Die Frage ist ihm gefühlt schon tausendmal gestellt worden. Und Joshua Kimmich hat nicht nur gefühlt schon tausendmal dieselbe Antwort gegeben. Doch er hat einen Grund geliefert, die Frage nun das tausendunderste Mal zu stellen. Es ist Dienstagmittag in Herzogenaurach, wo die deutsche Fußballnationalmannschaft sich drei Monate vor der Weltmeisterschaft auf die Testspiele gegen die Schweiz (am Freitag in Basel, 20:45 Uhr, RTL) und gegen Ghana (am Montag in Stuttgart, 20:45, ARD) vorbereitet. Draußen scheint die Sonne. Drinnen sitzt Kimmich, der Kapitän, der strahlen könnte, weil seine Klubmannschaft, der FC Bayern München, in dieser Saison manchmal wie von einem anderen Stern spielt. Doch Kimmich und die Nationalmannschaft, das ist auch im zehnten Jahr eine Geschichte, die weder funkelt noch glitzert. Die Ergebnisse: EM-Halbfinale 2016, WM-Vorrunde 2018, EM-Achtelfinale 2021, WM-Vorrunde 2022, EM-Viertelfinale 2024. Und drei Monate vor seiner dritten Weltmeisterschaft kann man schon sagen, dass es auch in diesem Sommer einen Unterschied zwischen dem Bayern- und dem Bundes-Kimmich geben wird: in der einen Mannschaft darf er Mittelfeldspieler, in der anderen muss er Rechtsverteidiger sein. „Ich glaube, dass es uns hilft“ „Ja, dabei bleibt es“ – so hat Bundestrainer Julian Nagelsmann geantwortet, als er kürzlich im „Kicker“-Interview nach der Rolle Kimmichs als Rechtsverteidiger gefragt worden ist. Und Kimmich, dieser superloyale Spieler, der immer geantwortet hat, dass er da spielt, wo der Trainer ihn aufstellt, wird dem Trainer auch dieses Mal nicht widersprechen. Doch als er am Sonntag in seiner Heimatstadt Rottweil mit dem SWR gesprochen hat, hat er mit einem Satz den Grund für die Frage geliefert: „Ich glaube tatsächlich, dass es uns hilft bei der Nationalmannschaft, wenn wir auch viele Spieler von Bayern München auf dem Platz haben, weil wir natürlich eingespielt sind, weil wir jeden Tag miteinander trainieren, gewisse Prinzipien und Automatismen auch drin haben.“ In München spielt Kimmich im Mittelfeld meistens mit Aleksandar Pavlović an seiner Seite. Und die Prinzipien und Automatismen dort sind so gut, dass die Mannschaft in dieser Saison erst einmal verloren hat, wenn Kimmich und Pavlović gemeinsam gespielt haben. Das war im November. Der Gegner: Der FC Arsenal, die damals wohl beste Fußballmannschaft der Welt. Also, Frage an Kimmich, zum tausendersten Mal: Wenn gewisse Prinzipien und Automatismen so wertvoll sind, hätte es dann nicht auch einen gewissen Wert, wenn Pavlović und er auch in der Nationalmannschaft nebeneinander spielen würden? Kimmichs erster Beitrag zum großen Ganzen: Andere starkreden „Generell“, sagt er, „haben wir hier ein bisschen eine andere Grundordnung, gerade auf der Doppelsechs. Wenn man das beobachtet hat in den letzten Spielen, als Pavlo und Leon [Goretzka; d. Red.] da zusammengespielt haben, ist Leon eher mit Ball in die Position des Zehners gerutscht, da ist bei uns bei Bayern ein bisschen anders. Dementsprechend hat das hier nicht so die große Relevanz. Egal, ob ich auf der Sechs oder rechts hinten spiele, bin ich davon überzeugt, dass ich trotzdem meine Qualitäten und Stärken einbringen kann.“ Als er direkt danach gefragt wird, ob wegen der kurzfristigen Ausfälle der Mittelfeldspieler Pavlović (Hüftverletzung) und Felix Nmecha (Knieverletzung) auch kurzfristig darüber nachgedacht werde, ihn doch im Mittelfeld aufzustellen, antwortet Kimmich mit einem Wort: „Nein!“ Das sagt Kimmich über sich. Ansonsten spricht der Kapitän an diesem Mittag meistens über alle. Er sieht in den nächsten Spielen nämlich die große Chance, „mit einer gewissen Herangehensweise [...] nochmal ein Stück weit zusammenzuwachsen“. Und weil er diese große Chance sieht, erwartet er, dass auch alle anderen sich dem „großen Ganzen“ hingeben. Sein erster Beitrag zum großen Ganzen scheint darin zu bestehen, andere starkzureden. Der Weg zum besten Team der Welt Angelo Stiller aus Stuttgart, der nur wegen der Verletzung von Pavlović nachnominiert wurde? „Ein Spieler, der in einer sehr guten Form ist, der sehr gute Spiele gezeigt hat, der einen großen Anteil daran hat, dass der VfB momentan in einer guten Verfassung ist.“ Lennart Karl aus München, der zum ersten Mal dabei sein darf? „Er ist einer, der aufs Feld geht und sehr, sehr mutig ist. Das ist was, was ich als Mitspieler liebe, wenn junge Spieler kommen und mutig sind, wenn sie sich was zutrauen.“ Antonio Rüdiger aus Madrid, der in Deutschland mit der Frage konfrontiert wurde, ob er sich nicht besser unter Kontrolle haben müsse? „Ich habe manchmal das Gefühl, wir in Deutschland vergessen, was der Toni die letzten drei, vier Jahre abgeliefert hat. Er ist bei Real Madrid unumstrittener Stammspieler, er ist jedes Jahr in der Champions League im Viertelfinale, Halbfinale. Davon haben wir nicht viele Spieler […). Der Toni ist immer ein Spieler, auf den man sich verlassen kann.“ Am Ende wird Kimmich dann noch mit der Aussage des Bundestrainers konfrontiert, dass die deutsche Mannschaft einen guten, aber nicht den besten Kader habe. Als er darauf antwortet, merkt man, dass Kimmich, der Nationalspieler, ein Spieler ist, der auf schmerzvolle Art lernen musste, worauf es wirklich ankommt. Er erinnert daran, dass die Deutschen 2018 „den besten Kader der Welt“ gehabt hätten, aber „wir wissen alle, wohin es uns geführt hat“. Und so sagt er: „Dementsprechend ist es nicht wichtig, den besten Kader der Welt zu haben, sondern am Ende das beste Team der Welt zu haben.“ Es wird für das deutsche Team schwierig, das beste der Welt zu werden. Ohne den besten Kimmich dürfte das kaum möglich sein. Aber der beste Kimmich allein wird dafür nicht reichen.
