FAZ 17.05.2026
13:06 Uhr

Geschenke im Fußball: Zum Abschied gibt es Collagen des Grauens


Von München bis Leipzig und darüber hinaus verabschieden Bundesligaklubs ihre Fußballprofis mit kitschigen Fotocollagen. Seit Jahrzehnten geht das so. Wer ist schuld an dieser Tradition der Einfallslosigkeit?

Geschenke im Fußball: Zum Abschied gibt es Collagen des Grauens

Da sind sie wieder, die Collagen des Grauens. Landauf, landab überreicht an Profifußballer in den Stadien der Republik. Spätestens seitdem der FC Bayern seine Meisterschaften schon kurz nach Ostern feiert, sind die letzten Bundesligaspieltage vorwiegend die Zeit der gefühligen Verabschiedungen – und damit auch die Zeit der Fotocollagen. Seit Jahrzehnten geht das so. Wer sie sieht, ahnt, woher der Schmerz in „Abschiedsschmerz“ kommt. Denn dass es für scheidende Spieler neben Blumen auch stets etwas Hübsch-Hässliches für die heimische Wohnzimmerwand gibt, ist so sicher, wie dass der VAR für Diskussionen sorgt. Infrage gestellt hat diese Praxis in den Geschäftsstellen der Klubs aber offenkundig noch fast niemand. Deshalb gibt es in den beiden Bundesligen jetzt wieder ein buntes Sammelsurium an gerahmten Grausamkeiten. Zwar schert gelegentlich mal jemand aus, wie etwa die Dortmunder, die am vergangenen Spieltag ihren scheidenden Spielern Brandt, Süle und Özcan eine Art Bücherstütze in Form eines B überreichten. Aber in der Regel dominieren die Klassiker. Wie bei RB Leipzig, wo Xaver Schlager das übliche auf eine Leinwand gedruckte Foto-Feuerwerk geschenkt bekam. Und wie bei einem 20 Jahre alten Leihspieler namens Kosta Nedeljkovic, bei dessen Collage es immerhin eine beachtliche Leistung war, aus gerade einmal fünf Einsätzen mit rund 250 Minuten Spielzeit ähnlich viele Bilder wie bei Schlager, der vier Jahre lang Stammspieler war, zu destillieren. Fragwürdige Kunstwerke Getoppt wurde das eigentlich nur von dem „Kunstwerk“, das Stefan Reuter vom FC Augsburg überreicht bekam. Denn während es bei Spielern immerhin jede Menge Actionfotos gibt, war dessen Tätigkeit als Sport-Geschäftsführer und später Berater in den vergangenen 14 Jahren – vorsichtig ausgedrückt – keine sonderlich bildstarke. Eine Collage gab es selbstverständlich trotzdem für ihn. Auch wenn die ein wenig statisch wirkt. Harry Kane wiederum hatte seine sogar schon im Februar erhalten. Am 22. Spieltag hatte er in Bremen das 500. Tor seiner Profikarriere geschossen. Dafür gab es vom Verein einen Blumenstrauß und – natürlich – eine Fotocollage. Mit ihm in Jubelpose und in allen erdenklichen Trikots, die er im Laufe seiner Karriere getragen hat. Bei dem Tempo, in dem Harry Kane Tore schießt, ist allerdings zu befürchten, dass er schon bald die nächste geschenkt bekommt. Doch wer ist schuld an dieser Tradition der Einfallslosigkeit? Die Medienabteilungen? Die Klubführungen? Die Spieler selbst, die sich stets noch ein Lächeln abringen fürs ebenso unverhandelbare Foto mit Fotocollage, Floristik und Vorstand? Aus einem Klub, der in den vergangenen Jahren regelmäßig in der Bundesliga spielte, ist zu hören, dass die Gattin des Präsidenten über viele Jahre die Collagen-Kollektion für das letzte Saisonspiel am heimischen Computer bastelte. Irgendwann durfte sie nicht mehr, weil es der Medienabteilung zu peinlich wurde. Verstaubt im Keller Viel besser sehen die Collagen an anderen Fußball-Standorten allerdings auch nicht aus. Und überhaupt: Was genau sollen die Spieler eigentlich mit den ganzen Bildern aus Bildern? Wer schon mal in eine der schleimig-kitschigen „Homestorys“ von Sky-Moderator Ricardo Basile geschaut hat, weiß, dass Fußballer ihre geräumigen Traumhäuser gerne mit gerahmten Trikots, die sie im Laufe ihrer Karriere getragen oder ertauscht haben, tapezieren. Die Collagen sind dagegen eher nicht zu sehen. Sie dürften wahlweise im Keller oder auf dem Dachboden vor sich hin stauben. Schwierig wird es ohnehin für die, die öfter mal den Verein wechseln. Wie viele Collagen Sebastian Polter wohl besitzt, der in der Bundesliga für sieben verschiedene Vereine spielte und damit Rekordhalter ist? Doch selbst Vereinstreue hilft nicht, das sieht man zum Beispiel an Thomas Müller. Zu seinem Abschied nach 25 Jahren beim FC Bayern bekam dieser gleich zwei Fotocollagen geschenkt. Immerhin halbwegs kreativ hatten seine Mannschaftskollegen eine Aufnahme aus seiner Kindheit (der kleine Thomas auf dem Kinderbett im Bayern-Trikot und mit Bayern-Bettwäsche) nachgestellt – und das Ganze dann natürlich als Collage mit lauter Mini-Müllers überreicht. Vom Klub gab es zudem eine Collage aller Trophäen, die Müller mit den Bayern gewonnen hat. Was zugegebenermaßen gar nicht mal so unästhetisch war, zumal Müllers Titel-Sammlung bekanntlich imposant ist. Das Motiv könnte ihm allerdings bekannt vorgekommen sein. Dieselbe Grafik hatte vier Jahre zuvor schon Jérôme Boateng bei seinem Abschied vom Klub bekommen. Was es wohl für Manuel Neuer gibt, sollte dieser seine Karriere dann doch irgendwann mal beenden? Wir hätten da so eine Idee...