeniert, schaut die Schirn Kunsthalle in einer großen Sommerausstellung in Theorie und künstlerischer Praxis ganz genau hin. Auf die Ressourcen, die Technologien verbrauchen, zumal KI. Auf die Machtverhältnisse, die durch KI verändert oder verfestigt werden. Auf die Geldströme, die gelenkt werden. Auf die komplexen natürlichen und kulturell gewachsenen Strukturen, die durch die Verdichtung der KI nicht erfasst werden können. Und auf das, was dem kuratorischen Konzept des amerikanisch-französischen Medienwissenschaftlers Antonio Somaini zugrunde liegt: seine Theorie der „latenten Räume“, jener Blackbox, in der das gesamte Wissen und kulturelle Gedächtnis, Bilder und Texte in komprimierter, mathematischer Form bearbeitet und neu konfiguriert werden – und was das mit uns macht. Sämtliche Künstler, die nun an „The World Through AI“ beteiligt sind, stellen solche Fragen, wie Hito Steyerl mit „Mechanical Kurds“, Trevor Paglen oder Agnieszka Kurant. „Durch die Facetten der Kunst andere, überraschende, kritische Perspektiven einzunehmen“, sei die Idee, so Schirn-Kuratorin Katharina Dohm. Die Ausstellung ist keine reine Übernahme aus dem Pariser Jeu de Paume, wo sie 2025 gezeigt wurde, sondern für die Schirn noch einmal rundum aktualisiert worden, auch mit teilweise neuen Werken, obwohl ohnehin alles aus den vergangenen zehn Jahren stammt. Weil, so Dohm, sich die KI-Welt so rasch verändere. Das ganze Thema der „Slopaganda“ etwa, der politischen Einflussnahme mit KI-generierten Bild- und Textinhalten, habe seit 2025 enorm zugelegt. Die Schirn-Ausstellung, die die gesamte Ausstellungsfläche nutzen wird, verbindet diese in Kapitel wie „Halluzinationen“ oder „Morphogenesis“ unterteilten Werke mit „Zeitkapseln“, so Dohm, in denen auch die Genese und Vergangenheit der Technologie gezeigt wird, auch das wiederum auf künstlerische Weise. Und was nun? Eine reflektierte Einstellung in der  Verwendung von KI, ein Bewusstsein für Gefahren, Ressourcenverbrauch, Sicherheit und Verantwortung – das betrifft nicht nur die Kunst. Themen, über die es sich lohnt, nachzudenken, in diesem Kunstsommer der KI. Multispezies Members Club, Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt, 28. März bis 6. September, The World Through AI, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 11. Juni bis 20. September, AI-Worlding, Museum Angewandte Kunst und Saas Fee Pavillon Frankfurt, bis 26. April. KI-Festival, Staatstheater Darmstadt, 13. bis 17. Mai.