FAZ 22.05.2026
13:55 Uhr

Gesundheitscampus Uniklinik: „Der Patient ist tot, aber wir können es gleich nochmal versuchen“


Mit „Laiendarstellern“, VR-Brillen und Rollenspielen lernen medizinische Fachkräfte am Frankfurter Uniklinikum im Team zu arbeiten. Trotz aller Technik bleibt Reden besonders wichtig.

Gesundheitscampus Uniklinik: „Der Patient ist tot, aber wir können es gleich nochmal versuchen“

In einem Vorratsraum des Gesundheitscampus warten die „festangestellten Mitarbeiter“ geduldig auf ihren Einsatz im Unterricht. Plastikpuppen mit starrem Blick sowie künstliche Körperteile werden so scherzhaft bezeichnet, weil sie die genügsamsten und ausdauerndsten Helfer bei der Wissensvermittlung für angehende Ärzte und Auszubildenden sind. In neuere Puppen ist sogar schon eine Erfolgsmeldung mit eingebaut: Da gibt es den Torso, der im Kopfbereich zu leuchten beginnt, wenn eine Reanimation erfolgreich war und wieder Blut zum Gehirn fließt. Oder die freigelegten Lungenflügel blähen sich munter auf, wenn man das Modell wirksam von Mund zu Mund beatmet hat. Der umgekehrte Fall existiert auch: Wenn ein Tubus zu robust in den Rachen eingeführt wird, zeigt ein Knacken an, dass man im Ernstfall dem Patienten einen Zahn abgebrochen hätte. „Ein Ton, den man nie vergisst“, sagt Miriam Rüsseler, wissenschaftliche Leiterin des Gesundheitscampus. Denn auch verkorkste Übungen am Plastikmenschen haben einen großen Vorteil: „Der Patient ist tot, aber wir können es gleich noch mal versuchen“, zitiert Rüsseler aus dem Repertoire schwarzen Humors der Lehrenden. Auf dem Campus, der vor anderthalb Jahren eröffnet wurde, werden heute knapp 5000 Menschen in medizinischen Berufen ausgebildet. Das Gros bilden etwa 3800 Human- und Zahnmediziner, dazu kommen Hebammenwissenschaftler und fast 1000 Auszubildende, die Physiotherapeuten, Operationstechnische Assistenten oder Krankenpfleger werden wollen, um nur einige der 14 Berufsziele zu nennen. Sie alle werden, sooft es geht, in gemeinsamen praktischen Übungen auf ihren beruflichen Alltag vorbereitet. Das Lernen in der Gruppe soll nicht nur alle auf den gleichen Wissensstand bringen, sondern vor allem Verständnis für Abläufe im jeweils anderen Team wecken. Praktisch angewandt wird dann das theoretische Wissen beispielsweise in einem Operationssaal, in dem lauter Anfänger unter strenger fachlicher Aufsicht gemeinsam einen Patienten behandeln. Dort sind sie zum Austausch gezwungen, müssen sich absprechen, den anderen ihr Handeln erklären, weil die Handgriffe, die Zusammenarbeit noch nicht wie bei einem erfahrenen Operationsteam reibungslos laufen. So wichtig das fachliche Wissen in der Medizin ist, im Gesundheitscampus wird auch reden, reden, reden geübt. „Die meisten Fehler entstehen durch fehlende Kommunikation. Diese Lücke versuchen wir zu schließen“, beschreibt Birgit Roelfsema, Pflegedirektorin der Universitätsmedizin Frankfurt, das Ziel. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig auf dem Gesundheitscampus. Im Haus 10A, wo ganze Flure für die praktische Ausbildung freigeräumt wurden, werden die Nachwuchskräfte mit verschiedenen Notsituationen konfrontiert. So etwa im „Messi-Zimmer“, das mit zahlreichen Requisiten in eine verwahrloste Behausung verwandelt wurde. Die Ausgangslage: Ein medizinisches Team wird zu einem häuslichen Notfall gerufen, sie wissen nicht, wen sie dort in welchem Zustand vorfinden. Hier geht es darum, eine Situation rasch zu überblicken und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine Hundeleine könnte auf ein Tier in der Wohnung hinweisen, vielleicht droht ein Angriff? Spielzeug oder eine Packung Pampers weisen auf Kinder hin. Sind sie noch in der Wohnung, verstecken sie sich irgendwo? Ist der Herd noch an? Auch die Rollen des Teams müssen vorab verteilt werden: Wer spricht mit dem Patienten, wer kümmert sich um die Verabreichung von Medikamenten? Effizienz, gute Absprachen, Verteilung der Rollen, die Fähigkeit, rasch und möglichst richtig zu entscheiden, all das kann hier im Rollenspiel geübt werden. „Sie müssen lernen, unter Zeitdruck zu arbeiten, weil das auch dem Klinikalltag entspricht“, sagt Miriam Rüsseler. Dazu gehöre aber auch, wirtschaftlich zu denken: Wie viel Zeit habe ich für jeden Patienten? Aber auch, die eigene mentale Kraft richtig einschätzen zu lernen. Wie viel Empathie kann ich einem Patienten schenken, und wenn es zu viel wird – auf wessen Schultern kann ich noch etwas abgeben, welche Kollegen können mich unterstützen? Es geht bei diesen Einsätzen auch darum, die Ausgangslage für Notfallsanitäter besser zu verstehen, zu begreifen, wieso manche Informationen beim Eintreffen im Krankenwagen noch nicht vorliegen können, warum der Transport eines Patienten aus dem sechsten Stock über ein enges Treppenhaus so lange gedauert hat. Wer selbst einen erwachsenen Mann auf diese Weise schon mal tragen musste, vergisst die Anstrengung nicht. Der Gesundheitscampus gliedert sich im Wesentlichen in zwei Teile: das ehemalige Allianz-Bürogebäude am Carl-von-Noorden-Platz, in dem hauptsächlich Theoretisches vermittelt wird, und das Haus 10A, in dem mehrere Simulationssäle untergebracht sind, wo Räume mit wenig Aufwand verwandelt werden können. In einen Schockraum, in eine Notaufnahme, in einen Übungsraum, in dem an Geräten endoskopische Eingriffe an künstlichen Modellen geübt werden können. Auch vier Übungskreißsäle inklusive Frauenpuppen mit aufklappbarem Babybauch sind eingerichtet. Das Training geht aber weit über den Umgang mit medizinischen Geräten hinaus. Im Innenhof ist ein Rettungswagen geparkt, der ebenfalls genutzt wird; mehrere Zimmer sind zu Wohnräumen umgestaltet. Und dann gibt es auch noch 200 Laienschauspieler, die den Ausbildern bei Bedarf für ihre Inszenierungen zur Verfügung stehen. Im kleinen Rosengarten vor dem Schulungsgebäude muss einer von ihnen immer wieder wie vom Schlag getroffen von der Sitzbank auf die Seite kippen. „Wir legen jetzt immer einen Zettel dazu, auf dem ‚Achtung: Schauspielpatient‘ steht, damit kein hilfsbereiter Außenstehender eingreift“, fügt Rüsseler hinzu. Schließlich gibt es an der Uniklinik reichlich Personal, das in so einem Fall helfen würde. Die Laiendarsteller dürfen nicht zimperlich sein. Einer scheinbar wegsackenden Patientin schlug eine Studentin beherzt ins Gesicht, um sie wieder aufzuwecken. „Die Frau hat nicht mal gezuckt“, sagt Roelfsema bewundernd. In einem anderen Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, treffen die Lernenden auf einen bewusstlosen Patienten. Was könnte ihm fehlen? Hier gehört auch zur Aufgabe, den Raum zu durchsuchen, sie finden einen Abschiedsbrief, vielleicht noch ein leeres Tablettenröhrchen im Mülleimer. Der Scannerblick der Retter muss geschult werden für all die Details, die über Leben und Sterben entscheiden können. Die Szenen werden dann auch immer nachbesprochen. Was hat gefehlt? Wo hat die Absprache versagt? Roelfsema: „Man muss lernen, sich zügig die Kontrolle über eine Situation zu erarbeiten.“ Für möglichst realistische Darstellungen im Kreißsaal werden allerdings erfahrene Hebammen eingesetzt. Die wüssten besser als alle anderen, wie sich Schwangere vor der Geburt durch Schmerzwellen kämpften, und könnten sie so lebensecht nachspielen, dass man die falsche von der echten Wehe kaum unterscheiden könne, lobt Rüsseler. In einem Durchgangsflur ist der Umriss einer Person am Boden abgeklebt. Doch hier wurden nicht die Spuren eines Verbrechens nachgezeichnet, sondern genau in dieser Position wird bei Bedarf eine Reanimationspuppe abgelegt, damit sie und vor allem die herbeigerufenen Helfer genau im Blickfeld der Kamera sind, die hoch oben in der Zimmerecke die Szene für die Nachbereitung festhält. Obwohl das Wissen um die richtige Wiederbelebung im Notfall auch unter Laien verbreitet ist, sodass viele Menschenleben durch rechtzeitiges Eingreifen gerettet werden können, überleben mehr Männer als Frauen. Ein Thema, das derzeit in Fachkreisen stark diskutiert wird, sagt Miriam Rüsseler. Ein Grund dafür könnte sein, dass Reanimationen immer an Männer-Puppen geübt werden. Aber wo genau soll die Herzdruckmassage ansetzen, wenn im wirklich wahren Leben ein Busen unter dem Pulli auftaucht? Kann das Zögern eines Helfers, der nicht weiß, ob er einen BH verschieben, zerreißen oder ignorieren soll, ob all das auf offener Straße angemessen ist, Grund für die schlechteren Überlebenschancen für Frauen mit Herzstillstand sein? „Wir haben daher im 3D-Drucker einen falschen Busen mit Tragegurt hergestellt, der bei Bedarf jedem männlichen Puppenmodell angelegt werden kann“, sagt Rüsseler. Solche vermeintlich kleinen Veränderungen im Trainingsprogramm können wichtige Erkenntnisse liefern. Im Zusammenspiel mit dem Bereich Didaktik der Universitätsmedizin werden die Abläufe danach bewertet und analysiert, eine kleine Studie dazu könnte schon in wenigen Wochen Ergebnisse liefern, sagt Rüsseler. Vielleicht kann so ein Beitrag aus dem Schulungsablauf sogar die Patientenversorgung, in diesem Fall der Frauen, verbessern helfen. Ausbildung wird hier nicht als starres Curriculum verstanden, sondern soll immer wieder mithilfe der didaktischen Expertise im Haus überprüft und nach Möglichkeit verbessert werden. Probleme finden im virtuellen „Raum der Fehler“ Geübt wird nicht nur am Modell, sondern auch in virtuellen Schulungsräumen. Der „Room of Errors“ kann nur mit einer Virtual-Reality-Brille „betreten“ werden. Der Lernende steht dann unvermittelt in einem imaginären Krankenzimmer, in dem er Fehler entdecken muss. Das kann der Infusionsständer sein, der am falschen Platz steht, das Bett, das nicht arretiert ist, oder der Nussjoghurt auf dem Nachttisch – obwohl der Patient laut seinen Unterlagen eine Nussallergie hat. Teil des Trainings ist auch, eine Visite auf der Krankenstation vorzubereiten. Nicht nur einfach mitzutrotten, wenn der Chefarzt mit Gefolge durch die Zimmer rauscht, sondern sich gemeinsam vorab zu überlegen: Welche Informationen muss ich für wen im Team in dem Patientenzimmer einholen, damit die Weiterbehandlung reibungslos und erfolgreich funktioniert? Eine Trennung der Lernenden, wie es früher üblich war, soll sooft wie möglich vermieden werden. Barrieren zwischen den angehenden Medizinern und etwa den Pflegekräften abzubauen, „das ist die DNA des Gesundheitscampus“, sagt Birgit Roelfsema. „Wir reißen Mauern ein, weil sie mehr schaden als nutzen“, ergänzt Rüsseler.