FAZ 26.03.2026
11:11 Uhr

Hochschulpakt-Folgen: Nicht nur die Ausbildung von Tierärzten leidet unter dem Sparzwang


An der Universität Gießen sitzt der einzige veterinärmedizinische Fachbereich weit und breit. Der vom Land ausgehende Sparzwang wird sich auch auf die Lebensmittelsicherheit auswirken, wie Forscher mahnen.

Hochschulpakt-Folgen: Nicht nur die Ausbildung von Tierärzten leidet unter dem Sparzwang

Sabine Tacke arbeitet seit 42 Jahren am Fachbereich Veterinärmedizin der Universität Gießen. Die Professorin hat dort studiert und ist seit vielen Jahren als Fachtierärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie leitend tätig. Als Präsidentin der Landestierärztekammer Hessen weiß sie zudem, wie es um die niedergelassenen Kollegen steht und wie bedeutend die Hochschule als Ausbildungsstätte für Veterinäre ist. Unter anderem aus Sorge um den Nachwuchs treibt sie der vom Land Hessen ausgeübte Sparzwang um. Ein Zehntel des Personals muss die Universität bis 2031 einsparen, auch ihr Fachbereich. „Keine Sparmaßnahme hat uns so getroffen wie diese“, sagt Tacke. Gemeinsam mit mehr als einem halben Dutzend Hochschullehrern schildert sie die mit dem Hochschulpakt verbundenen Nöte. 45 Tierärzte seien an der Universität tätig, aber das Land gebe nur Geld für sieben Stellen. Die 38 anderen Stellen müsse der Fachbereich mit Einnahmen für seine Dienste finanzieren. Mit weniger Personal weniger Tiere betreuen, diese Gleichung gehe nicht auf. „Denn wir brauchen die Patienten für Forschung und Lehre“, hebt Tacke hervor. Gießen ist die einzige Ausbildungsstätte für Tierärzte in Hessen Zudem ist die Uni Gießen die einzige Ausbildungsstätte für Tierärzte weit und breit. Mit 210 Erstsemestern im Jahr ist sie die zweitgrößte ihrer Art in Deutschland und nur einer von fünf Orten, an denen Hochschullehrer an Tieren forschen. In Hessen gibt es keinen zweiten veterinärmedizinischen Fachbereich. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Thüringen verfügt keine einzige Hochschule über eine solche Einheit, wie Dekan Stefan Arnhold sagt. Dies vereitele auch halbwegs ortsnahe Kooperationen, um Folgen des Sparzwangs zu mildern. Das Land kürzt die Zuwendungen in einer Zeit, in der erfahrene Kollegen absehbar in den Ruhestand gehen. Doch wer folgt auf die sogenannten Boomer, wenn es wegen der Kürzungen an der Lehre hakt und die Veterinäre der Universität sich gleichzeitig weiter in der Fläche um die Nutztiere von Landwirten kümmern sollen? „Wir werden den Notdienst in der Klinik nicht so aufrechterhalten können, wie er derzeit ist“, sagt Tacke und warnt vor den Folgen: Der Nachwuchs müsse auch in Notdiensten ausgebildet werden. Wenn es daran mangele, könnten Tierärzte in der Zukunft auch keine guten Notdienste mehr machen. Uni-Vertreter wirken als Hoftierärzte von Bauern „Dann fehlt ein ganz wichtiger Aspekt in der Ausbildung“, ergänzt Axel Wehrend, Professor an der Tierklinik für Reproduktionsmedizin und Neugeborenenkunde. Die universitären Veterinäre benötigen zudem alle Arten von Tieren für die Forschung, mit dem Ziel, ihr Wohlbefinden zu verbessern und das Überleben möglichst zu gewährleisten. Seine Tierklinik dürfe wegen der Sparvorgaben derzeit eine Professur nicht mehr besetzen. „Jetzt darf gar nichts mehr passieren, sonst geht es an den Kern“, warnt Wehrend. Schülerpraktikanten nehme die Klinik schon nicht mehr an. Dabei sei das ein guter Weg, junge Menschen für den Beruf des Tierarztes zu begeistern. Was besonders wichtig sei in Zeiten, in denen viele Tierärzte bald in Pension gingen. Fachtierarzt Henrik Wagner sieht zudem die Möglichkeit in Gefahr, angehende Kollegen in der Arbeit auf Bauernhöfen zu schulen. „Wir sind vielfach der Hoftierarzt für Bauern“, sagt er. Dies sei auch aus Mangel an anderen Veterinären der Fall, die sich um Nutztiere kümmerten. Wie sich ein Tierarzt im Notfall am besten verhalte, wenn ein Landwirt aufgeregt wegen Komplikationen bei der Geburt eines Tieres anrufe – „Der Kopf hängt raus, die Zunge wird blau“ –, sei nicht in der Theorie zu lernen. Zudem verginge bei einer Überweisung in die Klinik zu viel Zeit, oder dies sei aufgrund der Dringlichkeit nicht möglich. Dessen ungeachtet leisteten die Uni-Veterinäre den Tierärzten der Kreisverwaltungen oft Amtshilfe, wenn Hunde frei herumliefen und mutmaßlich aggressiv seien, Kühe auf einem Bahngleis stünden oder sich eine Schafherde verstreut habe. Nicht zuletzt bilden sie „die zentrale Verteidigungslinie gegen Tierseuchen und für Lebensmittelsicherheit“, wie Dekan Arnhold sagt. Doch auch die Lebensmittelsicherheit dürfte schon mittelfristig unter den Sparzwängen leiden, wie Ann-Sophie Braun vom Institut für Tierärztliche Nahrungsmittelkunde warnt. Die Vorgaben des Landes gefährdeten die Ausbildung etwa bei Schlachtungen, obwohl Amtstierärzte dort gefragt seien. Vor diesem Hintergrund hoffen die Uni-Veterinäre auf doppelte Einsicht beim Land Hessen. Zum einen wünschen sie sich einen offiziellen Versorgungsauftrag als Maximalversorger, so wie Universitätskliniken ihn haben. Das wäre, so Arnhold, zwar zuerst nur eine ideelle Anerkennung der Arbeit. Er verhehlt aber nicht seine Hoffnung, dass eines Tages damit auch ein höheres Budget verbunden sein könnte. Zweitens sprechen Vertreter des Fachbereichs nach ihren Angaben mit dem Landwirtschaftsministerium über die Wiederaufnahme des schon 2022 aufgrund von Sparzwängen eingestellten Außen-Notdienstes. Ihnen schwebt eine Projektfinanzierung durch das Land abseits des Hochschulpakts mit dem Ziel vor, mit Notdiensteinsätzen in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen zusätzliche Einnahmen zu erzielen.