Linus Straßer ist eigentlich einer, der etwas zu sagen hat. Bei den Olympischen Spielen im Februar erhielten seine Worte große Aufmerksamkeit. In einem ZDF-Interview sprach der Skirennläufer darüber, wie enttäuscht er sei, dass er nach den Rennen in Bormio kaum mit Fans und seiner Familie in Kontakt kommen konnte. Keine Nähe, wenig Emotionen, absolut steril seien die Wettkämpfe gewesen. Das, erklärte er später, habe er nicht aus Frust über sein Ergebnis gesagt, sondern weil er überzeugt sei, dass Sportler auch mal den Mund aufmachen müssten. „Das ist leider Schleichwerbung“ Beim Weltcup-Finale der Skirennläufer am Dienstag hätte Linus Straßer sicher auch gerne seinen Mund aufgemacht. Er hätte bestimmt viel zu sagen gehabt über seine zurückliegende Saison. Das aber bekamen Fernsehzuschauer nicht zu hören, weil das ZDF ihn diesmal nicht interviewte. Moderatorin Amelie Stiefvatter begründete das live im Fernsehen so: „Wir hätten sehr gern ein Interview mit Linus Straßer geführt, doch er wollte unbedingt, dass sein Flaschensponsor im Bild zu sehen ist. Das ist leider Schleichwerbung und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verboten. Dementsprechend kam das Interview nicht zustande.“ Das ist schade. Aber man kann beide Seiten verstehen. Es ist schon manchmal grotesk, wenn Sportlerinnen und Sportler, vor allem im Wintersport, in voller Montur zum Interview kommen – mit Ski, Stöcken, Schals, Mützen oder Stirnbändern, Handschuhen, Sonnenbrille auf dem Kopf, um möglichst viele Sponsorennamen im Fernsehen zu präsentieren. Neben dem Behördensold und möglichen Preisgeldern sind die Zuwendungen der Sponsoren aber nun einmal ihre Haupteinkünfte. Wie wäre es mit einer Bewerbungsmappe unter dem Arm? Damit das Publikum auch etwas davon hat, wäre es doch viel unterhaltsamer, würden die Athletinnen und Athleten authentische Werbung machen: Spieler von Schalke 04 mit einer Bierflasche in der Hand, Spieler des FC Bayern mit einem Telefon am Ohr, Spieler von Eintracht Frankfurt mit einer Bewerbungsmappe unterm Arm, Nationalspielerinnen mit einem Retouren-Paket, Biathletinnen mit einem Bankberater an der Seite, Handballer mit ihrem Wocheneinkauf in der Discounter-Tüte. Das ließe sich auf alle Sportarten ausweiten. Der Reitsport zum Beispiel hadert gerade mit sinkenden Zahlen in der Pferdezucht. Es gibt weniger Stuten, weniger Fohlen, weniger Hengste in Deutschland. Das sollte alle Sportfans in der Bundesrepublik alarmieren. Wer soll denn künftig die Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewinnen, wenn es bald keine Daleras, Chipmunks und Checkers mehr gibt? Wir schlagen vor, dass die deutschen Reiterinnen und Reiter bei der Weltmeisterschaft in Aachen im August nur noch zusammen mit ihren Vierbeinern zum TV-Interview kommen. Pferde können zwar ihr Maul aufreißen, Verständliches kommt dabei aber selten heraus. Damit man also auch versteht, für welchen Zuchtverband sie werben, sollten sie jeweils mit einem Erkennungszeichen auftreten: Holsteiner mit einem Strandhandtuch über dem Hals, Westfalen mit einer Scheibe Pumpernickel im Maul und Oldenburger an einer Grünkohlstaude knabbernd.
