Die Geschichte der streitbaren Demokratie ist eine Geschichte ihrer Legenden. Die erste davon suggeriert, die Idee sei als Resultat der deutschen Erfahrung mit Demokratieversagen und Diktatur eine reine Neuschöpfung nach 1945 gewesen. Streitbare Demokratie wird in dieser Sicht zum Inbegriff einer erfolgreichen Geschichtslehre stilisiert. Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, Demokratie nur für Demokraten: So ähnlich laute die Lektion aus Weimar, als die Republik den Nationalsozialisten ein legales Entree an die Macht gewährt habe. Die zweite Legende führt die Idee weiter zurück und verknüpft sie eng mit dem Namen des in die USA emigrierten Staatsrechtslehrers Karl Loewenstein, dessen Aufsatz „Militant Democracy and Fundamental Rights“ (1937) häufig als Ursprung zitiert wird. Wer ihn zum alleinigen Begründer der Idee avancieren lässt, verkennt indes, in wie vielfältiger Weise unabhängig voneinander der Grundgedanke einer abwehr- und kampfbereiten Demokratie während der Zwischenkriegszeit entstand und bald als unstrittiges Erfordernis galt. Weimar dient auch der Legendenbildung Loewensteins Kampfansage, Feuer sei mit Feuer zu bekämpfen, leitet zu einer dritten Legende über, welche die streitbare Demokratie auf ein repressives Instrumentarium reduziert. Die Möglichkeit eines Parteiverbots ist gleichsam der Inbegriff und das schärfste Schwert einer Wehrhaftigkeit, wie sie im Grundgesetz festgeschrieben werden sollte. Dabei wird dieser Mechanismus als Heilmittel einer unter Druck geratenen Demokratie überschätzt.Wer darin ferner die entscheidende Differenz gegenüber Weimar erkennt, zeichnet ein Zerrbild der wehrlosen ersten Republik, will nicht viel von Republikschutzgesetzen und wiederholt praktizierten Parteiverboten wissen, die die autoritäre Wende nicht verhindern konnten. Vor dem Hintergrund dieser Legendenbildung lohnt es sich, an die Überlegungen des Soziologen Karl Mannheim zu erinnern, der Deutschland 1933 verlassen musste und darauf in London lehrte. Von Oliver Neun herausgegeben und kundig eingeleitet liegen seine Texte aus den Weltkriegsjahren zur „militant democracy“ erstmals gebündelt vor („Militante Demokratie“. Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2026). Anders als Loewenstein nahm Mannheim keine juristische Perspektive ein und erachtete die Verteidigung der Demokratie als gesellschaftliche und erzieherische Aufgabe. Zurück zu den Quellen der wehrhaften Demokratie Dem Nationalsozialismus gegenüber keineswegs naiv eingestellt, hielt es der Appeasementkritiker gleichwohl für erforderlich, einem solchen auf Machttechniken setzenden Gewaltregime robust „militant“ zu begegnen. Und doch setzte er stärker auf eine gleich intellektuelle wie gesellschaftliche Antwort, wenn er den „Laissez-faire-Liberalismus“ dafür kritisierte, „Toleranz mit Neutralität“ zu verwechseln. Dazu sei als „dritter Weg“ die Ausbildung einer gesellschaftlichen Grundhaltung – er sprach von „sozialer Bewusstheit“ – nötig, durch die erst eine entschlossene Verteidigung von Prinzipien wie Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit möglich werde. Da heute das Schlagwort der „militanten Demokratie“ zuweilen wie ein verzweifelter Rettungsruf oberhalb des eigentlichen politischen Tageskampfs erklingt, ist es lehrreich, sich an Mannheims gesellschaftlich-kulturell weiter ausgreifendes Begriffsverständnis zu erinnern. Es dürfte sogar besonders gut zur mittlerweile demokratieerprobten Bundesrepublik passen, statt eine Renaissance des legalistisch-etatistischen Streitbarkeitskurses herbeizuwünschen, wie ihn die frühe Nachkriegszeit kannte (und ungeachtet eines übersteigerten Antikommunismus benötigte). Mannheims konzeptionelle Erweiterung wirkt insofern weiter gedacht als Loewensteins Defensivstrategie, als sie neben der totalitären auch die demokratische Erfahrung verarbeitet, wie er sie in Großbritannien erlebte. Wahre Wehrhaftigkeit erwuchs für Mannheim aus aktiver Bürgerschaft und gelebter Demokratie, die sich nicht im repressiven Abwehrkampf selbst ersticken dürfe. Sein Appell an eine politische Erziehung zu individueller Urteilskraft, die Entfaltungsmöglichkeit einer „aufgeklärten öffentlichen Meinung“ und eine „demokratische Methode“ der Achtung des Gegners ist anspruchsvoll. Als hätte Mannheim bereits das spätere Böckenförde-Diktum im Ohr gehabt, wollte er eben jene in umfassend soziologischer Weise als besten Schutzpanzer stärken.
