Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten der modernen Welt, dass der Schlaf sozial organisiert ist. Er ist ein sozialer Sachverhalt, da er nicht allein biologischen Bedürfnissen, sondern auch sozialen Erwartungen folgt. Man schläft, wenn andere schlafen, und möglichst so, dass der gemeinsame Rhythmus nicht gestört wird. Auch beim Schlafen, so die Soziologen Vilhelm Aubert und Harrison White, spielen wir eine soziale Rolle. Während für die meisten das rechtzeitige Aufstehen eine Herausforderung ist, haben viele Kinder und manche Erwachsene Probleme beim Einschlafen. Heranwachsende müssen noch durch den mehr oder weniger sanften Druck der Eltern an ihre Pflichten erinnert werden, doch Erwachsene empfinden ihre Schlaflosigkeit selbst als Problem. In einer Gesellschaft mit synchronisierten Wach- und Schlafzeiten fallen Schlaflose aus dem Rahmen. Sie können ihr Problem mit den Schlafenden nicht teilen, weil diese nicht gestört werden möchten, und sie erscheinen ihnen suspekt, weil ihr eigener Schlaf sie entwaffnet. Denn Schlaf ist auch ein Vertrauensakt: Wer sich hinlegt, ist wehrlos und muss darauf hoffen, in einer vertrauten Welt zu erwachen. Ohne beruflichen Anlass wach zu bleiben, bricht diese stille Übereinkunft und stellt deshalb nicht nur für die Betroffenen eine Abweichung dar. Scrollen statt Schäfchen zählen Wenn Schlaflose nicht in den Arzneischrank greifen möchten, müssen sie ihren allzu wachen Geist zur Ruhe bringen. Schäfchen zählen hilft hier selten weiter. Spezielle Angebote findet man im Netz, zum Beispiel Schlafmusik auf Videoplattformen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie untersucht, wie Youtube als Anlaufstelle für Schlaflose dient. Dazu wurden die von den Nutzern hinterlassenen Kommentare zu den 30 populärsten Schlafmusik-Videos ausgewertet. Die 420.465 Nachrichten wurden einer automatischen Themenanalyse unterzogen und qualitativ codiert. Schon die Zahl der Kommentare zeigt, dass die Schlafsuchenden keineswegs nur zuhören. Wer eigentlich einschlafen wollte, findet in der Kommentarspalte eine Art Nachtgemeinde. Aus den anonymen Äußerungen treten zwei Rollen hervor: Helfer und Hilfsbedürftige. Die einen erzählen von körperlichen Leiden, psychischen Krisen und Umweltstörungen – von Krebs und Herzoperationen, Trauer und Angst, Bombennächten, lärmenden Nachbarn und nervtötenden Frequenzen. Die anderen signalisieren Solidarität und positive Unterstützung. So wird der Kommentarbereich zu einem hybriden Raum aus Beichtstuhl, Wartezimmer und improvisierter Selbsthilfegruppe. Als träfen sich die anonymen Alkoholiker in einer Bar Doch diese virtuelle Gemeinschaft lebt nicht nur von den Interessen der Teilnehmer, sondern auch von der technologischen Infrastruktur: Die Plattform hält die Schlafsuchenden bei der Stange, indem sie ihnen stets neues Material zuspielt. Diesen erscheint es als glückliche Fügung, auf hilfreiche Videos gestoßen zu sein. Viele staunen über die Präzision der Empfehlung, die besser zu wissen scheint, was die Nachtaktiven brauchen, als diese selbst. Tatsächlich handelt es sich um „algorithmic serendipity“ – eine vom Algorithmus geleitete und nur scheinbar glückliche Entdeckung. Daraus ergibt sich ein Kreislauf, den man auch als Teufelskreis bezeichnen könnte: Schlaflosigkeit führt zur algorithmischen Empfehlung, diese zur Gemeinschaft der Schlafsuchenden, und diese liefert ein neues Motiv, den Schlaf noch aufzuschieben. Man kommt wegen der Musik und bleibt wegen der Menschen – und deshalb wach. Manche Kommentierende sagen das mit entwaffnender Klarheit selbst: Die Kommentarspalte sei einladender als das eigene Zuhause. Der digitale Trost mindert also die Einsamkeit der Nacht, verlängert jedoch die Schlaflosigkeit, die er erträglicher machen soll. Die digitale Kommunikation ermöglicht es den offline isolierten Schlaflosen, miteinander in Kontakt zu treten. Es entsteht eine Art Gegenöffentlichkeit der Abweichler: Menschen, die nachts gemeinsam wach liegen und sich in dieser Gemeinsamkeit stabilisieren. Im Gegensatz zu anderen Selbsthilfegruppen greift hier jedoch ein paradoxer Mechanismus: Bei den Anonymen Alkoholikern beispielsweise soll das Gespräch mit anderen das Leiden lindern und dabei helfen, der Selbstkontrolle durch ein wenig Fremdkontrolle unter die Arme zu greifen. Doch die nächtliche Kommunikation der Schlaflosen im Cyberspace ähnelt eher einem Treffen der Anonymen Alkoholiker in einer Cocktailbar. Die Gemeinschaft tröstet, aber sie gibt zugleich Anlass, wach zu bleiben. Aus dem geteilten Leid der Schlaflosigkeit wird nicht halbes Leid, sondern vernetztes und algorithmisch perpetuiertes Leiden – die Schlafsuchenden finden Trost, aber keine Heilung. V. Aubert, H. White (1959): Sleep: a sociological interpretation. I. Acta Sociologica 4, S. 46–54; B. Bo et al. (2025): Why are we awake? Algorithmic serendipity and the sociology of sleeplessness. Frontiers in Sociology 10, DOI: 10.3389/fsoc.2025.1492373.
