FAZ 25.03.2026
15:20 Uhr

Israels Botschafter: Meine Antwort auf Bundespräsident Steinmeier


Iran ist nicht weit weg. Die Mullahs sind längst Teil des Krieges in Europa. Sie bedrohen uns alle. Es geht darum, das Richtige zu tun, nicht bloß zu wollen.

Israels Botschafter: Meine Antwort auf Bundespräsident Steinmeier

Im Weltsaal des Auswärtigen Amtes wurde gefeiert: 75 Jahre deutsche Diplomatie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt eine Rede, wie man sie kennt: staatstragend und voller guter Absichten. Er sprach von „außenpolitischer Klugheit“ und warnte davor, die Diplomatie als „lahmen Arm“ zu sehen. Ich respektiere den Bundespräsidenten. Er ist ein wichtiger Mahner. Für das Auswärtige Amt war es auch eine Zeitreise, in Denkmuster des alten Europas. Und da muss ich mir und meinem Berufsstand selbstkritisch an die eigene Nase fassen. Diplomaten lieben das Wort „Dialog“. Es klingt so friedlich: Wenn man nur lange genug miteinander spricht, wird am Ende alles gut. Das ist ein schöner Gedanke. Er hat nur einen Haken: Er funktioniert nicht bei Leuten, die gar nicht reden wollen – außer, um Zeit zu gewinnen, um die Raketen zu betanken. Die Illusionen schmerzlich vor Augen geführt Seien wir ehrlich: Sowohl Israel als auch Deutschland haben sich in der Außenpolitik schon oft geirrt. Man glaubte, mit jedem reden zu können. „Wandel durch Handel“ – und der Frieden kommt von allein. Doch der 7. Oktober 2023 hat den Israelis ihre Illusionen schmerzhaft vor Augen geführt. Die Europäer haben ein Jahr zuvor, im Februar 2022, eine ähnliche Erfahrung gemacht. Der Schock war riesig, als die Panzer auf Kiew rollten. In Deutschland nennt man diesen Moment die „Zeitenwende“. Doch während man in Europa noch die Wunden aus dem Ukraine-Krieg leckt, droht man beim Iran, die Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen. Was Steinmeier unterschlägt Steinmeier erwähnte auch das Atomabkommen JCPOA mit dem Iran aus dem Jahr 2015. Er bedauert, dass es gescheitert ist. Er glaubt, es hätte einen Krieg verhindert. Viele Diplomaten in Europa denken so wie er. Sie hielten dieses Abkommen für einen Erfolg der Vernunft. Bei dieser Version der Geschichte wird jedoch unterschlagen, dass das Abkommen nur möglich war, weil man vor dem Raketen- und Drohnenprogramm und der Unterstützung von Terror-Proxies wie der Hisbollah und den Huthis die Augen verschlossen hat. Die Golfstaaten, die nun täglich mit Raketen und Drohnen angegriffen werden, zahlen den Preis für dieses Versäumnis. Die Unterwanderung des Iraks, des Libanon und des Jemen durch iranische Terror-Gruppen ist ein weiterer Kollateralschaden des JCPOA. Dass die Mullahs auf eine Eskalation zu ihren Bedingungen hingearbeitet haben, haben sie immer wieder bewiesen. Gerade beim „zivilen Atomprogramm“. Irans Atomprogramm dient nicht der Energieerzeugung Der Iran sitzt auf riesigen Gas- und Ölfeldern. Die Sonne brennt dort heiß genug für jede Menge Solarenergie. Trotzdem leidet das Land unter einer Energiekrise. Warum? Weil das Atomprogramm keine Kilowattstunden liefern soll, sondern die Bombe. Die Mullahs tragen für all dies die Verantwortung. Doch auch diejenigen, die die Absichten der Mullahs in der Vergangenheit ignoriert oder beschönigt haben, müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Wer glaubt, der Iran sei weit weg, der irrt sich gewaltig. Die Mullahs sind längst Teil des Krieges in Europa. Ihre Drohnen fallen auf ukrainische Städte und töten Zivilisten. Die Mullahs unterstützen Putin und Putin unterstützt die Mullahs. Und während man in Berlin über Diplomatie philosophiert, baut Teheran ballistische Raketen, die auch auf europäische Hauptstädte zielen - ihre Terrorzellen sind dort längst aktiv. Sondern der Atombombe Wir können es uns nicht leisten, auf den nächsten „Schock“ zu warten. Ein Iran mit der Atombombe ist keine theoretische Debatte. Es ist eine existenzielle Gefahr. Und zwar nicht nur für uns. Wenn Teheran die Bombe hat, wird die Welt eine andere sein. Dann helfen keine diplomatischen „Sprechzettel“ mehr. Der Bundespräsident sagt, militärische Stärke und Klugheit gehören zusammen. Aber Stärke muss glaubwürdig sein. Nur so kann sie ihre Wirkung entfalten, nur so wird der Gegner überhaupt zuhören. „Manche halten den Hinweis auf das Völkerrecht für naiv“, sagt der Bundespräsident. Nein, das Völkerrecht ist wichtig. Steinmeiers Auslegung läuft jedoch darauf hinaus, nicht nur Israels Recht, sondern im Fall der Fälle auch Deutschlands Fähigkeit zur Selbstverteidigung zu unterbinden. Die Achse Moskau-Teheran Das wäre ein Traum für die Achse Moskau–Teheran: Unter dem Schirm des Völkerrechts können sie unsere Länder bedrohen, ohne je selbst Konsequenzen zu fürchten. Die eigene Entwaffnung und die selbstgewählte Schwäche zur Tugend zu erklären, ist gefährlich. Adlai Stevenson, ehemaliger US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, brachte diese Haltung auf den Punkt: „Macht korrumpiert, aber Machtlosigkeit korrumpiert absolut.“ Deutschland möchte das Rückgrat der europäischen Verteidigung sein. Das ist ein großes Ziel, bei dem Israel seinen wichtigsten Partner in Europa gerne tatkräftig unterstützt. Dazu gehört jedoch auch, die Realität so zu sehen, wie sie ist, und nicht, wie man sie sich wünscht. Wir müssen aufhören, in alten Schablonen zu denken. Klugheit bedeutet heute, den Mut zu haben, das Richtige zu tun, statt nur das Richtige zu wollen.