FAZ 26.03.2026
15:57 Uhr

In der Ostsee gestrandet: Woher der Wal kam, weiß niemand


Das Schicksal des seit Tagen gestrandeten Buckelwals vor Niendorf bewegt die Menschen. Ob das Tier – selbst wenn es nun freikommen sollte – überlebensfähig wäre, ist offen.

In der Ostsee gestrandet: Woher der Wal kam, weiß niemand

Seit der Nacht auf Montag liegt der große Buckelwal im flachen Ostseewasser vor Niendorf. Unermüdlich sind Helfer im Einsatz, saugen und graben Sand unter ihm weg, suchen ihn in tieferes Wasser zu bringen. Bisher vergeblich. Das große Tier lag auch am Donnerstag noch auf der Sandbank, sein geschundener Rücken ragte wie zuvor weithin sichtbar aus dem Wasser. Anfangs versuchten Helfer, ihn mit dem Boot in Richtung offenes Meer zu drängen. Doch bewegte er sich kurz danach wieder zurück in seine Ausgangslage. Am Donnerstag grub man eine Rinne, über die der Wal wegschwimmen sollte. Mehrere Bagger waren im Einsatz. Doch selbst wenn sich das Tier endlich bewegen sollte, drohen weitere Sandbänke. Und die Zeit drängt. Wale, die stranden, sterben einen qualvollen Erstickungstod, Herz und Lunge werden vom eigenen Körpergewicht zerquetscht. Immer wieder ist das Röhren und Brummen des Tiers zu hören. Das sind keine Hilferufe, sondern Laute der Angst. Dass all die Menschen und Geräte vor Ort seiner Rettung dienen sollen, dürfte er wohl nicht verstehen. Das Schicksal des zwölf bis 15 Meter langen und vermutlich 15 Tonnen schweren Tiers bewegt viele Menschen. Vor Ort drängen sich Schaulustige und Kamerateams. Onlinemedien haben Liveticker eingerichtet, berichten minütlich über die neuesten Entwicklungen. Heringsbestand in der Ostsee stark zurückgegangen Meeresthemen erhalten selten so viel Aufmerksamkeit. Dabei darben die Meere, darunter in extremem Maße die Ostsee. In dem vergleichsweise kleinen Binnenmeer zeigen sich die Herausforderungen durch Überdüngung, Klimawandel und Überfischung wie in einem Brennglas: Viele Fischbestände sind verschwunden, andere dabei, zu kollabieren, unter Wasser gibt es „Todeszonen“ ohne Sauerstoff, in manchen Buchten findet man keinen Fisch mehr. Aber dafür gibt es selten Aufmerksamkeit. Von oben sieht das Meer noch immer schön aus. Auch der Heringsbestand in der Ostsee ist stark zurückgegangen. Fischer erzählen einem, wo sie die kleinen silbrigen Fische früher eimerweise holten, verfingen sich nun nur noch eine Handvoll in ihren Netzen. Trotzdem dürften die nun in die Ostsee einziehenden Heringsschwärme den großen Buckelwal in das Binnenmeer gelockt haben. Woher er kam, weiß niemand. In der Ostsee sind Wale seiner Größe nicht heimisch. Der Salzgehalt ist zu niedrig für Großwale – wovon die teils zerstörte Haut am Rücken des Tiers zeugt. Irgendwo im Meer hat sich der Wal wohl in einem Stellnetz verfangen. Nicht alles davon konnten Helfer entfernen, ein Teil hängt ihm noch im Maul. Ob er so, selbst wenn er nun freikommen sollte, überlebensfähig wäre, ist offen.