FAZ 07.05.2026
15:48 Uhr

Hauptversammlung: Allianz im Bann der Inflation


Die Bezahlbarkeit von Versicherungen und Vorsorge treibt den Vorstandsvorsitzenden Oliver Bäte um. Den Aktionären zeigte er die Strategien dagegen auf. Die Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wichtige Rolle.

Hauptversammlung: Allianz im Bann der Inflation

Die Allianz sorgt sich um die Bezahlbarkeit von Versicherungen. Auf der Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle sagte der Vorstandsvorsitzende Oliver Bäte am Donnerstag, die Schadeninflation sei hauptsächlich die Ursache für die Beitragserhöhungen. Es war die erste Präsenz-Hauptversammlung nach sechs Jahren, was vor allem der Verabschiedung des Aufsichtsratsvorsitzenden und früheren Vorstandschefs Michael Diekmann geschuldet war. Die Rede seines Nachfolgers Bäte wurde mehrere Minuten aufgrund von Protesten zweier Palästinaaktivistinnen unterbrochen. Der Allianz-Chef widmete sich vor den 2900 anwesenden und rund 3000 virtuell teilnehmenden Aktionären der Verteuerung der Versicherungsprodukte und den Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI). In der Kfz-Versicherung seien die Stundensätze in deutschen Werkstätten seit 2017 um mehr als 50 Prozent gestiegen. „Das ist doppelt so stark wie die allgemeine Inflation“, sagte Bäte. Zusammen mit teureren Ersatzteilen treibe das die Reparaturkosten und damit leider auch die Versicherungsbeiträge in die Höhe. Mehr als 100 Milliarden Dollar an versicherten Schäden Steigende Schadenskosten aus Extremwettern und Naturgefahren nannte er als Grund für die höheren Prämien in der Wohngebäudeversicherung. Im vergangenen Jahr haben die dafür versicherten Schäden nach Angaben von Bäte zum sechsten Mal in Folge in der Welt die Marke von 100 Milliarden Dollar überschritten. Als weiteres Beispiel verwies der Allianz-Chef auf die Krankenversicherung, in der die Kosten im Gesundheitssystem aufgrund des medizinischen Fortschritts und des Fachkräftemangels steigen. Seiner Aussage nach liegt die medizinische Inflation in Deutschland mit jährlich mehr als sechs Prozent deutlich über der allgemeinen Teuerung. In Deutschland seien die Kosten von Versicherungsprodukten in den vergangenen fünf Jahren um rund 25 Prozent gestiegen. Dagegen, so Bäte, habe sich das verfügbare Haushaltseinkommen nur um 19 Prozent erhöht. „Die Kluft zwischen Lebenshaltungskosten und Kaufkraft wächst“, sagte er. „Die Allianz darf nicht zum Versicherer für eine kleine Elite werden“, mahnte Steffen Weyl von der Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Wenn sich die breite Bevölkerung den Schutz nicht mehr leisten könne, verliere das Geschäftsmodell seine gesellschaftliche Akzeptanz und damit auch seine Basis, fügte er hinzu. Darauf reagiert die Allianz nach den Worten Bätes mit einer Optimierung der Schadenregulierung, auch mithilfe der KI. Um die Kosten zu senken, würden in Europa Recyclingteile bei Reparaturen eingesetzt. Das helfe, Preise für Ersatzteile abzufedern. Die Marktstärke und Verhandlungsmacht setze die Allianz ein, um günstige Konditionen mit Vertragspartnern auszuhandeln. So arbeite die Allianz in der Kfz-Versicherung mit Partnerwerkstätten und in der Wohngebäudeversicherung mit ausgewählten Handwerkern zusammen. Anreize zur Eigenverantwortung Schließlich würden klare Anreize für Vorsorge und Eigenverantwortung gesetzt. Die Vorbereitung auf Extremwetter reiche vom Keller bis zur öffentlichen Infrastruktur. In der Krankenversicherung sollen Früherkennung und Angebote für einen gesunden Lebensstil helfen. „Wenn die Kosten sinken, muss weniger über Beitragserhöhungen kompensiert werden“, betonte Bäte. Mit der Bezahlbarkeit der Versicherungsprodukte ist seinen Worten zufolge auch der Einsatz von KI-Lösungen verbunden. Im Allianz-Konzern gebe es schon 600 skalierbare KI-Anwendungen. In der Tierkrankenversicherung werde schon über die Hälfte der Schadenfälle vollständig automatisiert bearbeitet. Im Pannenservice steuerten KI-Agenten den Ablauf vom Anruf bis zum Eintreffen des Abschleppdienstes. Die KI steigere die Produktivität in Teilen des Schadenmanagements um 30 Prozent. Höchste Priorität habe der verantwortungsvolle KI-Einsatz. KI werde Routineaufgaben übernehmen, die Mitarbeitenden könnten sich auf anspruchsvollere und vertrauensbildende Tätigkeiten konzentrieren. Bäte präsentiert den Aktionären Rekordgewinn Bäte konnte den Aktionären einen Rekordgewinn 2025 von 17,4 Milliarden Euro und eine um rund elf Prozent auf 17,10 Euro je Aktie erhöhte Dividende präsentieren. „Das Geschäftsjahr 2025 hat wieder gezeigt, dass unsere Allianz auch unter anspruchsvollen Bedingungen stark, erfolgreich und handlungsfähig ist“, sagte er. Mit 391 Euro liegt der Allianz-Aktienkurs nicht mehr weit entfernt von dem im Jahr 2000 erreichten Rekordhoch von 402 Euro. In den vergangenen sechs Monaten hat der Kurs um elf Prozent zugelegt. Dem scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden Diekmann dankte Bäte für die prägenden Weichenstellungen. Er habe Herausragendes für die Allianz geleistet. Diekmann revanchierte sich bei Bäte, den er als Glücksfall für die Führung der Allianz bezeichnete. Auf seiner letzten Hauptversammlung als Aufsichtsratsvorsitzender verwies Diekmann auf die tiefgreifende Veränderung durch die KI, die ungeahnte Möglichkeiten eröffne und den Fortschritt beschleunige, aber gleichzeitig herkömmliche Strukturen massiv unter Druck setze und viele Menschen verunsichere. Der 71 Jahre alte Diekmann ist 1988 in die Allianz eingetreten und war von 2003 bis 2015 Vorstandsvorsitzender. Nach zweijähriger Abkühlungsphase übernahm er 2017 den Aufsichtsratsvorsitz. Sein Nachfolger wird der 67 Jahre alte Jörg Schneider, ehemals Finanzvorstand der Munich Re, der Nachbarin in der Münchner Königinstraße. Er wolle seine Erfahrungen aus anderen Unternehmen und andere Sichtweisen einbringen, sagte Schneider den Aktionären. Für den stets konstruktiven und von Vertrauen geprägten Austausch mit Diekmann bedankte sich Hendrik Schmidt, Vertreter der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Für eine „Ära der Evolution“ und einen konsequenten Weg im Sinne der Aktionäre lobte Steffen Weyl von der Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, den scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden.