Die Frage, ob Menschen gemeinsam mit der KI „Geschichten schmieden könnten, die mutiger, wilder und so ganz anders sind als alles, was wir aus den Weiten des Wilden Westens kennen“, hat mutmaßlich die Künstliche Intelligenz (KI) selbst geschrieben. Oder gehen Künstler davon aus, die besseren Geschichten erzeuge eine Maschine? Darüber geben vielleicht eher die Workshops und Diskussionsrunden Auskunft, mit denen das Staatstheater Darmstadt noch bis 17. Mai sein Festival zu Kunst und KI flankiert. Der witzig gemeinte Titel „Komm zu meinem Festival oder ich hacke deinen Toaster – deine KI“ fasst schon einmal bündig zusammen, in welcher Arbeitshaltung man am Staatstheater mit der KI gemeinsame Sache macht. Man gibt sich schelmisch-ironisch angesichts der Ängste vor selbstlernenden Maschinen und will signalisieren: Das kann doch alles ganz hübsch werden, wenn man mal darüber nachdenkt. Exponate aus der zuvor im Frankfurter Museum Angewandte Kunst gezeigten Ausstellung „AI-Worlding“ sind übernommen worden, und die VR-Produktion „End of Life“ läuft erst in Darmstadt, bevor sie auch bei den Maifestspielen in Wiesbaden im Programm ist. „Keiner mag Streber“ Das Staatstheater Darmstadt, das seit geraumer Zeit KI-gefakte Plakate mit beinahe täuschend ähnlichen Prominenten nutzt, um für seine Inszenierungen zu werben, was ebenso augenzwinkernd gemeint sein will, steuert gleich vier Premieren mit KI bei. Mit Motion Capture im Tanz, mit Regiehilfe im Musiktheater und – ja, mit was eigentlich in der Sparte Schauspiel? Man weiß es nach der knappen Stunde namens „Dinos in Dodge City“ nicht. Das Publikum, teilweise sind es Statisten, amüsiert sich, bekommt in einem phantastisch ausgestatteten Saloon (Bühne Elisabeth Fritsch) Schmalzbrote und Whisky, Kartentricks, Songs und dazu Häppchen von irgendwelchen Geschichten, die in der Kakophonie kaum je durchdringen. Was davon hat die KI konzipiert oder beigetragen in der Inszenierung von Fynn Malte Schmidt? Die Serie „Westworld“, in der Androiden im Westernpark den Besuchern dienen, bis sie selbst – „menschlich“ geworden – den Laden übernehmen, ist gute zehn Jahre alt und beruht auf menschlicher Phantasie. Inspiriert haben dürfte sie das Spektakel in den Kammerspielen durchaus. Vielleicht haben die Darsteller ihre Wünsche eingespeist: Wollte Florian Donath womöglich schon immer mal auf schwarzen Spitzenschuhen und im Rokokokleid als Saloondame schwofen? Hat sich Gabriele Drechsel gewünscht, endlich zu zeigen, dass sie auch super Klavier spielen kann? Niklas Herzberg, der als „Wolfi“, der Maschinenexperte, am Anfang das Publikum noch aufzuklären versucht über den Lernzusammenhang von Mensch und Maschine, wird vom Sheriff Patrick Balaraj Yogarajan schnurstracks erschossen: „Keiner mag Streber.“ Er kommt aber wieder, als Nemesis im Bühnennebel, man darf ein paar Gedanken aus den Minimonologen ziehen. Der „Wilde Westen“ steht, na klar, für die Goldgräbermentalität der KI-Unternehmen, es geht um Ausbeutung, Kolonialismus, Illusionen von einem besseren Leben. Wer Geschichten „schmiedet“, biegt mit der Gewalt von Feuer und Hammer zusammen, was möglicherweise gar nicht zusammenpassen will. Weshalb am Ende der Velociraptor noch auftauchen muss, Sinnbild überholter Konzepte, mit seinen Äuglein blinzelt und sich mit einem letzten Winden zum Sterben niederlegt. „Mit Neugier und künstlerischer Ernsthaftigkeit“ soll das Staatstheater sich dem Phänomen Eigenleben der KI widmen, weder euphorisch noch reflexhaft ablehnend, schreibt Intendant Karsten Wiegand in der Festivalbroschüre. Sollte der Plan gewesen sein, dass man sich sehnlichst ein Stück mit Anfang, Mitte, Ende und einer Art von Sinn zurückwünscht: Operation gelungen. Dinos in Dodge City, Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele, weitere Vorstellungen am 17., 23. und 28. Mai. KI-Festival bis 17. Mai.
