FAZ 11.05.2026
14:54 Uhr

Heidenheims Aufholjagd: Totgesagte spielen freier


Für den 1. FC Heidenheim ist ein weiteres Jahr Bundesliga plötzlich wieder in Reichweite, dabei schien der Abstieg schon sicher. Im Saisonfinale könnte der Fußballklub nun einen Vorteil haben.

Heidenheims Aufholjagd: Totgesagte spielen freier

In den allermeisten Fällen löst ein noch am letzten Spieltag sehr konkret drohender Abstieg aus der Bundesliga Gefühle des Unbehagens aus, neben einem Gegner muss auch die Angst vor dem Absturz bekämpft werden. Nicht so beim 1. FC Heidenheim, dessen Trainer Frank Schmidt nach dem 3:1-Sieg in Köln geradezu euphorisiert erklärte: „Wir haben richtig Bock auf das Saisonfinale.“ Der kleine Außenseiterklub von der schwäbischen Ostalb steht zwar immer noch auf einem direkten Abstiegsplatz, Schmidt berichtete aber von „sehr viel Spaß in den letzten Wochen“ und verkündete: „Die Mannschaft geht in die genau richtige Richtung, ist eine richtige Einheit.“ Ein weiteres Jahr in der Bundesliga, das vor drei Wochen noch vollkommen unmöglich erschien, ist jetzt plötzlich wieder in Reichweite. Denn der FC St. Pauli und der VfL Wolfsburg, die beiden Heidenheimer Konkurrenten, werden in ihrem direkten Duell am letzten Spieltag alle Kräfte mobilisieren, die ihnen zur Verfügung stehen. Es ist gut möglich, dass dabei ein Unentschieden herausspringt oder ein knapper Sieg für St. Pauli. In diesen Fällen würde Heidenheim den Sprung auf den Relegationsplatz schaffen, solange die Mannschaft auf dem heimischen Schlossberg gegen Mainz gewinnt und ein Sieg des FC St. Pauli nicht höher ausfällt. „Das ist wirklich unglaublich. Vor Ostern hat keiner mehr einen Cent auf uns gewettet“, sagte Geschäftsführer Holger Sanwald, der jedoch anfügte: „Intern haben wir immer an uns geglaubt, dass wir es schaffen können.“ Zuverlässige Torschützen werden zum Vorteil Der „Schlüsselmoment“ sei das 3:3 an Ostern gegen Leverkusen gewesen, sagte Schmidt, während der Verteidiger Jonas Föhrenbach erzählte, dass zuvor „alles auf Reset gesetzt“ worden sei. Irgendwie ist es dem Klub gelungen, die bleierne Schwere des erfolglosen Winters abzuschütteln und eine neue Freude am Spiel zu entwickeln – eine Meisterleistung als Tabellenletzter. Und so haben die Heidenheimer in den zurückliegenden Spieltagen einen ganz entscheidenden Erfolgsfaktor entwickelt, der in der Regel teuer ist und der anderen Abstiegskandidaten wie dem FC St. Pauli fehlt: Sie haben zwei Profis, die zuverlässig treffen. Der Angreifer Budu Zivzivadze hat in den vergangenen fünf Partien fünf Tore geschossen, während der defensivere Mittelfeldspieler Jan Schöppner im gleichen Zeitraum vier Tore zur erstaunlichen Auferstehung beitragen konnte. In Köln gelangen Schöppner das 0:1 und das 1:3, die drei Spiele im Saisonendspurt, in denen der Profi traf, hat der Klub sämtlich gewonnen. Die Kölner hatten ja schon vor dem Spiel mit Mühe und Not den Verbleib in der Bundesliga geschafft, nicht zuletzt, weil sie mit Ragnar Ache und Said El Mala zwei sehr gefährliche Stürmer in ihren Reihen haben. Ache ist derzeit verletzt, El Mala blieb am Sonntag blass, aber das war nicht mehr so wichtig, weil das Saisonziel schon erreicht war. Beim FC endete diese aufregende Saison mit ein paar Pfiffen der eigenen Fans. Ganz anders ist das Befinden beim 1. FC Heidenheim, der von den jüngsten sieben Partien nur eine verloren hat und sich jetzt zumindest emotional in der besten Ausgangslage der drei verbliebenen Abstiegskandidaten befindet. Denn während St. Pauli und Wolfsburg sehr viel zu verlieren haben, wird in Heidenheim auf eine Sensation gehofft, die kaum noch jemand für möglich hielt. „So sehr ums Geld wie zurzeit ging es noch nie“ Am 26. Spieltag hatte Heidenheim zehn Punkte Rückstand auf den 16. Platz, der die Teilnahme an den Relegationsduellen ermöglicht. Schmidt merkte damals an, die Chancen auf den Klassenerhalt lägen bei „ein Prozent, 0,1 Prozent“. Offenbar wirkte die scheinbare Aussichtslosigkeit wie eine Befreiung, wobei Schmidts Ankündigung, auch im Abstiegsfall im Klub zu bleiben, geholfen haben könnte. „Auffällig ist jedenfalls, dass wir seitdem wieder Heidenheim-Fußball spielen“, sagte Schmidt: intensiv, gut sortiert, energisch nach vorne und in allen Phasen als geschlossene Mannschaft. Ein beachtlicher Kraftakt wäre der Ligaverbleib für Heidenheim aber nicht nur aufgrund der erstaunlichen Aufholjagd, auch die verschärften Bedingungen sprechen seit Monaten gegen diesen kleinen Klub, wie Schmidt gerade der Süddeutschen Zeitung erzählte. „Mein Eindruck: So sehr ums Geld wie zurzeit ging es noch nie“, sagte er. Eigentlich hätte Heidenheim im dritten Jahr Bundesliga samt einer Europapokalteilnahme und den dadurch gestiegenen Einnahmen ja langsam zu einem mehr und mehr etablierten Bundesligaverein werden können, doch das sei nicht möglich gewesen, wie Schmidt berichtete: „Die Spieler, die vom Karrierestatus her zu uns passen und die wir immer bekommen haben, die haben wir im vergangenen Sommer zum ersten Mal nicht mehr bekommen.“ Eigentlich hatte sich der Abstieg also bereits im Transfersommer 2025 abgezeichnet, umso erstaunlicher ist nun die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag.