FAZ 23.05.2026
11:08 Uhr

Gefangene von Poitiers: Sie wollte zurück in ihre „liebe kleine Höhle“


Vor 125 Jahren wurde eine Frau in einem Zimmer entdeckt, in dem sie 25 Jahre lang von ihrer Familie eingesperrt worden war. Jetzt nährt ein Rechtshistoriker Zweifel an der Romanfassung zu dem Fall Blanche Monnier.

Gefangene von Poitiers: Sie wollte zurück in ihre „liebe kleine Höhle“

Der Fall der „Gefangenen von Poitiers“ ist eine der aufsehenerregendsten Kriminalgeschichten des frühen 20. Jahrhunderts. Vor genau 125 Jahren, am 23. Mai 1901, wurde eine Frau in einem Zimmer entdeckt, in dem sie 25 Jahre lang von ihrer Familie eingesperrt worden war. Der Fall schockierte ganz Frankreich und ging um die Welt. Der berühmte Schriftsteller André Gide veröffentlichte 1930 ein Buch über Blanche Monnier. Regisseur François Truffaut war davon so fasziniert, dass er ein Hörspiel dazu aufnahm. Es begann mit einem anonymen Brief, der im Gericht von Poitiers einging: „Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt, ich habe die Ehre, Ihnen einen Vorfall von außerordentlicher Schwere zu melden. Es handelt sich um eine junge Dame, die bei Frau Monnier eingesperrt ist, teilweise hungern muss und seit 25 Jahren auf einem verdreckten Strohbett lebt – kurz gesagt: in einem Zustand des Verfalls. Ein empörter Landsmann.“ Ein anonymer Brief brachte die Polizei zum Versteck Die Polizisten, die damals in die Villa der Monniers ausrückten, sollen vor Ekel zurückgewichen sein. Die Kammer lag im Dunkeln. Boden und Wände waren mit alten und frischen Exkrementen bedeckt. Verwesende Reste, Gemüse und fauliges Fleisch lagen verstreut inmitten von Kakerlaken, Würmern und anderem wimmelnden Ungeziefer. Der Gestank soll bestialisch gewesen sein. Auf dem Strohbett lag eine nackte, abgemagerte Frau, deren langen Haare völlig verfilzt waren. Sie besaß nicht die Kraft, selbst aufzustehen. In der 90.000-Einwohner-Stadt Poitiers, die auf halbem Weg zwischen Paris und Bordeaux liegt, machte der Skandal sofort die Runde. Die Familie Monnier zählte zu den Notablen und besaß ein stattliches Vermögen. Der verstorbene Vater Emile Monnier war als Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Poitiers ein überaus angesehener Mann gewesen. Blanches Bruder Marcel zählte als Unterpräfekt zu den Respektspersonen. Wie konnte eine solche Familie so grausam handeln? Fotos dokumentieren, dass Blanche eine ausgemachte Schönheit war. Ihr sollen viele Verehrer zu Füßen gelegen haben. Die Tochter aus gutem Hause verliebte sich in einen mittellosen Anwalt. Die verwitwete Mutter wollte die Mesalliance verhindern und verbot Blanche die Beziehung. Doch die Fünfundzwanzigjährige weigerte sich, die Beziehung aufzugeben. Daraufhin sperrte ihre Mutter sie ein, um eine nicht standesgemäße Verbindung zu verhindern. Für die Mutter war die Verbindung nicht standesgemäß So jedenfalls liest sich die Geschichte, die André Gide verbreitete. Inzwischen aber gibt es Zweifel, ob es sich wirklich so zugetragen hat. Der spätere Nobelpreisträger wollte mit den überkommenen Moralvorstellungen des Bürgertums abrechnen, schreibt der Rechtshistoriker Jean-Marie Augustin in seinem Buch „Die wahre Geschichte der Gefangenen von Poitiers“. „André Gide stammt aus demselben akademischen Milieu der Provinzbourgeoisie. Aber er hat mit dieser Welt gebrochen. Seine Erzählung ist für ihn eine Gelegenheit, mit seiner Herkunft abzurechnen“, sagt Augustin. Deshalb sei Gide die Geschichte von Blanche Monnier gerade recht gewesen, um die Verlogenheit der bürgerlichen Normen anzuprangern. Der Anspruch, der eigenen Tochter eine gute Partie zu sichern, führe zu solchen Extremen wie das Verhalten der Witwe Monnier. Warum aber fragte niemand nach Blanche, während sie eingesperrt war? Ihr Geliebter, der Anwalt Victor Cameil, stellte wohl Nachforschungen an, verstarb aber im Jahr 1885 unerwartet. Ihr Bruder will vom Schicksal seiner Schwester nichts geahnt haben, wie er vor Gericht aussagte. Seine Mutter Louise Monnier starb kurz vor dem Prozess an Herzversagen. Vor ihrer Gefängniszelle hatten täglich schockierte Menschen protestiert. Marcel Monnier hingegen wurde im Berufungsverfahren freigesprochen. Ihm wurde von den Richtern zugutegehalten, dass er extrem kurzsichtig war und keinen Geruchssinn hatte. Blanche kam in eine Heilanstalt, in der sie 1913 starb. Rechtshistoriker Augustin forschte in den erhaltenen Akten. Demnach sei sicher, dass Blanche Monnier im Alter von etwa 22 Jahren aufhörte, sich richtig zu ernähren. Ihre Anorexie führte demnach dazu, dass sie sich immer mehr in ihr Zimmer zurückzog. Aus den Prozessakten gehe hervor, dass Marcel Monnier als fürsorglicher Bruder versucht habe, der Schwester psychologische Hilfe zukommen zu lassen, und sie in eine Heilanstalt einweisen lassen wollte. Doch das suchte die Mutter zu verhindern: um den Skandal zu vermeiden. In ihren letzten Lebensjahren, so Augustin, soll Blanche immer wieder verlangt haben, in ihre „liebe kleine Höhle“ zurückkehren zu dürfen.