48 Stunden vor der Ankunft des Kreuzfahrtschiffs Hondius auf Teneriffa bereiten die spanischen Zentral- und Regionalregierungen, die EU und internationale Gesundheitsbehörden die Rückführung der Passagiere aus 23 verschiedenen Staaten, die Versorgung möglicher Krankheitsfälle und die Desinfektion des Schiffes vor. Die spanische Regierung verhandelt derzeit mit insgesamt 22 Regierungen über die schnelle Heimkehr der 133 Ausländer. Mit Großbritannien und den USA wurden bereits entsprechende Einigungen erzielt. Das Schiff mit mehr als 140 Menschen an Bord hatte am Freitag die Hälfte der Strecke von Cabo Verde zurückgelegt und wird am Sonntagmittag auf den Kanaren erwartet. Dort ist die Bevölkerung in Aufruhr. Auf Gran Canaria kam es am Donnerstag zu einer ersten Demonstration, am Freitag wurde auf Teneriffa zu Protesten aufgerufen. Zuvor hatten Hafenarbeiter damit gedroht, das Schiff zu blockieren. Die oppositionelle PP bezeichnete den Umgang mit dieser Krise als „absolutes Chaos“, in der Regierung habe „niemand das Steuer in der Hand“. „Ich appelliere an alle, Gerüchten keinen Glauben zu schenken“ Die spanische Zentralregierung bemühte sich am Freitag, die Lage zu beruhigen, und gab weitere Einzelheiten zur Ankunft bekannt. „Ich appelliere an alle, sich gut zu informieren und Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Spanien ist ein sicheres Land mit einem vorbildlichen Gesundheitssystem“, sagte Gesundheitsministerin Mónica García im spanischen Rundfunk. Wenn die ausländischen Passagiere keine dringende medizinische Versorgung benötigten, würden sie umgehend in ihre Heimatländer zurückgebracht. „Die Menschen werden das Schiff erst verlassen, wenn ihr zugewiesenes Flugzeug bereitsteht“, ergänzte die Generalsekretärin des spanischen Katastrophenschutzes, Virginia Barcones. Ziel sei es, „die schnellstmögliche und sicherste Evakuierung“ zu gewährleisten. Auch die Passagiere der Hondius haben mit der Angst der Menschen an Land zu kämpfen. Der Reiseblogger Jake Rosmarin, der Anfang der Woche ein Video von Bord veröffentlichte, den Tränen nahe, deaktivierte am Freitag die Kommentare unter seinen Social-Media-Posts. Vorher war allein sein Video-Statement von Bord auf Instagram fast 9000-mal kommentiert worden. In einem Kommentar, der fast 30.000-mal gelikt wurde, hieß es: „NIEMAND IST SICH BEWUSST, WIE GEFÄHRLICH DIESES VIRUS IST. ES HAT EINE STERBLICHKEITSRATE VON 40 PROZENT. BEI COVID WAR SIE 3 PROZENT.“ Fast 35.000 Likes gab es für folgenden Kommentar: „Ja, ihr seid Menschen, aber die Weltbevölkerung ist in Gefahr. Bleibt in diesem Boot, Punkt.“ Rosmarin hatte in dem Video gesagt: „Wir sind nicht nur eine Nachricht, wir sind Menschen. Menschen mit Familien, Menschen, auf die andere warten.“ Ein anderer Account bekam fast 40.000 Likes für den Kommentar: „Hey Jake, ich will mich auch sicher fühlen, ich habe auch eine Familie, bleib auf dem Boot.“ Rosmarin wurde in den Kommentaren auch von Verschwörungserzählern angefeindet. Am Freitag schrieb er: „Ich bin dankbar für all die Unterstützung, aber der Hass hat leider die Überhand gewonnen.“ Deswegen habe er die Kommentare deaktiviert. „Medizinisch ist die Verunsicherung nicht gut begründet“ Der Darmstädter Lungenfacharzt Cihan Çelik sagte mit Blick auf die Aufregung: „Ich verstehe die Verunsicherung, medizinisch ist sie aber nicht gut begründet.“ Da wirke auch das Trauma der Corona-Pandemie nach. „Das Virus überträgt sich nur unter sehr engen Bedingungen von Mensch zu Mensch – kein Vergleich zur Übertragbarkeit von SARS-CoV-2.“ Das Schiff anlegen zu lassen und alle Personen systematisch zu testen, sei die richtige Entscheidung. Die Hondius soll nach dem Willen der Regierung vor dem wenig frequentierten Industriehafen von Granadilla ankern. Der kanarische Regionalpräsident Fernando Clavijo verlangte, dass das Schiff nicht auf den Kanaren desinfiziert werde und so schnell wie möglich in die Niederlande weiterfahre. Auch Clavijo hatte die Landung des Schiffes zunächst abgelehnt. Nach Angaben der kanarischen Hafenbehörde werden Boote die Passagiere nach einer Untersuchung an Bord in Gruppen von etwa fünf Personen ans Ufer bringen. Busse sollen sie dann direkt zum nahe gelegenen Flughafen Teneriffa-Süd fahren. Bis zu acht Deutsche unter den Passagieren Das spanische Gesundheitsministerium bereitet nach eigenen Angaben ein Rechtsgutachten vor, das die spanischen Passagiere zur Quarantäne im Militärkrankenhaus Gómez Ulla in Madrid verpflichten soll; sie sollen mit einem Militärflugzeug in die Hauptstadt geflogen werden. Keiner der 14 Spanier an Bord hat nach Angaben des Senders RTVE bisher Einwände gegen diese Vorsichtsmaßnahme geäußert. Die Rückführung der restlichen Passagiere ist schwieriger. Zu ihnen gehören laut „El País“ auch acht Deutsche. Eine so hohe Zahl wird von deutscher Seite nicht bestätigt. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es am Freitag nur, dass sich Deutschland an der Vorbereitung der Betreuung und der Rückführung beteilige. Bei insgesamt 41 Personen könnte demnach der europäische Katastrophenschutzmechanismus helfen, während es bei Bürgern von Drittstaaten wahrscheinlich komplizierter wird. Das gilt besonders für die 38 Philippiner an Bord, die den größten Teil der Besatzungsmitglieder stellen. Aus den USA stammen 17 und aus Großbritannien 23 Menschen. Kontaktverfolger suchen in zwölf Ländern Die WHO ermittelt derweil mögliche Hantavirus-Fälle unter Passagieren in zwölf Ländern. Kontaktverfolger suchen nach Informationen zu den insgesamt 30 Passagieren, die in St. Helena von Bord gingen und ihre Reise individuell fortsetzten. Eine niederländische Stewardess wurde demnach negativ getestet. Sie war an Bord des KLM-Flugzeugs von Johannesburg nach Amsterdam, auf dem sich die später verstorbene niederländische Passagierin kurzzeitig befunden hatte. Auch bei einer Kontaktperson, die in die Uniklinik Düsseldorf gebracht wurde, konnte das Virus nicht nachgewiesen werden. Die Ergebnisse der umfangreichen virologischen Untersuchungen deuteten bisher nicht auf eine Infektion hin, teilte die Uniklinik mit. Die Person befindet sich den Angaben zufolge in einer stabilen klinischen Verfassung. Die 65 Jahre alte Frau stand nach Angaben des niederländischen Außenministeriums in engem Kontakt mit der deutschen Frau, die an Bord gestorben war. Ein dritter britischer Staatsbürger in Tristan da Cunha, einem britischen Überseegebiet im Südatlantik, wo das Schiff einen Zwischenstopp einlegte, zeigte unterdessen Symptome, wie die britische Gesundheitsbehörde (UKHSA) am Freitag mitteilte. Zwei infizierte Briten werden schon in Südafrika und den Niederlanden behandelt. Nach jüngsten Angaben des Veranstalters Oceanwide Expeditions zeigt keiner der Passagiere an Bord Symptome. Wie es zu den Infektionen kam, ist immer noch nicht klar. Als ein Präzedenzfall wird in der Fachliteratur eine Geburtstagsfeier mit hundert Gästen in einem ländlichen Gebiet im Süden Argentiniens genannt, die 2019 zum Ausgangspunkt eines Hantavirus-Ausbruchs geworden war. Elf Personen starben damals, mehr als 20 erkrankten.
