Wenn der Buckelwal aus der Ostsee herausfinden sollte, dann habe er eine Chance, sich zu rehabilitieren. Wenn er in der Ostsee bleiben sollte, stünden seine Überlebenschancen hingegen nicht gut, sagt Lisa Klemens. Sie ist Meeresbiologin am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. Weder Futtermenge noch Futterqualität, Wassertiefe und Salzgehalt der Ostsee seien für derartige Großwale geeignet, so Klemens. Der Wal sei ein „Irrläufer“, der nun wieder den Weg nach draußen finden müsse. Am Freitagmorgen war der Buckelwal von der Sandbank in der Lübecker Bucht plötzlich verschwunden. Kurz danach wurde er aber etwas weiter draußen im Wasser wieder gesichtet; drei Boote versuchten das Tier dann in Richtung offene See zu leiten. Das ging nur sehr langsam vorwärts. Daten von Internetseiten zur Schiffsverfolgung zeigten die Schiffe auch am Freitagmittag nur unweit vom Ausgangspunkt des Wals. „Wenn ein Wal den Scharfsinn hat, es raus zu schaffen, dann ein Buckelwal. Die sind sehr gute Navigatoren“, sagt Michael Hansen. Er ist Marinebiologe an der Universität Kopenhagen, spezialisiert auf Unterwasserakustik. Während andere Wale rasch strandeten, könnten Buckelwale sogar durch Häfen navigieren, sagt er. „Wenn dieser Wal tieferes Wasser findet, stehen seine Chancen ganz gut.“ Dann müsse der Wal rasch ins salzhaltigere Wasser schwimmen. Der Buckelwal hatte sich in einem Fischernetz verwickelt Der zwölf bis 15 Meter lange Buckelwal war in der Nacht auf Montag auf einer Sandbank der schleswig-holsteinischen Gemeinde Timmendorfer Strand aufgetaucht. Er wiegt rund 15 Tonnen und hatte sich in einem Fischernetz verwickelt, von dem bis zuletzt Teile an ihm hingen. Fachleuten zufolge ist er krank, seine Haut war am Rücken stark beschädigt. Eventuell war er an den Strand gekommen, um zu verenden. Über Tage versuchten Helfer, ihn zum Wegschwimmen zu bewegen. Zunächst mit Schlauchbooten, später wurde mit mehreren Baggern rings um ihn der Sand weggeschaufelt. Taucher, unter ihnen der Biologe und Aktivist Robert Marc Lehmann, waren im Wasser, um den Wal zum Aufbruch zu bewegen. Rund 40.000 Euro kostete die Aktion, die nun das Land Schleswig-Holstein laut Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) übernehmen will. Er war selbst am Donnerstag an Ort und Stelle. Michael Hansen von der Universität Kopenhagen gibt zu bedenken, dass bei derart großen Rettungsaktionen die Gefahr bestehe, dass man dem Tier mehr Schaden zufüge, als ihm zu helfen. „Es ist sehr normal, dass Tiere verenden. Die verenden alle irgendwann.“ Traurig sei das nur bei einem menschenverursachten Tod. Andernfalls sei das Teil des Ökosystems. „Wenn das Tier nun bald verenden sollte, wäre es besser gewesen, es einfach in Ruhe zu lassen.“ Ein GPS-Sender wurde nicht an dem Wal angebracht Der Biologe und Tierschutzaktivist Lehmann, der zuvor die Rettungsaktion angeleitet hatte, sagte am Freitagmorgen, er sei froh, dass der Wal weg sei. Am Donnerstagabend habe das Tier nur drei Meter von der tieferen Rinne entfernt gelegen. Es habe seine Kräfte gesammelt und allein den Weg nach draußen gefunden. Lehmann betonte aber, dass dies noch nicht die Rettung des Tiers sei. „Das ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Die Rettung ist, wenn er zu Hause ist, im Atlantik.“ Bis dahin sei es noch ein weiter Weg. Ein GPS-Sender, mit dem sein Standort verfolgt werden kann, wurde nicht an dem Meeressäuger angebracht. Niemand in Deutschland habe einen Sender, den man an Walen anbringen könne, sagte Lehmann. An einem solchen kranken Tier mit einer solch fürchterlichen Oberflächenhaut halte ohnehin kein noninvasiver Sender mit einem Saugnapf. Buckelwale kamen vorher bereits in die Ostsee Es ist nicht das erste Mal, dass ein Buckelwal in die Ostsee kam. Im Jahr 2024 wurden Reste eines toten Buckelwals an den Strand der dänischen Ostseeinsel Bornholm geschwemmt, im April 2025 bekam ein verendeter Buckelwal in der Bucht von Aarhus in Dänemark viel Aufmerksamkeit. „Buckelwale kommen zunehmend in dänische Gewässer, und das ist erfreulich, denn vor 60 Jahren war das noch undenkbar“, sagte damals Peter Teglberg Madsen, Professor am Institut für Biologie der Universität Aarhus, der Zeitung „Jyllands-Posten“. Es gebe sehr viele schlechte Nachrichten in der Welt, von der Biodiversitätskrise bis hin zur globalen Erwärmung, so Madsen. „Aber gerade bei Buckelwalen und anderen großen Walen handelt es sich um eine riesige Erfolgsgeschichte der Naturschutzbiologie, weil wir den Bestand wiederhergestellt haben.“ Buckelwale wurden wie so viele andere Walarten über Jahrhunderte massiv bejagt, ihr Fett wurde zu Öl unter anderem für Lampen verarbeitet, ihre Barten etwa für Peitschen genutzt, ihr Fleisch gegessen. Laut einer Studie der Royal Society in London aus dem Jahr 2019 wurden zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts die Bestände stark dezimiert. Mindestens 300.000 Buckelwale wurden auf der ganzen Welt getötet. Die Bejagung brachte demnach etwa die Population im westlichen Südatlantik an den Rand des Aussterbens, von rund 27.000 Exemplaren im Jahr 1830 sank die Zahl der Tiere dort auf nur noch 450 Mitte der Fünfzigerjahre. 1966 wurden Buckelwale durch die Internationale Walfangkommission (IWC) unter Schutz gestellt, seitdem haben sich die Populationen massiv erholt. Der Forscher Hansen von der Universität Kopenhagen gibt aber zu bedenken, dass die Situation für Buckelwale wieder schwieriger werden könnte. Die Meeressäuger fressen große Mengen an Krill und kleinen Fischen wie Heringe. Allerdings sinkt das Nahrungsangebot, weil die Meereserwärmung dem Krill zu schaffen macht, zudem wird dieser zunehmend industriell befischt, etwa für Aquakulturen. Schwindet der Krill weiter, könnte sich die Erholung der Buckelwale einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge wieder umkehren. Zudem sorgt die Erwärmung der Meere dafür, dass sich derzeit die Routen der Buckelwale durch die Weltmeere stark verändern.
