FAZ 08.09.2026
12:30 Uhr

Imperiale Öffentlichkeit: Jürgen Habermas und die atlantischen Revolutionen


Den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ fand Jürgen Habermas in den Londoner Kaffeehäusern. Joel Herman, Historiker in Dublin, überprüft das Modell an den britischen Kolonialherrschaften des 18. Jahrhunderts.

Imperiale Öffentlichkeit: Jürgen Habermas und die atlantischen Revolutionen

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der britisch-deutschen Beziehungen nach 1945, dass im Vereinigten Königreich das Werk von Jürgen Habermas mit einer gewissen Verzögerung wahrgenommen wurde. Vielleicht wirkt Quentin Skinners kritisches Resümee in der „New York Review of Books“ vom 7. Oktober 1982 immer noch nach, obwohl es in derselben Zeitschrift von Thomas McCarthy (20. Januar 1983) umfassend widerlegt werden konnte. 1984 gründeten der Soziologe Anthony Giddens und andere in Cambridge den Verlag Polity, in dem Übersetzungen etlicher Schriften von Habermas sowie kommentierende Publikationen erschienen sind. Der Philosoph Mark Hannam von der Universität London beschloss einige Wochen vor dem Tod von Habermas im „Times Literary Supplement“ vom 6. Februar 2026 seine Rezension der englischen Übersetzung des Habermas-Buches von Philipp Felsch mit der Bemerkung, wir lebten in einer habermasschen Welt, in der politische Problemlösungen auf den Normen des kommunikativen Denkens beruhen müssten, auch wenn die Gegenwart eine abgeschwächte Version dieser Welt darstelle. Erst 1989, 27 Jahre nach der Erstausgabe, kam eine englische Übersetzung von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ heraus, dem Buch, das sein empirisches Material der britischen Geschichte der frühen Neuzeit entnimmt. Die historische Triftigkeit des von Habermas entwickelten Modells politischer Öffentlichkeit hat Joel Herman vom Trinity College Dublin jetzt im „Historical Journal“ (Band 69, 2026) erneut geprüft. Den Fokus des Aufsatzes mit dem Titel „The Imperial Public Sphere. The Press, Publicity, and the Destabilization of the British Empire, c. 1695–1765“ bilden das vormoderne Kolonialreich und insbesondere die bürgerlichen, also dezidiert nicht plebejischen Öffentlichkeiten, wie sie sich in Irland und in den amerikanischen Kolonien herausbildeten. Der Handelsstaat war ein Imperialstaat Geboren aus der Kraft des besseren Arguments und getrieben von dem Anspruch, Herrschaft deliberativ durch Vernunft zu ersetzen, legitimierte das Emanzipationsinteresse das grundsätzliche Bedürfnis nach politischer Reform der Gesellschaft. In Dublin und an der Ostküste Amerikas konstituierte sich eine öffentliche politische Sphäre, die individuelle Interessen filterte. Geriet die Öffentlichkeit indessen in den zunehmenden Einfluss einer modernen Kulturindustrie, wurde sie mithin kulturkonsumierend, lief sie Gefahr, refeudalisiert und als Herrschaftsmittel eingesetzt zu werden. Im Zwischenraum von Staat und Gesellschaft entfaltete sich die Dialektik öffentlicher Kommunikation. Für die Modellsituation ist in Hermans Augen entscheidend, dass der National- und Handelsstaat England in wesentlichen Zügen ein Imperialstaat war. Das britische Empire ließ imperiale Öffentlichkeiten entstehen, die wiederum zu seiner Destabilisierung beitrugen, besonders nachdrücklich in Gestalt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der irischen Revolution von 1798. Tatsächlich beanspruchte Irland in der atlantischen Welt des 18. Jahrhunderts proportional einen weitaus größeren Platz als heute. Über die Emigration, über wirtschaftliche und kulturelle Kontakte nahmen Iren Einfluss auf die revolutionären Ereignisse in Amerika. Gleichermaßen besaß das amerikanische Beispiel einen großen Vorbildcharakter für die United Irishmen und den nationalistischen Republikanismus von Wolfe Tone und dessen Mitstreitern. Die Dubliner Revolution von 1798 war das Produkt einer entschlossenen, einheitlichen politischen Bewegung. Als komplexes und vielschichtiges Ereignis rief sie eine neue Tradition säkularen Denkens ins Dasein. Die Öffentlichkeit, die diesen Fließzustand mit seinem Potential der Begründung neuer politischer Identitäten entstehen ließ, operierte allerdings durch soziale Ausgrenzung. Sie wollte nichts auf Gerüchte oder Graffiti an den Häuserwänden geben, sondern vertraute auf Zeitungen und Pamphlete als bewährte Informationsmedien. Allmähliche Dezentrierung So bildeten Form und Stoff imperialer Öffentlichkeiten eine explosive Mischung: Inklusionen und Exklusionen, Kriege und Rebellionen, politische Ereignisse und scheinbar natürliche wie Hungersnöte und Epidemien. Ihr spezieller Strukturwandel wurde bestimmt durch die Spannung zwischen Metropole und „Peripherien“, mit der Tendenz allmählicher Dezentrierung. Die Hafen- und Kolonialstädte Dublin, Boston, New York und Philadelphia waren nicht nur über London verbunden. Autoren von Jonathan Swift bis Benjamin Franklin waren daran beteiligt, eine atlantische Öffentlichkeit zu definieren. Dublin als zweitgrößte Stadt des Empires war bis 1800 Sitz eines eigenen Parlaments, in dem die protestantische angloirische Elite die selbstbewusste Gestaltung eines eigenen kulturellen und konstitutionellen Weges vorantrieb. Sie musste sich dabei sowohl von London als auch von der katholischen Bevölkerungsmehrheit absetzen. Man war gleichzeitig in lokale und imperiale öffentliche Räume eingebunden, während sich die lokalen Verhältnisse immer deutlicher als Kolonialgesellschaften herausbildeten. Der komplizierte, in- wie exkludierende Begriff der „Britishness“ hat hier eine seiner vielen Wurzeln. Ein „free born Englishman“ zu sein, war nur scheinbar traditionell, in Wahrheit radikal. John Lilburne, der Verfasser der wichtigsten Flugschriften der Leveller-Bewegung im Englischen Bürgerkrieg, hatte den Begriff geprägt und Freiheit als politischen Status bestimmt. Das Wort „Untertan“ konnte für den „frei geborenen Engländer“ keine Bedeutung haben, aus der Summe von Freiheiten und Privilegien ergab sich ein Bündel von Bürgerrechten. Weit hergeholt war es da nicht, dass Dublin und Boston im 18. Jahrhundert dies sehr ähnlich sahen, aber ohne Selbstkorrektur die Katholiken Irlands und die First Nations in Amerika diskriminierten und verfolgten. Anstatt die politischen Öffentlichkeiten beiderseits der Irischen See enger zusammenzuschweißen, trieb dieser Diskurs sie auseinander, indem die kolonialen politischen Öffentlichkeiten beiderseits des Atlantiks gegen den Zentralismus Londons rebellierten. Da sie keine Lösungen für das Problem fanden, wie die Souveränität zwischen dem Londoner Zentrum und kolonialen Selbstverwaltungsorganen aufgeteilt werden konnte, trugen die imperialen Öffentlichkeiten dialektisch zur Auflösung der Verbindung bei. In ironischer Wendung inspirierte ein politischer Patriotismus ihre Opposition und destabilisierte die legislativen und konstitutionellen Einrichtungen des britischen Kolonialreichs. In dieser über die bisherige englischsprachige Rezeption von Habermas hinausgehenden Perspektive interpretiert Herman den Vorgang der Dezentrierung als Schaffung neuer Binnenräume und in deren Folge neuer Handlungssysteme.