Nach Saint-Tropez muss man über das Meer kommen. Nicht nur, um den unvermeidbaren Stau zu umgehen, wenn sich im Sommer die Autos in endloser Kolonne die D 98A entlang schieben, sondern weil die Menschen es seit jeher so getan haben. Schon der heilige Torpes, ein frühchristlicher Märtyrer und Namensgeber der Stadt, kam mit dem Schiff, wenn auch nicht mehr lebendig. Auch die Fischer, Bootsbauer und Händler, die in Saint-Tropez schon viel länger zu Hause sind als die Filmstars, Yachtbesitzer und reichen Rentner, lebten immer von und mit dem Mittelmeer. Und auch heute kommen die meisten über das Wasser: Mit viel Aplomb die Passagiere der Superyachten und fast unbemerkt all diejenigen, die die Tourismusmaschine Saint-Tropez am Laufen halten, sich das Leben hier aber nicht mehr leisten können und deswegen mit dem Linienschiff von der anderen Golfseite zur Arbeit anreisen. Auch wir kommen übers Meer und finden es herrlich, obwohl uns der Mistral direkt ins Gesicht bläst. Noch muss unser kleines Motorboot keine Zickzacklinien fahren wie im Hochsommer, wenn der Golf von Saint-Tropez mit Motoryachten so vollgestopft ist wie ein Ikea-Parkplatz am verkaufsoffenen Sonntag. Im Juli ist die Reisezeit der Multimilliardäre mit ihren Gigayachten ab 120 Metern Länge und im August die der Multimillionäre mit ihren Superyachten ab 60 Metern, hat man uns im Hotel erzählt und auch, dass die beiden Fraktionen stets unter sich blieben. Yachten wie Raketen An diesem Maimontag liegen allerdings nur drei Yachten vor Anker, und auch das Meer leuchtet nicht so azurblau, wie man es bei einer Küste dieses Namens erwartet, sondern gibt sich undurchdringlich dunkel, als lauerten unter seiner Oberfläche Geheimnisse. Das Mittelmeer zeigt seine wilde Seite, und eine große Welle schwappt aufs Deck, als der Bootsführer in den Hafen einbiegt. Er fährt noch eine Extrarunde durch den Hafen, und wir können uns des Gefühls nicht erwehren, uns beim Vorbeifahren an den Yachten, die nicht nur Pershing heißen, sondern auch aussehen wie Raketen für den Einsatz auf dem Wasser, ein bisschen schutzlos zu fühlen. Als wir von Bord steigen, checken wir die Zeit auf der Hafenuhr – einer Rolex. Der Hafenmeister zeigt sich von dem Luxusprodukt, das über seinem Büro hängt, wenig beeindruckt: „Hauptsache, sie geht richtig“, sagt er in seinem harten provenzalischen Dialekt. Die meisten anderen, denen wir im alten Hafen begegnen, schenken den Insignien des Reichtums weitaus mehr Aufmerksamkeit. Viele Touristen scheinen überhaupt nur gekommen zu sein, um diese zu bestaunen. Auch wir schlendern langsam die Kaimauer entlang und begutachten die Yachten, nun von der Heckseite. Von hier aus wirken sie deutlich weniger bedrohlich, sondern eher etwas skurril mit ihren gläsernen Whirlpools auf dem Unterdeck, die aussehen wie überdimensionierte Aquarien. In Saint-Tropez bezahlen die Menschen viel Geld für die Illusion, sie brauchten im Leben nichts anderes außer Meer, Sonne und Liebe. Das Meer ist immer da, die Sonne scheint meistens auch. Und wenn es mit der Liebe nicht klappt, dann lässt sich das wunderbar bei ein paar Gläsern Weißwein unter der roten Markise des Café Sénéquier mit Blick auf das Wasser, die Boote und bei gutem Wetter auch die Seealpen verdrängen. Nur ein paar Schritte vom alten Yachthafen entfernt liegt die Plage de la Ponche, die Bucht, in der diese Illusion geschaffen wurde, im Alleingang von einer einzigen Frau, deren Mythos untrennbar mit dem von Saint-Tropez verwoben ist. Dort tanzte barfuß, liebte ungestüm und verführte reuelos die junge Brigitte Bardot alias Juliette drei Männer im Film „Und immer lockt das Weib“, sodass der Welt in den prüden Fünfzigerjahren das Hören und Sehen verging. Wenn man den Film 70 Jahre später ansieht, ist er schlecht gealtert. Die Dialoge wirken gestelzt, die Geschichte ist hanebüchen und das Männerbild indiskutabel. Doch an der ungezähmten Schönheit von Brigitte Bardot kann man sich auch heute nicht sattsehen. BB war eine Sensation, die europäische Antwort auf Marilyn Monroe und setze das verschlafene Fischernest mit einem Schlag auf die Landkarte des internationalen Jetsets. Die strahlend gelben Fassaden und engen Gassen waren mehr als eine Kulisse für das freie, unbeschwerte Leben, das diese verführerische junge Frau der Welt präsentierte – sie verschmolzen zu einer gemeinsamen Identität, umso mehr, als die Bardot sich nach Drehschluss in Saint-Tropez niederließ. Ein neues Frauenbild im konservativen Frankreich Eine sehenswerte kleine Ausstellung zum siebzigsten Jubiläum des Films erzählt von den Dreharbeiten und schildert, wie seine Protagonistin das Bild der Frau in der konservativen französischen Nachkriegsgesellschaft auf einen Schlag veränderte. Das kleine Kinomuseum von Saint-Tropez liegt in einem Gebäude, an dem in großen Lettern „Gendarmerie Nationale“ steht und das durch einen anderen Kinoerfolg weltbekannt geworden ist. Auf dem Revier verrichtete der Komiker Louis de Funès alias Gendarm Ludovic Cruchot in sechs Filmen seinen Dienst. Wenn man die Begeisterung der Besucher, mit der sie die Requisiten aus den Filmen entdecken und in langen Schlangen darauf warten, sich vor dem Gebäude der Gendarmerie fotografieren zu lassen, als Messlatte nimmt, dann ist der Komiker-Polizist im kulturellen Gedächtnis der Franzosen mindestens ebenso präsent wie das ständig lockende Weib. Dafür ist BB, die Ende 2025 mit 91 Jahren in Saint-Tropez gestorben ist, mit ihrem Schmollmund, dem langen blonden Haar und den dramatisch umrandeten Augen im Ort allgegenwärtig – ganz so, als wäre sie niemals gealtert und als habe es ihre Wandlung zu einer öffentlichen Person, die Tiere mehr liebte als Menschen und krude politische Ansichten vertrat, nie gegeben. In Souvenirshops findet man Postkartenständer, die ausschließlich mit Fotos von ihr bestückt sind. Bardots Bild hängt in fast jedem Geschäft, wenn es nicht gleich auf Handtücher oder T-Shirts gedruckt wurde. Jede zweite Modeboutique führt eine „Brigitte-Bardot-Kollektion“. Offensichtlich lässt sich mit ihrem Namen noch immer das Versprechen verkaufen, dass sich mit einem breitkrempigen Strohhut, einer großen Sonnenbrille und einem knappen Bikini jede Frau in diese Mischung aus Lolita und Femme fatale verwandeln kann. Dabei hat Saint-Tropez es gar nicht nötig, sein Bild auf ewig an das einer Frau zu ketten, die den Ort in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens weitgehend mied und zurückgezogen in ihrem Haus La Madrague lebte. Dafür muss man allerdings den alten Hafen und die dahinter gelegenen Einkaufsstraßen verlassen, mit ihren Luxusboutiquen, Champagnerbars und einem Buchladen, der vor allem Bildbände über Uhrenkollektionen, Sportwagen, Whiskey und Zigarren für den Coffee Table auf der Yacht führt, und sich in die schmalen Altstadtgassen begeben. Zwischen Hauswänden, die safrangelb und terracottafarben leuchten, lebt das Sonnige und Unangepasste fort, das Saint-Tropez zum Sehnsuchtsort von Malern wie Paul Signac und Pariser Literaten wie Simone de Beauvoir und Françoise Sagan machte, bevor die Welt es mit BB entdeckte. Es wehen buddhistische Gebetsfahnen, überall blühen Blumen, und selbst in der Kirche ist die Stimmung eher fröhlich als erhaben. Das mag daran liegen, dass ihr Inneres sonnengelb strahlt und selbst Jesus auf dem Bild nicht leidgeplagt blickt, sondern den Gläubigen zulächelt. Und auch das Haupt des heiligen Torpes sieht mit seinen markanten Gesichtszügen und dem dünnen schwarzen Oberlippenbart so glamourös aus, als sei er ein Leinwandstar aus der Stummfilmzeit. In der ehemaligen Fischerkneipe sitzen heute Investmentbanker Selten haben wir einen sakralen Ort so beschwingt verlassen wie diesen und laufen hinunter zum Strand La Ponche, an dem immer noch das gleichnamige Hotel steht, in dem Brigitte Bardot und die Filmcrew damals untergebracht waren. Die einfache Unterkunft hat sich zu einem Fünfsternehotel gemausert, und auf der Terrasse der ehemaligen Fischerkneipe verspeisen Gäste den Fang des Tages, die als Broterwerb eher die Börsen nach lukrativen Investments abfischen als das Mittelmeer nach Goldbrassen und Rotbarben. Vom Strand folgen wir der Küstenlinie 500 Meter in Richtung Osten und kommen zum Ort, der den vielleicht schönsten Blick über den Golf von Saint-Tropez und die Bucht Canebiers bietet: Der Seefriedhof Cimetière marin liegt unterhalb der Zitadelle, zur einen Seite begrenzt vom Meer, zur anderen von wilden Hortensien und Tamarisken. Ein einzelnes Segelschiff zieht am Horizont vorbei. Es ist ein Ort, der auch ohne die Berühmtheiten, die hier ruhen, ein ganz besonderer wäre. Hier sind die Gräber von Paul Signac und Eddie Barclay, auch Mario Adorf soll hier seine letzte Ruhe finden. Der Grabstein von Roger Vadim, Regisseur von „Und immer lockt das Weib“ und Brigitte Bardots erster Ehemann, ist so verwittert, dass der Name nur noch schwer zu entziffern ist. Das nicht weit von Vadim entfernt liegende Grab von Bardot ist hingegen überhäuft mit Blumen und kleinen Tierfiguren. Hier zeigen ihre Bilder nicht die blonde Verführerin, sondern die ergraute Kämpferin für Tierrechte, mit einer Robbe im Arm oder als KI-generierter Engel, umgeben von Hunden und Pferden. Dazwischen stecken Briefe von Fans an „Chère Brigitte“: In einem wird sie darum gebeten, sie möge im Himmel gut auf den verstorbenen Yorkshireterrier der Verfasserin aufpassen. So bizarr dieses Grab auch anmutet: Im Tod wurde Bardot als die Person erkannt, die sie in ihrer zweiten Lebenshälfte sein wollte, während im Ort selbst das Filmstar-Image auch Jahrzehnte nach dem Karriereende noch an ihr klebte. Wir verlassen Bardots Ruhestätte, um eine andere Ikone zu besuchen. Auf der anderen Seite der Bucht ist das legendäre Hotel Le Beauvallon in diesem Frühling von der Luxushotelgruppe Como aus Singapur zu neuem Leben erweckt worden. Schon vom alten Hafen aus sieht man es ochsenblutfarben inmitten eines großen Parks am Hang stehen, als würde es von dort aus über den Golf wachen: 1914 am Ende der Belle Époque gebaut, hat das Gebäude eine Biographie, in der sich das bewegte 20. Jahrhundert spiegelt. Während der beiden Weltkriege diente es als Militärhospital, dazwischen und danach war es bevorzugte Unterkunft der Reichen und Berühmten: Winston Churchill nächtigte hier ebenso wie Audrey Hepburn oder die Schriftstellerin Colette. Später fiel es in einen Dornröschenschlaf und wäre fast vom Disneykonzern in einen Freizeitpark verwandelt worden, bis ein chinesischer Milliardär das Beauvallon kaufte, renovierte und als Ort für luxuriöse Veranstaltungen vermietete. Wir verlassen Saint-Tropez, wie wir gekommen sind, über das Meer, mit einem Boot, das jede Stunde zwischen Saint-Tropez und dem Hotel pendelt. Der Wind hat sich gelegt, der Himmel ist klar, und wir können sogar die schneebedeckten Seealpen in der Ferne erspähen. Der Shuttle ist nicht nur für Hotelgäste gedacht, sondern auch für diejenigen, die das Strandrestaurant „Beauvallon Sur Mer“ besuchen wollen. Im Gegensatz zu den Beachclubs wie dem berühmten Club 55, die sich am Strand von Pampelonne aneinanderreihen, geht es hier nicht in erster Linie ums Gesehenwerden, um Drinks und Partys, sondern um gutes Essen. Für die Kulinarik ist Yannick Alléno verantwortlich, der französische Chef, der mit seinen Restaurants mehr Sterne erkocht hat als jeder andere. Die Küche ist so leicht, wie sie sich für einen unbeschwerten Sommer an der Riviera gehört: Die Auswahl an vegetarischen Gerichten ist ebenso groß wie die an Sushi und Sashimi, und auch sonst ist der asiatische Einfluss auf fast jedem Teller herauszuschmecken, sei es bei den Hühnchen mit Zitronengras und gegrilltem Römersalat als Hauptgericht oder den Klebereis-Dumplings zum Dessert. Das Design des Restaurants trägt zur sommerlich-beschwingten Atmosphäre bei: Die Architektin Dorothée Delaye hat sich vom Côte-d’Azur-Glamour der Fünfzigerjahre inspirieren lassen, setzt anstatt auf Glitter und Bling-Bling aber auf einen erfrischenden Kontrast aus Blau und Gelb. Der Eindruck, dass Kunst und Design in diesem Hotel eine tragende Rolle spielen, bestätigt sich auch direkt nebenan: Dort steht der Pavillon, den der japanische Architekt Toyo Ito 2002 für die jährliche Ausstellung der Serpentine Gallery in den Kensington Gardens entworfen hat. Dem Hoteleigentümer und Kunstsammler Victor Hwang gefiel der Kubus, dessen Struktur wie ein geometrisches Muster aus weißen und transluzenten Flächen wirkt, so gut, dass er ihn kaufte und im Park des Beauvallon aufstellen ließ. Und tatsächlich macht er sich vor der blauen Kulisse des Mittelmeers noch besser als vor einem Londoner Regenhimmel. Der Weg zum Hotel gleicht einem Spaziergang durch einen Skulpturenpark: Uns begegnen unter anderem ein fliegender Buddha, ein schmelzender Elch und ein Maschinenwesen, das aussieht, als sei es Stanisław Lems Kyberiade entflohen. Der Eindruck, dass das Beauvallon mindestens ebenso sehr Kunstausstellung wie Hotel ist, setzt sich im Inneren fort: Im Salon ergießt sich eine Metallskulptur wie ein Wasserschwall aus Buchstaben in den Raum. Vitrinen im Treppenhaus beherbergen Glaskunst, und jede leere Wand, jeder freie Winkel sind mit Bildern und Objekten belegt. Dieses Hotel ist wie eine Wunderkammer, durch dessen großzügige Flure und Salons man streifen und überall etwas Neues entdecken kann, immer mit Blick auf den grünen Park, den blauen Golf und die gelben Fassaden von Saint-Tropez, die sich im Hintergrund abzeichnen. Auch die 42 Zimmer und Suiten sind allesamt Unikate, individuell gestaltet vom Lampenschirm bis zur Badewanne. Dies ist kein in hellen Naturtönen durchgestaltetes Luxushotel, wie man es überall auf der Welt findet, sondern ein exotischer Vogel, der die Handschrift eines Kunstbesessenen trägt. Nur an wenigen Stellen hat der neue Betreiber Como auf eine behutsame Verwandlung gesetzt, zum Beispiel im Spa, das ausgebaut und umgestaltet wird. Diese wiederauferstandene Ikone könnte der perfekte Ort sein, um einen Riviera-Sommer zu verbringen: Mit Distanz zum Trubel in Saint-Tropez, aber nah genug dran, um jederzeit dort einzutauchen. Und gut im Blick hat man das Treiben ohnehin, vor allem aus den Suiten im obersten Stock, vor deren großen Fensterfronten goldene Fernrohre stehen. Es sei eine Lieblingsbeschäftigung der Suite-Gäste, die Yachten zu beobachten, heißt es dazu im Hotel. In dieser Faszination sind sich die Familien, die mit dem Eis in der Hand staunend durch den Hafen von Saint-Tropez schlendern, und Hotelgäste, die 16.000 Euro für eine Übernachtung ausgeben, offenbar ganz ähnlich. Information: Das Hotel Como Le Beauvallon verfügt über 28 Suiten mit Meerblick und 14 weitere Zimmer. Eine Übernachtung im Doppelzimmer kostet mit Frühstück ab 850 Euro; https://www.comohotels.com/france/como-le-beauvallon Das Museum der Gendarmerie und des Kinos in Saint-Tropez befindet sich 2 Pl. Blanqui, 83990 Saint-Tropez und kostet fünf Euro Eintritt.
