„Stuttgartturnt“ lautete der Hashtag zum DTB-Pokal, zu dem am Wochenende Teams aus 24 Ländern anreisten, und das, obschon der einstige Weltcupstatus seit einer Weile verloren ist und nun auch das regionale Energieunternehmen als Titelsponsor. Das deutsche Team im Mixed Cup obsiegte, und Timo Eder gewann das Bodenfinale. „Breites Grinsen“ so dann auch das Fazit von Markus Frank, Präsident des Schwäbischen Turnerbundes (STB). Sein Pendant beim Deutschen Turnerbund (DTB) Alfons Hölzl, gegen den die Staatsanwaltschaft Stuttgart aktuell wegen Unterlassung ermittelt, hob die „große Bedeutung“ des Turniers hervor und lobte den STB für seine Arbeit. „Aktuell ist es tatsächlich herausfordernd“ Läuft alles wieder rund, könnte man denken. Aber so ist es nicht. Nach den zahlreichen Berichten über Machtmissbrauch am Stuttgarter Bundesstützpunkt für die Frauen, die im vergangenen Februar die Kündigung von Trainerin Marie-Luise Mai und Trainer Giacomo Camiciotti zur Folge hatten, ist die Situation auch ein Jahr später nicht abschließend geklärt. Beide klagten erfolgreich gegen ihre Kündigung. Der STB legte Berufung ein und sprach zuletzt eine, nun fristlose, Kündigung aus. Die Berufungsverhandlungen stehen aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile gegen weitere Personen, gegen fünf Mitarbeiter und Funktionäre des STB. „Aktuell ist es tatsächlich herausfordernd“, sagte Nicolas Windelband der F.A.Z.: „Gefühlt täglich gibt es Veränderungen und da muss man halt auch jeden Tag die Situation neu bewerten.“ Er könne nicht anders als „ein stückweit auf Sicht“ zu fahren. Windelband hatte im März 2025 den Posten des Bundesstützpunktleiters übernommen. Die jüngste Volte in Stuttgart geht nicht auf seine Kappe: Vor wenigen Tagen erklärte der DTB, er beende die Zusammenarbeit mit Aimee Boorman aus den Vereinigten Staaten. Unter ihrer Anleitung war Simone Biles zur besten Turnerin der Welt avanciert. Sie hatte den Job im vergangenen März angetreten, im August war ihr Vertrag mit dem DTB bis Ende 2028 verlängert worden. „So kann es nicht weitergehen“ „Dass die Turnerinnen an Unabhängigkeit gewinnen und wissen, dass sie es für sich tun und ich sie dabei unterstützte“, so hatte Boorman beim DTB-Pokal 2025 ihre Haltung erklärt. Auch seitens des DTB war lobend von einer „neuen Trainingsphilosophie“ in Stuttgart die Rede. Dort hatte zudem der STB mit LaPrise Williams eine Boorman-Vertraute als Landestrainerin verpflichtet. Was also ist geschehen? DTB-Präsident Hölzl sagt dazu am Sonntag: „Zur Wahrheit gehört, dass es nicht so funktioniert hat, wie wir es uns vorgestellt haben.“ Das sagt auch Stützpunktleiter Windelband und verweist auf unterschiedliche „Erwartungshaltungen“ seitens der Trainerin einerseits sowie der Verbände, Eltern und Athleten andererseits. Sie hätten zur Erkenntnis geführt, dass es „so nicht weitergehen kann“. Boorman hatte die vierköpfige Trainingsgruppe um Helen Kevric übernommen, jener Turnerin, die unter Anleitung von Camiciotti bei den Olympischen Spielen 2024 den achten Mehrkampfplatz erzielt hatte. Die Silbermedaille, die sie mit dem Team bei der EM in Leipzig im vergangenen Frühjahr gewann, widmete Kevric ihren ehemaligen Trainern und erklärte, sie sei „kein Missbrauchsopfer“. Schon damals tat sie kund, sie wolle nicht bei Boorman trainieren. Und blieb mit dieser Haltung in ihrer Trainingsgruppe offenbar nicht alleine. Nach Informationen der F.A.Z. war nur eine der vier Turnerinnen bereit, sich auf die Arbeit mit der Amerikanerin einzulassen. Aimee Boorman möchte sich aktuell nicht äußern. „Das mache ich gerne“ In Stuttgart trainiert Kevric mittlerweile mit Marta Boldori und der Choreographin. Die Italienerin kam vor knapp drei Jahren durch Vermittlung von Camiciotti an den Stützpunkt. Sie kenne ihn „schon lange“, so die für das Juniorenteam beim DTB-Pokal verantwortliche Boldori am Samstag. Das vergangene Jahr sei „schwierig“ gewesen, sagt sie knapp. Zur Arbeit von Aimee Boorman könne sie wegen der verschiedenen Aufgaben nichts sagen, auch nichts zum Wirken von LaPrise Williams, die nun für die Seniorinnen verantwortlich zeichnet. Mit Helen Kevric trainiere sie, wenn die das möchte: „Das mache ich gerne.“ Kevric, die nach ihrer schweren Knieverletzung noch im Aufbautraining ist, trainiert aber auch in Italien; seit „Ende 2025“, teilte der DTB auf Anfrage mit, „punktuell“ im Zentrum im piemontesischen Vercelli. Der Verband bezuschusse die Trainingsaufenthalte „im Rahmen der Möglichkeiten“ und dies geschehe „in Abstimmung“ mit dem Cheftrainer. Gerben Wiersma hatte Ende Januar auf Nachfrage eingeräumt, es habe zeitweise Bemühungen gegeben, ein Training für Kevric in den Niederlanden zu organisieren, aber diese „Option“ gebe es nicht mehr. Von Italien hatte er nichts gesagt. „Giacomo, oder?“ Anfragen der F.A.Z. zu den Umständen dieser Trainingsaufenthalte in Italien ließ Adnan Kevric, der Vater von Helen Kevric, ebenso unbeantwortet wie der Verein ASD Libertas Vercelli. In einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ erklärte Helen Kevric am Samstag, ihrem 18. Geburtstag, sie trainiere „eineinhalb Wochen pro Monat“ in Italien und sei in einem Alter, in dem sie wisse, „wie und was ich trainieren muss“. Die Kunde von diesem teilweisen Wechsel ins Heimatland ihres ehemaligen Trainers Giacomo Camiciotti hat in Turnerkreisen flugs die Runde gemacht. Auf die Frage, unter wem Kevric in Italien trainiert, scheint es daher – ganz gleich, ob in englischsprachigen Blogs oder auf den Rängen beim DTB-Pokal – eine logische Antwort zu geben: „Giacomo, oder?“ Sie trainiere in Italien nicht unter Anleitung von Camiciotti, erklärte der DTB auf Anfrage schriftlich, sondern „mit dem Trainerteam des dortigen Stützpunktes“. Cheftrainerin des Stützpunktes, der im italienischen System den Status eines CAT, also eines regionalen Zentrums innehat, ist aktuell Federica Gatti. Sie hatte in der Vergangenheit auch beim Verein Pro Lissone in der Nähe Mailands gearbeitet und das – mindestens von 2013 bis 2017 – gemeinsam mit Giacomo Camiciotti. In Vercelli zeichnet Gatti gemeinsam mit Ko-Trainer Enrico Pozzo unter anderem für Nationalmannschaftsmitglied Giulia Perrotti verantwortlich. Nicolas Windelband ist mit Blick auf die Zukunft des Bundesstützpunktes Stuttgart optimistisch, schließlich verstehe sich das aktuelle Trainerteam sehr gut: „Ich bin zuversichtlich, dass das, wenn wir jetzt Ruhe reinbekommen, auch nachhaltig Wirkung zeigt.“
