An der Aussprache hat Jonas Kaufmann lange gefeilt. „O Gott, o Gott, ist das Ungarische schwer“, gibt der Tenor ohne Zögern zu. „Es ist so anders, und man muss wahnsinnig aufpassen, die Aussprache nicht zu verdeutschen.“ Vor Kurzem hat Kaufmann ein Album mit Ausschnitten aus Operetten aufgenommen, darunter Nummern wie „Die Juliska aus Budapest“ aus Fred Raymonds „Maske in Blau“ oder Klassiker von Emmerich Kálmán, aus der „Gräfin Mariza“ etwa. Einen Teil hat er in ungarischer Originalsprache eingespielt. Mit einer der bekanntesten Nummern Kálmáns, „Grüß mir mein Wien“, hätte sich Kaufmann nämlich fast einmal in die Nesseln gesetzt, als er sie ausgerechnet in Budapest als Zugabe in deutscher Übersetzung präsentieren wollte. Denn im ungarischen Originaltext stammen die im Lied besungenen Damen gar nicht aus Wien, sondern aus Pest, einem Teil der heutigen Hauptstadt. Das habe ihm, verrät er, zum Glück noch jemand rechtzeitig gesagt und er habe daraufhin den originalen Text gesungen. Auf philologische Genauigkeit hat Kaufmann auch jetzt geachtet: „Wir waren in Archiven, in der ungarischen Nationalbibliothek, und ich wollte das Album unbedingt in Budapest aufnehmen.“ In diesen Tagen geht er mit dem Programm, das die späte Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie Revue passieren lässt, auf Tournee, begleitet von der Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder. Am 9. Mai sind sie im Rahmen der Pro-Arte-Konzerte in der Alten Oper Frankfurt zu Gast. Dass das heutige Ungarnbild von der soeben abgewählten autoritären Orbán-Regierung geprägt ist, weiß Kaufmann natürlich. „Ungarn war vor 100 Jahren, zur Zeit der Kompositionen, ein Sehnsuchtsland, und das wird mit der Musik wieder lebendig“. Nicht zuletzt gehe es ihm darum, Musik anzubieten, mit der man manche Probleme für einen Moment vergessen könne. Keine Zweifel hat Kaufmann am Erfolg der potpourriartigen Programmfolge, in der nur Ausschnitte aus Bühnenwerken erklingen, teils im Duett mit der schwedischen Sopranistin Malin Byström: „Es ist schon unglaublich, was Musik in wenigen Sekunden machen kann. Schon in der Orchestereinleitung, noch bevor der Sänger den Mund aufmacht, ist die Stimmung da. Operette ist in ihren Emotionen so klar, dass man auch ohne Text die Situation erfassen kann, und sei es nur durch einen Wechsel von Dur und Moll.“ „Etwas fürs Herz, etwas für den Verstand“ Für den 1969 in München geborenen Tenor, der sein Debüt bei den Salzburger Festspielen 2003 und drei Jahre später an der New Yorker Metropolitan Opera gab, ist die Frage, warum er nicht nur Opern singt, ganz leicht zu beantworten: „Alle Großen haben Operette gemacht. Das gehört dazu.“ Wenn große Opernhäuser heute Operetten spielten, wollten sie und ihre Dramaturgen es freilich manchmal „ganz besonders schlau“ angehen. Dabei biete ein idealer Spielplan „etwas fürs Herz, etwas für den Verstand“, so Kaufmann: „Ich glaube, auch an den großen Opernhäusern hätten die Beteiligten Spaß daran.“ Kaufmann selbst ist seit zwei Jahren Intendant der Tiroler Festspiele Erl, als Nachfolger des Frankfurter Opernintendanten Bernd Loebe, der die Festspiele zuvor sechs Jahre lang parallel zu seiner Frankfurter Tätigkeit geleitet hat. „Ich kann mir vorstellen, dass wir in Erl eines Tages Operette machen, aber in erster Linie ist es doch ein Wagner-Haus“, sagt der Nachfolger. Er habe dort 2024 gewachsene Strukturen übernommen, aber auch einige Neuerungen eingeführt, „zeitgenössische Musik, zeitgenössische Regie, die Hand und Fuß hat“, so Kaufmann. Als Sänger tritt Kaufmann, der kürzlich an der Wiener Staatsoper die Partie des Eisenstein in der Operette „Die Fledermaus“ gesungen hat, in Erl gelegentlich auf. Im Frühjahr 2027 wird er dort wieder die Titelpartie in Richard Wagners „Parsifal“ übernehmen. Die Anforderungen, die Operette an einen Sänger stelle, seien aber mitunter umfangreicher als die für die Oper: „Das Genre verlangt neben glaubhaftem Schauspiel und guter Dialogsprache auch ein Beherrschen der Stimme in allen Registern und Lautstärken; das bringt man als ganz junger Sänger noch nicht mit.“ Außerdem könne er, wenn die Texte manchmal etwas staubig klingen, das mit seiner Bühnenerfahrung wettmachen, „charmant, mit einem Augenzwinkern“. „Magische Töne“, der Titel des Albums und der Tournee, bezieht sich auf die gleichnamige Arie aus Karl Goldmarks Oper „Die Königin von Saba“, passt aber auch zur weit gefassten Auswahl der Musik aus Österreich-Ungarn. So offen wie möglich habe er sein wollen, sagt Kaufmann. Also sind „Exoten“ wie der ungarische Operettenkomponist Jenő Huszka darunter, auch ein Ausschnitt aus Ferenc Erkels Oper „Bánk bán“. „Manche Komponisten wären bestimmt bekannter, wenn sie bessere Textdichter gehabt hätten“, behauptet Kaufmann. Und wenn sich der Frauenname Juliska auf „ein Herz aus Paprika“ reimt, dann wird Jonas Kaufmann, ganz gewiss, auch dafür ein Augenzwinkern parat haben. Jonas Kaufmann singt am 9. Mai 2026 um 20 Uhr in der Alten Oper Frankfurt.
