FAZ 08.05.2026
14:06 Uhr

Jugendliche sterben im Main: So betreut die Schule ihre Schüler nach dem Unfalltod


Bei einem Unfall in Frankfurt stürzen fünf Schüler in einem Auto in den Main, zwei sterben. Schock und Trauer erfassen eine ganze Schule. Extra dafür abgestellte Psychologen helfen bei der Bewältigung.

Jugendliche sterben im Main: So betreut die Schule ihre Schüler nach dem Unfalltod

Der Sturz eines mit fünf Mitschülern besetzten Autos in ein Becken des Frankfurter Osthafens am 24. April hat die Schulgemeinde der Frankfurter Carlo-Mierendorff-Schule erschüttert. Ein Oberstufenschüler der integrierten Gesamtschule kam bei dem Unfall ums Leben, eine Mitschülerin starb wenige Tage später im Krankenhaus. Drei weitere Schüler wurden teils schwer verletzt. Die Schulgemeinde wurde in den vergangenen zwei Wochen psychologisch betreut. Auf Anfrage der F.A.Z. erläutern zwei Schulpsychologen, wie ein solches Ereignis bewältigt werden kann. Anne Münch, die für die Schule zuständige Schulpsychologin, und Marco Vetter, Ansprechpartner für Krisenintervention im Staatlichen Schulamt, haben in den vergangenen zwei Wochen eng mit der Schulleitung, dem schulinternen Krisenteam sowie den Lehr- und Fachkräften zusammengearbeitet. Die Schulpsychologen waren schon am Montag nach dem Unfall im Einsatz. Schulleiterin Nicole Schiffer-Brams hatte, als sie am Wochenende von dem Unfall erfuhr, umgehend das Krisenteam des Staatlichen Schulamts aktiviert. Wichtig sei es in so einem Fall, das Schulsystem zu stabilisieren, teilen Münch und Vetter mit. Deshalb richtete sich ein Teil der schulpsychologischen Maßnahmen – Gesprächsangebote, Hinweise zum Umgang mit Trauernden und mit eigenen Belastungen – an die Erwachsenen, die den Schülern als verlässliche Anker Halt und Orientierung geben sollten: „Für die Stabilisierung des Gesamtsystems Schule war es entscheidend, dass Schulleitung sowie Lehr- und Fachkräfte handlungsfähig blieben.“ „Chill-out-Area“ und „Raum der Stille“ Die Schulpsychologen begleiteten die Schulleitung und das schulische Krisenteam, boten Einzel- und Gruppengespräche an. Sie berieten Lehrer, wie sie betroffene Schüler unterstützen können und wie sie mit Reaktionen der Schüler auf ein derart belastendes Lebensereignis umgehen. Besonders wichtig sei es, Personen mit hohem Unterstützungsbedarf zu identifizieren. Aber auch die Schüler standen gleichermaßen im Fokus: Es wurden Freiräume und Rückzugsorte geschaffen, an denen sie ihre Trauer ausdrücken konnten. Um den Leistungsdruck zu nehmen, wurden Klausuren verschoben. Die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler seien aber sehr unterschiedlich, sagen die Schulpsychologen Vetter und Münch. „Während für einige ein möglichst normaler Unterricht stabilisierend wirkte, suchten andere den Austausch mit Gleichaltrigen oder benötigten Bewegung.“ Deshalb wurde beispielsweise eine „Chill-out-Area“ im Schulgarten eingerichtet, ausgestattet mit Frisbees, Bällen und Picknickdecken und betreut von einem Erwachsenen. Andererseits hatte die Schulleitung schon am Wochenende nach dem Unfall einen „Raum der Stille“ eingerichtet, in dem sich Schüler zum Gedenken zurückziehen konnten. Hinzu kommen weitere Trauerorte auf dem Schulgelände, die die Schüler selbst eingerichtet haben, zum Teil mit persönlichen Erinnerungen, Stofftieren und Kerzen. Auch die Eltern wurden beraten und unterstützt „In dieser außergewöhnlichen Situation bot Schule so nicht nur Raum für gemeinsames Trauern, sondern auch ein Stück Normalität, das stabilisierend wirkte und die Bewältigung unterstützte“, sagen Münch und Vetter. Außerdem boten die Schulpsychologen Gespräche in geschützten Räumen an, die sich auch auf die Zukunft richteten. Für die Schüler bestand auch die Gelegenheit, den Eltern der betroffenen Jugendlichen einen Brief zu schreiben. „Ziel war es, individuelle Ressourcen zu aktivieren sowie Bewältigungsstrategien zu stärken oder zu vermitteln und damit Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.“ Außerdem sei darauf geachtet worden, beunruhigende Gefühle und Reaktionen für die Schüler verständlich einzuordnen. Die Kommunikation im Krisenfall schließe aber auch den Kontakt mit den Eltern ein. Es wurde ihnen geraten, offen und sachlich über die Todesfälle zu sprechen und ihre Kinder dabei zu unterstützen, schrittweise in den Alltag zurückzufinden – etwa durch Bewältigungsstrategien wie Sport oder Treffen mit Freunden. Es wurde ihnen aber auch empfohlen, bei Unsicherheiten oder Sorgen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Inzwischen sind fast zwei Wochen seit dem Unfall vergangen. Nun gehe es darum, die schulpsychologischen Angebote langsam und mit Bedacht zu reduzieren, um der Schule die schrittweise Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen. Rückblickend sagen Münch und Vetter, dass es nur durch das Zusammenwirken der gesamten Schulgemeinde gelingen kann, ein derartiges Krisenereignis zu bewältigen – von der Schulleitung über das Kollegium, Seelsorger und Schulsozialarbeiter bis zum Sekretariat. „In ihrem jeweiligen Aufgabenbereich übernahmen sie Verantwortung, griffen ineinander und schufen ein tragfähiges Unterstützungsnetz.“ Der Elternbeirat der Schule ist mit dem Einsatz des schulpsychologischen Krisenteams zufrieden: „Der Einsatz war in seiner Form wünschenswert und insgesamt angemessen“, sagt Corinna Lapp, Vorsitzende des Schulelternbeirats. Viele Schüler hätten sich gut aufgehoben gefühlt. Die Schulleitung habe inzwischen nach Beratung mit den Schulpsychologen entschieden, dass die Trauerorte auf dem Schulgelände noch einige Tage erhalten bleiben, dann aber wieder aufgelöst werden sollen. Das solle der gesamten Schule die Rückkehr in den Alltag erleichtern.