Als angehender Abiturient hat Christian Dobrick sich ein Versprechen gegeben. Damals, so hat Dobrick, U-19-Trainer des FC St. Pauli, das jetzt dem „Stern“ in einem Interview erzählt, schrieb er in der Schule einen Brief an sein zehn Jahre älteres Selbst. „Ich habe mir in dem Text geschworen, dass mein Versteckspiel vorbei sein wird“, sagt Dobrick: Dass er zu seiner Homosexualität stehen werde. Nun, zehn Jahre später, hat Dobrick das getan: Das Interview ist zugleich sein Coming-out. Man freut sich für ihn, dass die Last des Versteckspiels nun hoffentlich von ihm weichen wird; dass er seinen Partner auf Urlaubsfotos nicht mehr verstecken oder in Erzählungen aussparen muss. Man muss ihn dafür bewundern, dass er den Mut gefunden hat, offen über seine Sexualität zu sprechen – obwohl es im Fußball nur sehr, sehr wenige Vorbilder dafür gibt. Untragbar, aber noch immer real Vor allem aber muss man, sollte jede und jeder Christian Dobrick genau zuhören, wenn er über seine Sorgen und Ängste in Bezug auf dieses Thema spricht. Weil es viel aussagt über den Status Quo im Männerfußball, dass Dobrick sich jahrelang fragte: „Ist der Fußball reif für einen schwulen Trainer?“ Und dass er sich nicht outet, weil er diese Frage ganz sicher mit „Ja“ beantworten kann, sondern, obwohl er das nicht kann. Obwohl er sagt: „Im Profifußball gelten Schwule noch immer als Außerirdische.“ Das ist untragbar, aber real. Und für viele homosexuelle Männer im Fußball muss das erdrückend sein. Dobrick vermutet, dass es relativ wenige schwule Männer im Profibereich gibt: Weil ihnen das Versteckspiel zu viel Energie raubt, um oben anzukommen. Man kann sich das vorstellen. Genau wie man sich vorstellen kann – befürchten muss –, dass Dobrick nun nicht nur Solidarität, sondern auch Feindseligkeit entgegen schlagen wird. Vor zwei Monaten hat der Australier Josh Cavallo, einer der wenigen offen schwul lebenden Profifußballer, seinem früheren Verein Diskriminierung vorgeworfen (der bestreitet das). Vor rund einem Jahr hat Cavallo gesagt, er bekomme online immer noch Hasskommentare und Morddrohungen. Mut, der anderen Hoffnung machen kann Das ist, selbstverständlich, kein Problem des Fußballs allein. Aber es ist in der Welt des Männerfußballs sicher ein besonders großes Problem. Es ist kein Zufall, dass es im deutschen Fußball keinen offen schwul lebenden Profi gibt: Es liegt auch an Szenen, die man kennt, wenn man den Fußball kennt. An Pässen, die, wie auch Dobrick erzählt, als „schwul“ bezeichnet werden, wenn sie zu lasch sind. An homophoben Gesängen in fanbesetzten Straßenbahnen, die akzeptiert oder ausgehalten werden. Und an zugrundeliegenden Vorstellungen, die, nicht nur im Fußball, tiefer sitzen als man sich im Alltag eingestehen mag. Dobrick hofft, dass sich etwas getan hat „unter der rauen Oberfläche des Fußballs“, und es ist ebenso schön wie wichtig, dass er diese Hoffnung hat. Weil er sich so von der Last des Versteckspiels befreien konnte, weil seine Hoffnung und sein Mut so anderen Hoffnung machen könnte. Er sagt aber auch, es habe ihm seinen Schritt erleichtert, dass er beim FC St. Pauli arbeitet: einem Verein, bei dem er sicher sein kann, unterstützt zu werden. Das Ziel aber muss sein, dass sich Dobrick überall wohlfühlen kann: Dass Männer die Frage, ob der Fußball bereit ist für einen schwulen Trainer, nicht nur mit Ja beantworten können, sondern dass diese Frage gar nicht erst aufkommt.
