Der Täter ist 18 Jahre alt. Die Fingernägel sind gefeilt, die Augenbrauen frisiert, die Haare glatt nach hinten zu einem Zopf gebunden. Helle Augen unter schwarzen dichten Wimpern, volle Lippen. Er ist nicht groß, aber muskulös. Die blaue Trainingsjacke von Paris Saint-Germain spannt an den Oberarmen. Und doch sitzt er eher gedrungen da. Sitzt an einem Tisch, in einem Büro. Er muss hier sitzen, das Gericht hat es so beschlossen. Aber er will auch hier sitzen. Der Täter soll und will lernen, seine Aggressionen zu kontrollieren. Mit 14 lief gegen ihn das erste Strafverfahren wegen Körperverletzung, vorher ist man in Deutschland ohnehin nicht strafmündig. Damals wurde von einer Strafverfolgung abgesehen. Er klaute dann aber auch, wurde erwischt, erhielt vom Gericht Sozialstunden. Bei diesen tauchte er bald nicht mehr auf und musste deshalb zwei Wochen in den Jugendarrest. Und eines Tages schlug er wieder zu. Dieses Mal verurteilte ihn die Richterin zu sechs Monaten Jugendstrafe auf Bewährung und ordnete ein Anti-Gewalt-Training an. Einzelgespräche, 14 mal 90 Minuten, wöchentlich. Heute ist der Täter zum zwölften Mal da. Der Pädagoge sitzt seitlich neben ihm am Tisch. Groß ist er, tätowiert, nicht mehr jung, aber jung geblieben, mit einer Pädagogenstimme wie aus dem Bilderbuch, gedehnt, dunkel und sonor, nicht vorn an den Lippen gebildet, sondern eher hinten im Kehlkopf. Er will heute über Werte reden. „Weißt du, was Werte sind?“, fragt er. „Ja.“ „Wie würdest du es erklären?“ „Jeder Mensch hat einen Wert. Wenn du ein Mörder bist, wenn dir das Spaß macht, Menschen umzubringen, dann hast du keinen Wert für mich“, sagt der Täter mit einer festen Stimme. Er hat nicht lange überlegt, er ist sich seiner Sache sicher. Dann schaut er den Pädagogen an. Und fügt plötzlich hinzu: „Oder?“ Es ist eine andere Stimme, wie ausgewechselt, viel höher. Er wirkt auf einmal nicht mehr selbstgewiss, sondern wie ein junger Mensch, der bei einem älteren Orientierung, vielleicht auch Anerkennung sucht. Das wird im Laufe dieses Trainings immer wieder passieren. Mit einem Mal schrumpft seine Stimme, sein Körper, mit einem Mal schrumpft der ganze junge Mann. Als ob man ihm die Luft rauslässt. „Kann man das so sagen? Ich weiß nicht“, sagt er. Pause, nun wieder fest und tiefer: „Also ich denke, jeder Mensch hat einen Wert. Und jede Sache hat einen Wert, zum Beispiel ein Haus, das hat einen Wert.“ Pause. Und abermals: „Ist das richtig?“ Hier sitzt jemand, der keine Fehler machen möchte. Und doch immer wieder welche macht. Aus einem Stapel Karten soll er nun Werte aussuchen. Fünf wichtige und fünf wichtigste. Der Täter legt schon die ersten Karten vor sich auf den Tisch, aber der Pädagoge sagt: „Du hast doch noch gar nicht alle durchgeschaut! Guck dir alle durch. Das ist zum Beispiel auch noch Liebe dabei.“ „Ja, aber Liebe habe ich gerade nicht“, sagt der Täter. Er wählt die für ihn wichtigen: Selbstbewusstsein, Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung, Verständnis, Respekt. Die Wichtigsten sind: Gesundheit, Familie, Freiheit, Fitness, Dankbarkeit. „Es ist dir scheißegal, was deine Kollegen von dir denken?“ Der Pädagoge und er gehen nun jeden dieser Werte durch. „Hast du Selbstbewusstsein?“ „Ja.“ „Ja, ich denke auch.“ „Aber damals hatte ich es nicht.“ „Wann?“ „Das war schon länger her. In der Grundschule habe ich es nicht so mitbekommen. Als ich klein war, da war ich glücklich. Da hatte ich keine Probleme. Das hat in der Realschule angefangen. Mir war wichtig, was die anderen über mich denken, was ich sagen soll oder so. Mittlerweile ist mein Selbstbewusstsein aber komplett oben. Ist komplett oben, ja.“ „Es gab also eine Zeit, wo du dich angezweifelt hast oder Sachen gemacht hast, die falsch waren, um anzukommen oder größer zu werden?“ „Genau. Aber jetzt nicht mehr. Das habe ich mir erarbeitet, muss ich sagen. Das war nicht so einfach.“ „Wie hast du das gemacht?“ „Sport auf jeden Fall. Und Ernährung. Was mich selbstbewusst macht, ist die Selbstbewusstheit irgendwie. Weil ich mit dem Gewissen rausgehe, es ist mir scheißegal, was jemand von mir denkt, trotz all dem Respekt und so alles.“ „Es ist dir scheißegal, was deine Kollegen von dir denken?“, fragt der Pädagoge laut. Es klingt beinahe spöttisch. „Das glaube ich nicht. Da hab ich aber einen ganz anderen Eindruck.“ An den Opfern das eigene Selbstbewusstsein stärken Der Pädagoge nennt das, was er macht: auf Augenhöhe reden. Er lässt sich nicht mit Phrasen abspeisen, er gibt immer auch Kontra. Das wirkt manchmal sehr hart, gerade weil der Täter zwischenzeitlich so verletzlich wirkt. Aber so, vielleicht nur so, kommt er an den Menschen hinter den Phrasen und Muskeln heran. Der Pädagoge arbeitet seit 25 Jahren in der Jugendhilfe. Nicht alle Jugendlichen seien wie dieser Täter hier, hatte er schon im Vorgespräch gesagt. Manche kämen gar nicht zur Verhandlung, sagten nichts über sich, nichts über die Tat. Das mache eine pädagogische Arbeit schwer. Das klassische Klientel im Anti-Gewalt-Training, sagt er, seien mehrfach auffällige Gewaltstraftäter, die Freundlichkeit als Schwäche sehen. Die an ihren Opfern ihr Selbstbewusstsein stärken und die mitunter brutal und übermachtvoll agieren. Die über die Grenzen hinaus draufhauen, auch mit Waffen und immer wieder. Die Täter sind einzeln unterwegs, zu zweit oder in Gruppen. Es sind auch Migranten. Aber der Pädagoge sieht das Problem nicht in der Herkunft, sondern in dem, was aus einer fremden Herkunft folgen kann, und was es genauso auch bei deutschen Gewalttätern gibt: Frust, weil der gewünschte Erfolg und die erhoffte Anerkennung ausbleiben. Weil vielleicht die Schule nicht so läuft, wie man sich das vorgestellt hat. Und weil keine Eltern da sind, die unterstützen könnten. Es geht um den Umgang mit Gefühlen wie Traurigkeit, Wut, Hilflosigkeit, Unzufriedenheit. Verstehen, aber nicht einverstanden sein Mittlerweile ist der Täter bei „Verständnis“ angekommen. Das ist ihm wichtig. Aber bei „negativen Sachen“, erklärt er wieder, brauche man kein Verständnis zu haben. Der Pädagoge konfrontiert ihn: „Häh, wie meinst du das jetzt? Bei guten Sachen hast du Verständnis, aber bei schlechten brauchst du keins haben?“ „Nein, ich mein, wie soll ich das erklären . . . Zum Beispiel wenn jemand eine Frau vergewaltigt hat, dann habe ich kein Verständnis dafür.“ „Und wenn jemand ne Frau geschubst hat, und sie ist hingefallen?“ „Nein, da habe ich kein Verständnis.“ Der Pädagoge schaut ihn durchdringend an. „Hast du nicht geschubst?“ „Ja klar, das war ein Fehler.“ „Und du hast kein Verständnis dafür?“ „Nee, oder vielleicht verstehe ich das Wort gerade nicht.“ Er schlingert nun und wird sehr unruhig. Man sieht ihm an, dass er die richtige Antwort geben will. Aber er weiß sie nicht. „Ist das falsch, was ich sage? Ich fühle mich gerade voll . . .“ „Es ist ein schwieriges Wort, deshalb habe ich gefragt, wie du es meinst. Niemand hat Verständnis dafür, wenn jemand andere Menschen verletzt. Aber selber haben wir schon alle Mist gebaut, du auch, sonst wärst du nicht hier. Das Anti-Gewalt-Training ist auch dazu da, um zu verstehen, warum du damals Straftaten begangen hast. Und gleichzeitig kann man sagen: ,Verstehen, aber nicht einverstanden sein.‘“ „Ja, jetzt verstehe ich das“, sagt der Täter und schaut auf den Tisch. Es wirkt wieder wie eine Phrase. Wie eine Art Geschenk an den Pädagogen, der sich so viel Mühe mit der Erklärung gegeben hat und den er nicht enttäuschen will. Der Pädagoge blättert in seinen Unterlagen. „Wir haben uns letztes Mal unterhalten über ein Gespräch mit deinen Eltern. Die Stimmung, hast du gesagt, war sehr hochgekocht. Und dann habe ich dich gefragt: ,Was hat dir eigentlich gefehlt von deinem Vater?‘ Und da hast du gesagt: Verständnis.“ „Echt? Habe ich das gesagt?“ „Ich hab’s mir aufgeschrieben, ja. ,Ihm fehlt das Verständnis.‘ Ich weiß, was du meinst. Dass er nämlich mal versteht, wie du es siehst, wie du es denkst! Auch wenn er nicht einverstanden ist, aber dass er mal versteht, dass du etwas anderes willst.“ „Genau, Einverstandensein ist was anderes!“, sagt der Täter, und nun hat er etwas verstanden, das sieht man. Die 14 Anti-Gewalt-Trainingsstunden haben unterschiedliche Themen. Über einen Fragebogen wird zu Beginn eine Art Persönlichkeitsprofil erstellt, wie jemand auf Stress reagiert oder ob er ein soziales Netz hat. Es wird auch viel über Biographie gesprochen. Wie ist er aufgewachsen? Wo war er selber Opfer von Gewalt, wann hat er das erste Mal selber zugeschlagen? Außerdem wird ausgiebig über die begangene Straftat gesprochen. Wie ist sie passiert? Was bedeutet sie für die Opfer, für alle Beteiligten, auch die Eltern der Opfer, Freunde, für die eigenen Eltern? Schließlich wird auf die Stärken und Ressourcen der Täter geblickt, und auf ihre bisherigen Erfolge, auf die sie aufbauen können. Manche Jugendliche sitzen dann allerdings da und sagen: Ich hab noch gar nichts, worauf ich stolz bin. Der Pädagoge hilft ihnen dann, gemeinsam eine „Stolzliste“ zu erstellen. „Da war ich sehr glücklich“ Der Täter ist mittlerweile beim vorletzten Wert angekommen. Freiheit. „Freiheit ist so unbeschreiblich“, ruft er. „Zum Beispiel . . .“ Er denkt länger nach. Er lächelt. „Gestern war ich draußen in der Natur. Es gibt da einen Sportpark, im Grünen, fast alles nur Bäume. Dann kam so ein Wind, so ein kalter Wind, und es war wunderschönes Wetter. Und da habe ich so eingeatmet und habe eigentlich so gedacht, was Freiheit eigentlich ist. Wie krass es eigentlich ist, wenn du frei bist.“ Und er setzt hinzu, stolz, aber auch ein wenig ängstlich, vielleicht weil er gerade hier nicht missverstanden werden möchte: „Allein, ich allein habe das gestern gedacht! Da war ich sehr glücklich.“ Es ist einer der Momente im Gespräch, in denen der Täter ganz bei sich ist. Bei sich und etwas Schönem, nicht bei seinen Problemen. Und gleichzeitig wird klar, wie weit seine Werte und sein Handeln auseinanderliegen. Denn der Täter, dieser Mensch, den ein kalter Wind im Frühling frei und glücklich macht, hat auch Folgendes getan: An einem ganz normalen Mittag läuft er zufällig seiner Ex-Freundin über den Weg, mit der er nach eigenen Angaben noch was am Laufen hat. Sie ist in Begleitung von zwei anderen Jungs. Er geht sie sofort an, beleidigt sie als „Schlampe“ und die Jungs als „Bastarde“. Er schubst das Mädchen, aber wird von Passanten zurückgehalten. „Wir sehen uns noch mal, und dann ficke ich euch, ihr Wichser“, schreit er, dreht um und will sich entfernen. Aber einer der beiden Jungs sagt noch etwas: „Lass gut sein jetzt.“ Und nun rastet er komplett aus. Er rennt zurück und schlägt dem einen mit der Faust ins Gesicht. Hört nicht auf zu prügeln, bis die Polizei eingreift. „Es fällt mir sehr schwer, über meine Probleme zu reden“ Der Pädagoge sagt nun: „Was du sagst, hat auch etwas mit Dankbarkeit zu tun.“ „Ja“, sagt der Täter. „Ich habe ja Depressionen, und wenn die anfangen, versuche ich das zu verdrängen, indem ich denke, wäre ich jetzt im Knast oder hätte kein Bein oder so was, dann hätte ich noch weniger Freiheit. Und das stärkt mich wieder.“ Über seine Depressionen redet der Täter später noch mehr. „Ekelhaft“ nennt er sie. Sie kamen etwa zur selben Zeit wie die erste Anzeige gegen ihn, und sie blieben. Vor allem wenn es abends oder nachts wird, wenn er allein ist, im Winter. Er sagt, er wünscht sich sehr, dass sie weggehen. „Aber es geht nicht.“ Ohne den Sport, sagt er, würde es ihm so grottenschlecht gehen, er würde „die ganze Zeit daheim rumheulen in meinem Bett“. Der Pädagoge sagt: „Du hast daneben aber auch viele Stärken, die das ausgleichen können. Du hast Strategien wie den Sport, durch die es dir ganz gut gelingt, dein Leben zu leben mit dem Problem.“ „Ja, es ist Teil meines Lebens.“ „Aber eines machst du nicht, was wichtig wäre.“ „Jobsuche!“, er grinst den Pädagogen breit an, den „besten Mann“, wie er ihn nennt. Man merkt, dass sie gut miteinander auskommen. „Nein. Ich meine etwas anderes. Du redest mit niemandem darüber.“ „Ja . . . Ich kann nicht.“ „Bei Depressionen ist es gut, wenn man mit jemandem darüber redet. Mit Freunden, Familie oder auch mit einem Therapeuten, um Sorgen zu teilen, um Schwäche zu teilen.“ „Ich sag Ihnen ehrlich, das fällt mir sehr schwer, über meine Probleme zu reden. Ich kann das nicht. Auch nicht, als ich eine Freundin hatte. Auch nicht mit meiner Mutter. Deswegen fress ich das eher so immer in mich rein. Und dann kommt das irgendwann hoch alles, und ich lasse das bei irgendjemanden raus.“ Als Kind, das erzählt er später, wurde er selbst geschlagen. „Sehr oft. Sehr, sehr oft.“ Am Ende dieser Anti-Gewalt-Trainingsstunde kann der Täter sich nicht mehr konzentrieren. „Es war heute intensiv“, sagt der Pädagoge. Der Täter nickt: „Aber ich fand, es war ein gutes Gespräch.“ Es sind wahrscheinlich anstrengende Stunden für ihn. 90 Minuten steht er im Mittelpunkt, schonungslos. Seit seiner Verurteilung hat er nicht mehr zugeschlagen. Er hat sich „gut entwickelt“, findet er. Wie hoch schätzt er seine Rückfallquote ein?, fragt der Pädagoge. „Sie haben jetzt aber kein schlechtes Bild von mir?“, fragt der Täter. Nein, sagt der Pädagoge. „Vier Prozent.“ Der Pädagoge ist froh. Wenn einer null sagt, macht er sich mehr Sorgen. Das Gespräch ist zu Ende. Der Täter steht auf und schaut mich an, erleichtert, grinsend. „Und, wie fanden Sie es? Wie kam ich so rüber? Gut oder schlecht?“, fragt er. Ich denke darüber nach, was er selbst über sich sagte, als er über Selbstbeherrschung sprach. Der Pädagoge fragte ihn: „Liegt Selbstbeherrschung im Wollen oder im Können? Wie ist das bei dir? Wolltest du dich nicht beherrschen oder konntest du dich nicht beherrschen?“ Der Täter sagte, zögernd: „Ich konnte nicht.“ Pause. „Weil ich ein guter Mensch bin. Eigentlich.“
