FAZ 22.09.2026
14:04 Uhr

Glücksspielaufsicht: „Wir wollen die Anbieter in die Mangel nehmen“


Seit fünf Jahren beaufsichtigt die Behörde GGL das Glücksspiel im Internet. Nun bemängelt sie träge Verwaltungsprozesse und fordert mehr Befugnisse.

Glücksspielaufsicht: „Wir wollen die Anbieter in die Mangel nehmen“

Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) fordert von den Bundesländern mehr Handlungsspielraum, um gegen illegales Glücksspiel im Internet vorzugehen. Klassische Verwaltungsprozesse seien zu langsam, um einen sich rasant verändernden Onlinemarkt zu beaufsichtigen, sagt GGL-Vorstand Ronald Benter. Seine noch junge Behörde vergibt Lizenzen an Anbieter von Onlinecasinos und Automatenspielen im Netz. Erst seit fünf Jahren ist Glücksspiel im Internet in Deutschland erlaubt, zuvor galt ein Totalverbot. Das Verbot hatte dazu geführt, dass Spieler vermehrt auf illegalen Websites spielten. Auf diesen können Spieler meist beliebig viel Geld setzen – mit der Gefahr, ihr Vermögen zu verzocken. Um den Spielerschutz zu gewährleisten, gilt seit Juli 2021 der Glücksspielstaatsvertrag; im Zuge dessen haben die 16 Länder wesentliche Bereiche ihrer Glücksspielaufsicht in einer gemeinsamen Behörde gebündelt. Die GGL lässt nur Anbieter zu, die sich an Regeln wie ein Einzahllimit halten, und geht juristisch gegen unerlaubte Angebote vor – lässt beispielsweise den Internetauftritt in Deutschland sperren. Verfahren gegen den Rapper Capital Bra Auch Werbung für illegales Glücksspiel ist der Behörde ein Dorn im Auge. Die GGL leitete ein Verfahren gegen den Rapper Capital Bra ein, er soll in Livestreams auf unerlaubten Seiten gespielt haben und für diese geworben haben. „Wir wollen die Anbieter aus mehreren Winkeln in die Mangel nehmen“, sagt GGL-Vorstand Benter der F.A.Z. Zum fünfjährigen Bestehen seiner Behörde stellt er heraus, dass die GGL in der Zeit mehr als 6000 Websites zu unerlaubtem Glücksspiel überprüft habe. Netzsperren habe es für 1800 Seiten von 254 Anbietern gegeben. Zum Vergleich: 129 Veranstalter sind zugelassen. Nach Angaben der GGL finden inzwischen 77 Prozent des Onlineglücksspiels im legalen Markt statt. Kanalisierung nennt die Branche die Eindämmung des unerlaubten Spiels. Der EU entgehen 23 Milliarden Euro Steuern Die Differenz zu anderen Schwarzmarktstudien ist jedoch groß. H2 Gambling, ein Analysehaus für den globalen Glücksspielmarkt, beziffert den deutschen Schwarzmarkt auf 78 Prozent. Also eine Kanalisierung von lediglich 22 Prozent. Die Zocker spielen demnach eher im unregulierten Markt – und dem Fiskus entgehen hohe Steuereinnahmen, da die illegalen Anbieter kaum Steuern zahlen. Zudem sitzen sie meist in Curaçao, also außerhalb der Europäischen Union. Nach einer Studie im Auftrag der European Casino Association (ECA) betrug der illegale Onlineglücksspielmarkt für EU-Nutzer im vergangenen Jahr 91,6 Milliarden Euro, wodurch den Mitgliedstaaten insgesamt geschätzte 23 Milliarden Euro Steuereinnahmen entgingen. Für den deutschen Haushalt dürfte es sich um mehrere Hundert Millionen Euro fehlendes Steuergeld handeln. Benter bemängelt, dass Spieler womöglich zu illegalen Anbietern wechseln, weil das deutsche Regulierungssystem nicht schnell genug auf Entwicklungen reagiere. Der GGL-Vorstand fordert: „Die Länder sollten uns die Möglichkeit geben, Anpassungen ohne Änderung des Staatsvertrages vorzunehmen.“ Er hofft, eine solche Öffnungsklausel bei der Novellierung des Glücksspielstaatsvertrags erwirken zu können. Der Staatsvertrag wird jedoch frühestens 2027 erneuert werden, derzeit läuft die Evaluierung.