FAZ 06.05.2026
16:01 Uhr

KI-Brille von Rokid: Die Zukunft auf der Nase


Eine Brille mit Augmented Reality und Künstlicher Intelligenz hat verblüffende Talente: Sie blendet Antworten auf Fragen in die Brillengläser ein. Und nicht nur das.

KI-Brille von Rokid: Die Zukunft auf der Nase

Die Zukunft steht nicht vor der Tür, sondern sitzt auf der Nase. Nahezu alle Fachleute sehen in smarten Brillen mit Augmented Reality, gemeint sind Anreicherungen des realen Bildes mit digitalen Inhalten, eine Technik mit Zukunft. Dafür werden wie bei einem Head-up-Display im Auto virtuelle Elemente in das Sichtfeld eingespielt. Hält man einen Vortrag, kann ein für das Publikum unsichtbarer Teleprompter im Blickfeld des Redners seinen Text anzeigen. In Verbindung mit einer in der Brille eingebauten Kamera gelingen nicht nur Fotos und Videos aus der Ich-Perspektive. Läuft auf dem angekoppelten Smartphone eine Künstliche Intelligenz, KI, kann man Gegenstände oder Lebewesen der Umgebung fotografieren und fragen, was das ist. Über kleine Lautsprecher im Brillenbügel erhält man die Antwort. Solche smarten Wunderwerke gibt es seit vergangenem Jahr vom Facebook-Mutterkonzern Meta. Sie werden gefertigt vom Hersteller Essilor Luxottica, zu dem Ray-Ban und Oakley gehören. Meta verbindet seine Brillen in erster Linie mit den hauseigenen Diensten Instagram und Facebook. So kann man schnell Fotos und Videos posten, KI ist natürlich auch dabei. Was den Meta-Brillen noch fehlt, bringt jetzt ein wenig bekannter chinesischer Hersteller auf den Markt. Das Unternehmen Rokid gibt es seit 2014, und die große Neuerung in den nun erhältlichen Rokid Glasses für 700 Euro ist die Bildprojektion im Brillenglas. Schon während des ersten Betrachtens der Brille sieht man in den Gläsern briefmarkengroße, transparente und leicht bläuliche Flächen. Die Brille zeigt mit 640 × 480 Pixeln und in der grünen Schrift alter Computermonitore aus den Anfangszeiten des PCs textbasierte Inhalte. Das alles ist kilometerweit von einem Head-up-Display entfernt, monochrom und mit geringer Auflösung. Aber man ahnt, was hier kommen könnte, und dann ist die Faszination sofort da. Mit der Stimme einer devoten jungen Frau Wir nehmen ein Buch in die Hand, sagen: „Hi Roki, was siehst du?“ Der KI-Assistent fokussiert kurz, erstellt ein Foto, und nach einigen nervenden Dingelingeling-Tönen, die sich anhören wie der EU-Tempolimitaufseher in neueren Autos, spricht er uns in einer synthetischen Stimme vor, was er über das Buch, seine Handlung und den Autor weiß, und das ist ziemlich viel. Die Stimme, leider nicht änderbar, hört sich nach einer lasziven jungen Frau an und ist auch deshalb schwer erträglich, weil sie bemüht langsam spricht und fortwährend ihren devoten Charakter durch blumige Grüße betont. Im nächsten Anlauf fragen wir Roki, was sie auf unserem PC-Monitor sieht, und die Antwort lässt erstaunen: Roki liest den dort gezeigten Text und analysiert ihn. Alle Achtung. Auch die weiteren Versuche mit der eingebauten KI bringen erstaunliche Ergebnisse. Wir stellen uns in einigem Abstand vor ein Bücherregal und bitten um einen zusammenfassenden Eindruck über die dort versammelten Werke. Die Antwort kommt prompt: Es handele sich überwiegend um Geschichte und Politik, und dann zählt Roki die Standardwerke auf, die sie herausgepickt hat. Draußen im Garten erkennt die KI Blumen und Büsche. Die Kamera macht Fotos und Videos hochkant oder im Querformat mit zwölf Megapixel, Videos gelingen mit bis zu 3K und 30 Aufnahmen pro Sekunde. Die Qualität ist im Vergleich mit den Meta-Brillen etwas schlechter. Filmt man mit der Brille auf der Nase, ergibt jede Kopfbewegung ein Gewackel. Aber die Perspektive ist interessant. Wenn die KI halluziniert Wir bitten die Helferin, ein Foto aufzunehmen und an eine bestimmte Person zu versenden. Sie bestätigt das, fragt noch einmal zurück, ob es der richtige Adressat sei, und meldet, das Foto sei auf den Weg gebracht. Aber nichts davon stimmt. Es gibt weder besagtes Foto in der Galerie, noch wurde eine Nachricht versandt. Das hat sich die KI aber schön zusammenhalluziniert. Nach diesen Experimenten fragen wir uns zudem, welche Bedeutung das Display hat. Gut, es zeigt als Text das an, was die KI-Dame ohnehin vorspricht. Aber man hätte doch gern mehr Vorzüge gesehen. Also starten wir den Teleprompter. Den Text lädt man am Smartphone in der App hoch, und dann beginnen wir mit dem Vorlesen. Die Software erkennt, wie weit wir gekommen sind, und rollt die Zeilen passend zu unserem Lesetempo nach unten. Eine sehr überzeugende Vorstellung. Im nächsten Anlauf erproben wir den Übersetzer und schauen ein türkisches Video auf Youtube. Es funktioniert abermals beeindruckend gut, der Text wird auf dem Minidisplay eingeblendet. Auch bei der Navigation ist das Display ein Gewinn. Es blendet am unteren Rand permanent Anweisungen, die berechnete Ankunftszeit sowie eine sehr schematische Minikarte der Umgebung ein. Wie gesagt: nur monochrom, eher grobschlächtig, aber immerhin. Was mit schöner Regelmäßigkeit scheitert, sind unsere Bemühungen, Notizen mit der Brille zu erstellen. Wie bei anderen KI-Systemen kann man auch hier ganze Gespräche oder Besprechungen aufnehmen und zusammenfassen lassen, dafür gibt es allerdings bessere Speziallösungen, etwa von Plaud, die zudem deutlich günstiger sind. Werfen wir einen Blick auf die Hardware: Die Brille wiegt 49 Gramm, sie wirkt durch die breiten Stege etwas klobig, man fällt aber damit nicht unbedingt auf. Der rechte Steg ist ein berührungsempfindliches Touchpad, mit dem man einige Aktionen ausführen kann. Es gibt eine Taste an der Oberseite des Stegs, ihre Belegung lässt sich programmieren. Telefonate lassen sich mit der Brille auch führen, ebenso spricht sie eingehende Benachrichtigungen vor und zeigt Inhalte an. Die Akkulaufzeit gibt der Hersteller mit sechs Stunden an, zum Laden dient ein proprietärer Anschluss mit Pogo-Pins am hinteren Ende des Stegs. Wird aufgenommen, leuchtet ein LED-Licht neben dem linken Glas. Es ist nicht möglich, Korrekturgläser einzusetzen. Wer dergleichen sucht, werfe einen Blick auf die günstigeren Glasses Neo, die 450 Euro kosten und auf das Display verzichten. Insgesamt macht man mit den Rokid Glasses spannende Erfahrungen. Sie werfen einen Blick in die Zukunft. Die Kombination aus permanent verfügbarer KI und Audio-Ausgabe ist schon an und für sich spannend. Den übersetzenden Knopf im Ohr bekommt man jedoch mit manchen Ohrhörern günstiger. Dank der Anzeige in den Gläsern erweitern sich die Einsatzszenarien. Was die Rokid kann, ist erst ein Anfang, vieles funktioniert noch nicht. Aber die Spannungskurve steigt.